Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Flucht endet auf Palermos Straßen
Landkreis Hinterland Flucht endet auf Palermos Straßen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:58 24.01.2018
Die Somalin Samia lebte drei Jahre in Lohra und wurde nun nach Sizilien abgeschoben. Quelle: Foto: Christian Charisius/dpa
Lohra

Drei Polizisten betreten gegen 4 Uhr Samias Wohngemeinschaft in der Bahnhofstraße in Lohra. Elfriede Köhler, eine Betreuerin vom Arbeitskreis für Menschenrechte und Menschenwürde und Samias Mitbewohnerin warten­ seit Stunden auf diesen Moment.

Samia wurde nach Sizilien abgeschoben und lebt dort auf der Straße. Privatfoto

Die Frauen halten einander fest und wissen doch: Es gibt keinen Ausweg. Der Asylantrag der Somalin ist abgelehnt, weil ihre Füße in Europa zuerst den Boden Siziliens berührt hatten. Dorthin muss sie zurück. Die Polizisten lassen der
Somalin Zeit, ihre Dinge zu ordnen. Tränen fließen. Dann steigt Samia ins Polizeiauto. Das ist das letzte Mal, dass die Frauen­ Samia in die Augen schauen, dann ist die Somalin weg.

Seitdem der Brief vom Amt Anfang November im Briefkasten lag, war Angst Samias ständiger Begleiter. Sie packte ein paar Sachen und wollte nur weg. Aber wohin? In Deutschland wäre sie eine Illegale, ohne Papiere, ohne Geld, ohne ein Dach über dem Kopf. Sie gab den Plan auf, sie wusste, es gibt keinen Ausweg.
2017 wurden insgesamt 1 142 Menschen aus Hessen abgeschoben, 2 915 kehrten freiwillig in ihre Heimat zurück.

Die eine war gekommen, um zu bleiben: Samia. Der Name bedeutet im Arabischen und Hebräischen „Erhaben“ oder „Edel“. Vom Leben einer Prinzessin ist die 30-jährige Somalin aber so weit entfernt wie die Erde von der Sonne.

Miliz 
verbreiteten Angst und Schrecken

Ihre Gedanken kreisen seit der Abschiebung täglich um die Fragen: Wo werde ich schlafen, und werde ich etwas zu essen haben? Die Afrikanerin lebt seit dem 21. Dezember 2017 auf ­
Palermos Straßen (Sizilien).

Bis dahin war Samias Leben in Ordnung – wenn man überhaupt davon sprechen kann. Jetzt ist sie eine von 274 Flüchtlingen, die nach der Dublin-III-Verordnung aus Hessen abgeschoben wurden. Samias Traum von einem sicheren Leben – geplatz. Ihre geschwollenen Füße­ trugen sie von Somalia nach
 Äthiopien, durch den Sudan bis sie schließlich in Libyen mit dem Schiff den Hafen von Catania (Sizilien) erreichte.

Samia floh aus einem Land, in dem seit 1991 ein erbitterter Kampf um die politische und wirtschaftliche Macht tobt. Beobachter bezeichnen das Land als „schwarzes Loch“. Clans, lokale Warlords und die ­militante islamistische Miliz 
 al-Shabaab verbreiteten Terror, Angst und Schrecken. Wegen der Gewalt und der Hungersnöte verließen 2016 rund 1 Millionen Menschen Somalia.

Samia spricht nicht über ihre­ Erlebnisse. Ihre Wunden sind längst verheilt, aber ihre Seele­ ist krank. Beim Gedanken an eine Rückkehr nach Somalia bricht sie jedes Mal schreiend zusammen. Die Rückkehr nach Sizilien ist für sie dagegen nur ein Albtraum – einer, der Wirklichkeit wurde.

Bitten der Lohraer hatten keinen Erfolg

Seit dem 21. Dezember ist Samia auf sich allein gestellt: keine Familie, keine Freunde, kein soziales Netz. In Sizilien ist das System überfordert. Samias Schicksal ist eines von vielen und kümmert niemanden. 2017 kamen rund 117 000 Geflüchtete übers Mittelmeer nach Italien, individuelle Schicksale gehen unter in der Flut. Samia hat zwar einen Schutzstatus in Italien, aber das Land erwartet, dass sie für sich selbst sorgt.

Der Helferkreis aus Lohra befürchtet, dass Samia ohne Schulbildung und ohne Sprachkenntnisse dort untergeht. Die Lohraer haben nichts unversucht gelassen, damit Samia im Winter ein Dach über dem Kopf hat – in Deutschland. Doch es ist nicht geglückt.

„Wir haben den Verantwortlichen die Bitte vorgetragen, dass Samia aus humanitären Gründen bis zum Frühling in Deutschland bleiben kann“, sagt Elfriede Köhler. Ohne­ ­Erfolg. Das lastet schwer auf den Schultern der Helfer.

„Wie kann ich nachts in meinem warmen Bett gut schlafen, wenn ich weiß, dass Samia keinen Platz zum Schlafen hat“, sagt Köhler. Unter den Dublin-Rückkehrern in Italien seien viele ohne Unterkunft, da Schutzbedürftige die Auffangzentren nach sechs Monaten verlassen müssen, sagt Juristin Adriana Romer von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH. Hinzu kämen finanzielle Probleme.

Grundsätzlich erhielten Flüchtlinge wie Samia zwar Zugang zu Sozialleistungen, allerdings baue das italienische System darauf, dass Familien ihre Angehörigen unterstützen. Geflüchteten fehle dieses familiäres Netz. Ebenso sei die medizinische Versorgung in Notfällen zwar gewährleistet, doch oft könnten Geflüchtete den Selbstbehalt nicht zahlen, sagt Romer.

Samia lebt auf Palermos Straßen, ohne­ Schutz und ohne Geld. Zwei Jahre hat sie bereits als Obdachlose in Sizilien „überlebt“. Damals nahm sie ihr Schicksal in die Hand. Ihre Füße trugen sie ein weiteres Mal in ein anderes Land: nach Deutschland.

Samia lebte drei Jahre in der Gemeinde

Sie lebte drei Jahre in Lohra, bevor ihre Akte im zuständigen Amt geschlossen und Samia kurz vor Weihnachten in Frankfurt in ein Flugzeug mit Ziel Sizilien gesetzt wurde. „Ich musste lernen, dass die Arbeit der Ehrenamtlichen zwar wohlwollend, aber keinesfalls als so wichtig bewertet wird, dass Erkenntnisse und Bitten ein Gewicht haben“, sagt Elfriede Köhler.

30 Jahre engagiert sich die Lohraerin in der Flüchtlingshilfe. Samias Schicksal bezeichnet sie als das traurigste während dieser Zeit. „Ich werde nie das Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit vergessen, als Samia an uns vorbei ihre Wohnung verließ“, sagt Köhler.

Der Helferkreis hatte um drei ­Monate Aufschub der Abschiebung ersucht. Das Schicksal der
Somalin ließ die Bürokratie kalt. „Das kann sich Deutschland nicht leisten“, sagt Elfriede ­Köhler.

Die Somalin, die auf der Suche nach einem besseren Leben alles riskiert hat, ist in der Ausweglosigkeit gestrandet. Über eine Hilfsorganisation soll die Somalin mittlerweile zumindest von 22 bis 8 Uhr einen Schlafplatz in einer Art Obdachlosenasyl der Caritas haben – ohne Heizung und ohne warmes Wasser. Eine Kleinigkeit zu essen erhalte sie morgens und abends. Das beruhigt Köhler ein bisschen.

Doch diese Hilfe reicht nicht aus. Und wer weiß, wie lange Samia den Kontakt nach Lohra halten kann. Jedes Telefonat, das Samia mit ihrer ehemaligen Mitbewohnerin führt, saugt Elfriede Köhler auf wie einen Schwamm, dann weiß sie: Samia ist okay – so weit.

Der Arbeitskreis aus Lohra hofft, Samia finanziell helfen zu können. Sie wollen Samia nicht vergessen und fragen: Warum gab es für die Somalin keine Hilfe? Vielleicht, weil sich keiner für ihr Schicksal interessiert. Denn, „wer ist schon Samia?, sagt ­Elfriede Köhler.

von Silke Pfeifer-Sternke