Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Gewerkschafter: „Die Metallindustrie boomt“
Landkreis Hinterland Gewerkschafter: „Die Metallindustrie boomt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:00 11.01.2018
André Bentz sprach zu den Beschäftigten von Adient – ehemals Johnson Controls – in Friedensdorf. Quelle: Mark Adel
Friedensdorf

Die Gewerkschaft fordert, die Löhne um sechs Prozent zu erhöhen. „Damit die Arbeitnehmer an der hervorragenden Wirtschaftslage Anteil haben“, sagte Hans-Peter Wieth, der Erste Bevollmächtigter der IG Metall Herborn. Er sprach am Donnerstag zu den Beschäftigten von Adient in Friedensdorf – ehemals Johnson Controls. Es war der erste Warnstreik im Hinterland seit Beginn der Verhandlungen zwischen Metall- und Elektroindustrie und Gewerkschaften.

In Friedensdorf stand der Warnstreik unter besonderen Bedingungen: Der Standort wird geschlossen. „Wir haben überlegt, ob wir euch in der beschissenen Situation zum Streik aufrufen sollen“, rief Wieth den Mitarbeitern der Frühschicht zu. „Aber ihr profitiert davon, wenn ihr zunächst noch hier und dann hoffentlich woanders beschäftigt seid.“ Das Angebot der Arbeitgeber sei völlig inakzeptabel. „Die deutsche Metallindustrie boomt.“

Plänen, die Arbeitszeit bis zum Renteneintritt zu verlängern, erteilte Wieth ebenso eine Absage, wie der Aufhebung der Ruhezeiten zwischen zwei Schichten. „Wäre die Jamaika-Koalition gekommen, hätten wir das schon.“ Neben höheren Löhnen fordert die Gewerkschaft auch die Option, die Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden reduzieren zu können. Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Verkürzung der Arbeitszeit für alle Arbeitnehmer, sondern um die Möglichkeit, individuell und zeitlich befristet bei teilweisem Lohnausgleich zu reduzieren – zum Beispiel für die Kindererziehung oder die Pflege kranker Angehöriger. Die Reduzierung soll bis zu zwei Jahre dauern können, erklärte die Adient-Betriebsratsvorsitzende Carmen Thomä.

Schlechte Stimmung 
wegen Werkschließung

In den laufenden Tarifverhandlungen will die IG Metall auch erreichen, dass Auszubildende vor jeder Prüfung einen freien Tag bekommen, um sich besser vorbereiten zu können.Wieth kündigte weitere Streiks an, sollte es nicht zu einer Einigung kommen.

Bei Adient ist angesichts der feststehenden Werkschließung die Stimmung schlecht. „Die Motivation ist im Keller“, sagt André Bentz vom Betriebsrat. „188 Leute gehen bis Ende März, weitere 276 dann im Jahr 2019.“ Bentz ist seit 26 Jahren in der Firma, wie bei ihm ist auch bei vielen anderen Kollegen die Bindung zum Betrieb eng. Doch auch er hofft, nach der Adient-Zeit von guten Verhandlungsabschlüssen zu profitieren. „Es gibt ein Leben nach Adient.“

Bei einer Kundgebung in Wallau, an der mehr als 100 Beschäftigte von GEA und Müller Formenbau teilnahmen, waren die Themen naturgemäß die gleichen: höhere Löhne und die Möglichkeit, die Arbeitszeit individuell und befristet reduzieren zu können. Gewerkschaftssekretär Harald Serth verwies auf eine deutschlandweite Befragung aus dem vergangenen Jahr.

Vielhauer für gütliche Einigung

Mehr als 80 Prozent der 680.000 Teilnehmer hätten eine Wahloption bei der Arbeitszeit als wichtiges Thema benannt. „Das haben wir als Auftrag gesehen, den Punkt in die Tarifforderung aufzunehmen“, sagte er.

Mehrfach betonte er, dass es sich im Grunde um eine Notwendigkeit handele, die sich aus den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen ergebe. „Jeder von euch kennt jemanden, der einen Pflegefall in der Familie hat“, sagte Serth vor den Toren des GEA-Werkes direkt neben der Bundesstraße 62 am Mittag, „und da braucht man individuelle Lösungen“.

Der Betriebsratsvorsitzende Thomas Vielhauer, der sich mit seinem Stellvertreter Isidro Prieto-Pacheco an der Kundgebung beteiligte, stellte sich hinter die Forderungen der IG Metall. „Die Themen werden auch von der Belegschaft getragen“, sagte er, „weil sie grundsätzlich wichtig sind für die Kollegen“. Im Grunde sei ja jeder der 380 GEA-Mitarbeiter auf die ein oder andere Weise betroffen.

Ziel sei, sich mit den Arbeitgebern gütlich zu einigen. Ebenso wie Serth sprach er vor den Teilnehmern der Kundgebung aber auch andere Möglichkeiten an, die den Beschäftigten zur Verfügung stehen: „Wir werden auch bereit sein, einen 24-Stunden-Streik auf die Beine zu stellen“, kündigte er an.

Zitzelsberger vorsichtig optimistisch

Harsche Kritik erntete bei Gewerkschaftssekretär Harald Serth das bisherige Angebot der Arbeitgeber. Das sei „lächerlich“, „unverschämt“ und eine „Klatsche für die Beschäftigten“. Die Forderung nach sechs Prozent mehr Lohn wertete er im Gegenzug als „akzeptabel“. Angesichts der guten Wirtschaftslage wäre auch eine noch höhere Forderung absolut denkbar gewesen.

Deutschlandweit beteiligten sich nach Angaben der IG Metall bis Donnerstagmittag rund 76.000 Beschäftigte aus 400 Betrieben an den Arbeitsniederlegungen und Kundgebungen. Im Bezirk Baden-Württemberg kamen die Tarifparteien sich am Donnerstag etwas näher. Erstmals wurden in kleinerer Runde Details besprochen. Außerdem soll eine Expertengruppe nun Lösungsvorschläge für das besonders umstrittene Thema Arbeitszeit erarbeiten, bevor am 24. Januar erneut verhandelt wird. Die Warnstreiks gingen bis dahin unvermindert weiter, kündigte der dortige IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger an.

Es gebe zwar eine gewisse Zuversicht, die Situation sei aber nicht geeignet, „auch nur ein Wölkchen weißen Rauch aufsteigen zu lassen“, sagte Zitzelsberger. Einig waren sich beide Seiten darin, dass eine rechtliche Auseinandersetzung über die Arbeitszeit- und Zuschussforderungen der IG Metall nicht hilfreich wäre.

von Hartmut Bünger, Mark Adel und unserer Agentur

Anzeige