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Hinterland Musik aus dem Zwetschgenbaum
Landkreis Hinterland Musik aus dem Zwetschgenbaum
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16:44 27.04.2017
Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Krug (rechts) stellte Radiofreunden eine Hörcollage zur Entwicklung des Radios in der Region vor. Quelle: Sascha Valentin
Bad Laasphe

Im vergangenen Jahr hatte Hans-Jürgen Krug Menschen unterschiedlichen Alters gesucht, die bereit waren, über ihre Erfahrungen mit dem Radio zu berichten: über ihre 
Erinnerungen an den ersten Kontakt, wie sie das Radio im Laufe ihres Lebens wahrgenommen und erlebt haben oder was es für die Familie bedeu­tete.

Dabei ist eine 54-minütige Sendung zur Entwicklung des Radios in der Region entstanden (die OP berichtete). Diese könnte demnächst sogar prämiert werden. Krug ist einer der Kandidaten für den Bürgermedienpreis, den die Landesanstalt für Medien in Düsseldorf seit 2004 ausschreibt. In diesem Jahr ist er in der Kategorie „Publikumspreis Bürgerfunk“ nominiert. Dabei können die Bürger selbst für den Beitrag abstimmen – die Abstimmung läuft noch bis zum 30. April (Adresse siehe unten).

Neben Teilnehmern aus dem Wittgensteiner Raum gehörten dazu auch Hinterländer Radiohörer wie Werner Reichel aus Lixfeld und der gebürtige Biedenkopfer Gerhard Paul, der heute in Flensburg lebt.

„Experten“ warnten vor „Rundfunkgesicht“

Teilweise habe er mit ihnen bis zu einstündige Gespräche über das Medium Radio geführt, berichtete Krug. Die Gespräche wurden aufgezeichnet und ­anschließend zusammen mit Original-Hörbeiträgen und Radiosendungen aus den vergangenen 90 Jahren zu einer klangvollen Collage zusammengeschnitten. Radio Siegen, Tide 96.0 Hamburg und Radio Unerhört Marburg strahlten die Sendung bereits in ihrem Programm aus. Der Streifzug durch 90 Jahre Radiogeschichte vermittele die Entwicklung dieser Technologie auf unterhaltsame Weise, sagte Krug.

So wurde zu Anfang des Rundfunkempfangs im Hinterland und Wittgenstein 1924 noch ernsthaft vor dem gefürchteten „Rundfunkgesicht“ gewarnt, unter dem Menschen zu leiden drohten, die zu angestrengt den Sendungen im Radio lauschten. Außerdem 
 wurden Hochfrequenzheilgeräte angeboten, die die schädliche Wirkung des Radios neutralisieren sollten. Das sei immer so, wenn eine neue Technik Einzug in das Leben halte, erklärte Krug. Dann würden stets erst einmal die schlechten Seiten gesehen.

Doch schon 1930 gab es das erste Radiogeschäft in Bad Laasphe, und die neue Technologie wurde als „schönstes Weihnachtsgeschenk“ angepriesen, berichtete der Hamburger. Die Entwicklung verlief sogar so rasant, dass es in den 30er Jahren mindestens drei, vielleicht sogar noch mehr Radiogeschäfte in der Stadt gab. Und in Biedenkopf sei sogar ein Radioclub gegründet worden.

Politischen Grenzen wurden aufgeweicht

Was den Beitrag aber vor allem auszeichnet und so interessant macht, sind die vielen kleinen Anekdoten, derer sich die Sprecher erinnern. So berichten sie davon, wie das Radio das Hinterland an die Welt angeschlossen und die politischen Grenzen aufgeweicht habe. Denn die Laaspher hörten zunächst nicht den Rundfunk aus ihrer eigenen Region, sondern die Sendungen des hessischen Rundfunks aus Frankfurt – vermutlich, weil der Empfang besser war.

Reichel erzählt in dem Beitrag von seinem ersten Kontakt mit dem Radio, als die Familie einen langen Metalldraht von dem Empfänger durchs Haus und den Garten zum Zwetschgenbaum legte und diesen umwickelte, um so eine Antenne zu haben. Als die Großmutter daraufhin die Melodien aus dem Radio hörte, habe sie vor Verwunderung gerufen: „Ei Jung, woas hätt aich da gedocht, dass ausm Kwetschebaam su schiene Musik kimmt.“

Eine gekürzte Wettbewerbsfassung ist im Internet unter der Adresse www.lfm-nrw.de/
service/veranstaltungen-und-preise/lfm
-buergermedienpreis/buergermedienpreis
-2017/abstimmung-zum-publikumspreis
-buergerfunk.html zu finden.

von Sascha Valentin