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Mit dem Leichtflugzeug um die Welt

Langstreckenflüge Mit dem Leichtflugzeug um die Welt

Das Fliegen ist sein Leben: Erwin Pitzer hält es selten am Boden. Wann immer es möglich ist, hebt der 75-Jährige mit seinem Leichtflugzeug ab.

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Der Bottenhorner Erwin Pitzer (rechts) flog mit Co-Pilot Rolf Haerer (Homberg/Ohm) in einem Leichtflugzeug nach Israel. Fotos: Privat, Silke Pfeifer-Sternke (1)

Bottenhorn. Eine Weltkarte in Erwin Pitzers „Büro“ ist übersät mit roten Markierungen - Orte die auf seinen Flugrouten lagen. Es zog ihn zum Polarkreis und zurück, in die Karibik, nach Afrika, nach Israel, in die USA und quer durch Europa. Er steigt auf, um abzuschalten. Mit 75 Jahren treibt den Bottenhorner Erwin Pitzer pure Energie an: die Faszination an der Fliegerei. Das einzige was ihn am Fliegen hindern kann, ist schlechtes Wetter.

Auch an seinem Heimatort Bottenhorn ist er fast mehr in der Luft als am Boden. Seine Begeisterung fürs Fliegen ist ansteckend. Er teilt seine Leidenschaft gern und nimmt Freunde und Bekannte mit auf Rundflügen. Er will eigentlich immer irgendwo hin.

Bis zu seiner Rente hat der ehemalige Unternehmer malocht. Heute gibt er im Geschäft nur noch gute Ratschläge und widmet sich seit 1993 seinem Hobby. Nach einem Berufsunfall ging Pitzer mit 57 Jahren in Frührente. Ein Jahr später hatte er den Pilotenschein in der Tasche. Wieder ein Jahr drauf nahm er einen Linienflug nach Florida, charterte ein Sportflugzeug und flog bis ans Ende der Westküste nach Key West, der Bezirkshauptstadt von Monroe County.

Die Anfänge seiner Fliegerei waren alles andere als unkompliziert. Sein erstes eigenes Leichtflugzeug bestellte er im Internet als Bausatz aus den USA. Er las davon in einer Fachzeitschrift und empfand es als lohnendes Projekt. Die Übersetzung der Anleitung war das größte Hindernis. Pitzer hatte nur die Volkshochschule besucht und sprach bis 1996 keinen Brocken englisch. Zunächst band er seine Tochter als „Übersetzerin“ in sein Projekt ein. Sie kapitulierte bei der Interpretation des technischen Vokabulars bald. So brachte sich Pitzer die Sprache autodidaktisch bei. Er las und übersetzte mit einem Englisch-Deutsch-Wörterbuch. Um Fliegen zu können, legte er auch eine Englischprüfung ab. Das „Fliegerenglisch“ ist kein Problem, aber einen Smalltalk in der ihm immer noch fremden Sprache kriegt er einfach nicht hin.

Sein spektakulärster Auslandsflug führte Pitzer 2005 zum Polarkreis. „Einmal die Mitternachtssonne sehen“. Als Co-Pilot begleitete ihn der Bottenhorner Karl-Heinz Fuchs im selbst gebauten Leichtflugzeug. Pitzers Frau Margarete untersagt ihm, lange Strecken im hohen Alter allein zu fliegen. Zur Berechnung der 2000-Kilometer-Route legte er eine Luftfahrtkarte auf den Boden, die fast den gesamten Raum einnahm. „Da kam mir ganz heimlich der Gedanke, ob wir uns nicht zu viel vorgenommen haben.“

Bei gutem Wetter starteten die Piloten vom Flugplatz „Bottenhorn Internäschnel“, berichtet der charmante 75-Jährige, dessen Markenzeichen ein australischer Akuba-Hut ist. Die erste Etappe endete mit drei Stunden Verspätung in Malmö. Nächstes Ziel war Stockholm, aber der Flug wurde jäh unterbrochen. Wegen einer Schlechtwetterfront landeten die Piloten in Vaxjö auf einem Militärflugplatz.

Als der Flug nach zweieinhalb Stunden endlich weiterging, kam per Funk die Nachricht, dass Stockholm für Sichtanflüge wegen des Wetters „temporary closed“ ist. „Also wieder eine Zwischenlandung in Nyköpping und warten“, erinnert sich Pitzer. Als es aufklarte, ging‘s weiter nach Stockholm und dann nach Lulea, nahe dem Polarkreis. „Von Stockholm sind es im Direktflug rund 400 nautische Meilen, aber über den halben Ozean. Deshalb sind wir über Land geflogen.“ Die Piloten legten lieber eine Strecke von 800 Kilometern zurück.

Die Leidenschaft zur Fliegerei hatte Pitzer auf die Internetseite einer Pilotengruppe aufmerksam gemacht und er schloss sich ihr an. Die Tour zum Polarkreis wurde von „Piloten-Tours“ organisiert. „Wir treffen uns und sagen: Da fliegen wir hin!“.

2007 nahm Pitzer an einer Tour nach Nordafrika teil, 2008 fand die Griechische-Inseln-Tour statt, 2009 die Spanien-Tour, 2010 die Tour über England, 2011 die Tour zum Nordkap. Im selben Jahr war Pitzer mit zwei weiteren Piloten mit gecharterten Sportflugzeugen auf einer Karibik-Tour unterwegs. Für 2013 plant Pitzer eine Pilotenreise nach Portugal. Die Kurzstrecke schafft er allein.

Im Mai dieses Jahres erhielt der Bottenhorner vom Tourismusministerium des Staates Israel eine Urkunde, die ihn als „Botschafter des guten Willens des israelischen Fremdenverkehrs“ auszeichnet. Bei dem Flug dorthin landete Pitzer in Rumänien auf einem Segelflugplatz zwischen, weil eine Schlechtwetterfront einen Sichtflug unmöglich machte. „Ich kann nicht einfach durch die Wolken fliegen.“ Die Segelflieger empfingen die Deutschen mit überwältigender Gastfreundschaft. „Sie haben uns Betten hergerichtet für die Nacht, und uns zum Benzinholen gefahren.“ Als Pitzer sich mit Geld erkenntlich zeigen wollte, nehmen die Rumänen sein Angebot nicht an.

In Haifa angekommen freute sich Pitzer über den schnellsten Flug der Reise. „Wir hatten Wind auf der Nase.“ Der Einflug in Israel war weniger schön. Die Sicherheitsvorschriften werden streng überwacht. Zwei Monate vor dem Flug hatte Pitzer Pässe, Lizenzen und Flugzeugpapiere angefordert. 50 Kilometer vor dem Einflug musste ein 4-stelliger Code per Funk übermittelt werden.

Mit dem Leichtflugzeug konnte Pitzer per Funk keinen Kontakt zum Tower des Ben-Gurion-Flughafens herstellen. Er hat‘s versucht, mehrfach. Aber es kam keine Antwort. Ein Airliner habe Hilfe geleistet und den Code des Sportflugzeugs nach Tel Aviv übermittelt. Beim Rückflug über Haifa gab es auch Probleme. Die bei der Deutschen Flugsicherung aufgegebenen Flugpläne wurden nicht akzeptiert. Also kehrten die Piloten um, und musste am Tower in Haifa einen neuen Flugplan nach deren Bestimmungen aufgeben.

Schöner war es dann in Samos. Dort gab es am Strand das wohl verdiente Landungsbier, die Belohnung für Piloten und Copiloten. Von dort aus gings im Zickzack in der Luft weiter, weil es nicht gestattet war, Militärstützpunkte zu überfliegen, die auf der geplanten Route lagen. Entlang der Adria-Küste prägten sich bei Pitzer unvergessliche Eindrücke ein: türkisfarbenes Wasser und ein entspannter Flug.

Bei gewohnt mitteleuropäischem Wetter war die Flugstrecke vorbei an Zell am See etwas holprig. „Wir mussten auf 1200 Fuß steigen, um über die Alpen durch die Wolken zu kommen.“ Eigentlich wollte Pitzer seine Israel-Reise dort beenden, wo er sie begonnen hat: in Bottenhorn. „Das haben wir nicht in einem Stück geschafft.“

35 Kilometer vor München landete das Team, weil die Blase drückte. Nach der Pinkel-Pause erreichte Pitzer nach einer Stunde und 41 Minuten den Flugplatz der Luftsportgemeinschaft in Bottenhorn.

Von dort startet er seine Touren. „Die meisten fliegen nur im Kreis.“ Er nicht, er will mehr. Schade findet er nur, dass seine Frau Margarete nicht so oft mit ihm fliegt. Bei einer Insel-Tour war sie es, die den entscheidenden Hinweis zur Landung gab. Beim Flug durch die Wolken war die Insel Usedom das Ziel. „Da unten ist sie ja“, hat sie gesagt, als er schon fast verzweifelt wäre. Richtig Pech hat er auch schon gehabt. Bei der England-Tour ging sein Propeller zu Bruch. Er musste das Flugzeug an der Westküste Schottlands in Storoway stehen lassen und mit Freunden weiterfliegen.

Seiner Frau hat er nach der Rückkehr am Kaffeetisch gesagt: „Du Schatz, ich muss morgen nochmal nach England, meinen Flieger holen.“

von Silke Pfeifer-Sternke

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