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Hinterland Noch gibt‘s keine Knöllchen
Landkreis Hinterland Noch gibt‘s keine Knöllchen
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13:21 11.03.2018
Hier wird’s für Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator eng: Etwas zu weit steht dieses Auto auf dem Bürgersteig – das haben der neue Ordnungspolizeibeamte Lothar Müller (von links), Ordnungsamtsleiter Ingo Plaum und Bürgermeister Julian Schweitzer festgestellt. Einen Strafzettel muss der ­Autofahrer aber noch nicht befürchten. Quelle: Michael Tietz
Bad Endbach

„Das vernünftige Parken gerät ein bisschen in Vergessenheit, das ist uns in den vergangenen Monaten vermehrt aufgefallen“, sagt Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD). Von Generation zu Generation werden die Regeln wohl lockerer gehandhabt, lautet seine Einschätzung. „Ich muss mich auch immer daran erinnern, nicht auf dem Bürgersteig zu parken, sondern nur auf den markierten Feldern“, gesteht Schweitzer.

Die Beschwerden aus der Bevölkerung würden jedoch zunehmen. Falschparker blockieren Bürgersteige, die dann nicht mehr mit Kinderwagen oder Rollator passierbar sind. Die Folge: Die Fußgänger weichen auf die Straße aus und begeben sich somit in Gefahr. „Wir müssen deshalb handeln“, betont der Bürgermeister.

Der Gemeindevorstand entschloss sich infolgedessen dazu, einen Hilfspolizisten einzustellen. Diese Aufgabe übernimmt ein Mann vom Fach: Lothar Müller arbeitete 36 Jahre lang für die Polizei in Mittelhessen. Seit gut vier Jahren ist er im Ruhestand, aber nicht untätig. So absolvierte er bereits im Vorjahr für einen von der Kommune 
beauftragten Sicherheitsdienst Kontrollgänge in der Gemeinde Bad Endbach und schaute nach dem Rechten.

Schweitzer: Wir sind nicht auf Konfrontation aus

Ab sofort tut er dies direkt für die Kommune – als offiziell vom Landkreis bestellter Ordnungspolizeibeamter. Diese Ausnahmegenehmigung stellt dem 63-Jährigen aus Lohra das Regierungspräsidium Gießen aus. „Das gibt mir ein deutliches Mehr an Kompetenz und Eingriffsbefugnissen“, erklärt Lothar Müller.

So darf er nicht nur im ruhenden Verkehr eingreifen, sondern kann auch anderen Ordnungswidrigkeiten nachgehen – angefangen von illegaler Müllentsorgung bis hin zu Temposünden.

„Zu Beginn wollen wir nur erklären, wir sind nicht auf Konfrontation aus und wollen nicht gleich Knöllchen verteilen“, umschreibt Julian Schweitzer das Ziel der Aktion. Lothar Müller soll auf die Leute zugehen, das Gespräch suchen und ­ihnen zeigen, warum das richtige Parken wichtig ist. „Vielen ist es vielleicht gar nicht bewusst, welche Probleme sie Mitmenschen machen, wenn sie ihre Auto auf dem Bürgersteig parken“, erklärt der Bürgermeister.

Plaum: Feuerwehr und Rettungsdienst haben richtig Probleme

Ein Einsatzort des Hilfspolizisten befindet sich direkt vor der Grundschule. Während der Bring- und Abholzeit seien die Probleme dort besonders auffällig. „Da wird leider auch direkt auf dem Zebrastreifen geparkt“, sagt Schweitzer.

Doch nicht nur für Fußgänger stellen falsch abgestellte Autos ein Hindernis dar. Auch für Rettungsfahrzeuge gibt es in einigen engen Straßen kaum noch ein Durchkommen. Vor allem abends, wenn alle Berufstätigen wieder zu Hause sind und ihre Autos vor dem eigenen Domizil geparkt haben.

„Feuerwehr und Rettungsdienst haben an einigen Stellen richtig Probleme“, weiß Ordnungsamtsleiter Ingo Plaum. Grund sei meistens, dass versetzt geparkt wird. Die großen Fahrzeuge der Einsatzkräfte müssen dann wie in einem Slalomparcours die Pkw umkurven – wenn denn der Platz dafür überhaupt ausreicht.

Thermenbesucher dürfen am Wochenende bei Lidl parken

Die Feuerwehr der Gemeinde hat der Verwaltung deshalb eine Liste mit Engpässen übermittelt. Diese wird Hilfspolizist Müller bei den abendlichen Kontrollgängen dann mit in seinen Tourplan aufnehmen. „Dieses Problem haben wir nicht nur in Bad Endbach, sondern auch in anderen Ortsteilen“, erklärt Plaum.

Schwierigkeiten gibt es auch auf dem Parkplatz der Lahn-Dill-Bergland-Therme. Dort werden nach Auskunft des Bürgermeisters ebenfalls die Flucht- und Rettungswege zugeparkt. Busse, die Besuchergruppen zur Therme bringen, könnten nicht mehr wenden. „Dabei stehen im nahen Umfeld genügend Parkplätze zur Verfügung“, betont Schweitzer. So dürfe am Wochenende auch gerne der Lidl-Parkplatz genutzt werden, erklärt der Bürgermeister. Trotzdem plant die Gemeinde, etwa 20 neue Parkplätze direkt an der Therme zu schaffen.

In Bad Endbach und in Weimar im Einsatz

Müller freut sich auf seine Aufgabe. „Der Umgang mit Bürgern war schon immer mein Metier. Ich habe kein Problem, auf die Leute zuzugehen“, sagte der ehemalige Polizeibeamte. Natürlich werde es Fälle geben, die er verfolge und auch anzeige. Zuallererst wolle er aber die Prinzipien der Legalität und Opportunität walten lassen. Sprich: „Mache ich etwas oder eben nicht“, sagt der 63-Jährige. Um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten, müsse nicht immer sofort ein Knöllchen verteilt werden.

Den gleichen Job wie in Bad Endbach hat Müller auch schon seit einiger Zeit in der Gemeinde Weimar. „Da wird das genauso praktiziert“, sagt er. Müller sieht sich als verlängerter Arm der Verwaltung, spricht sich mit dem Ordnungsamt und dem Bürgermeister ab, wo er tätig sein soll. Bis zu vier Stunden in der Woche wird er nun in Bad Endbach selbst und den Ortsteilen im Einsatz sein.

von Michael Tietz