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Mit Filmzitat zur fristlosen Kündigung

Arbeitsgericht Mit Filmzitat zur fristlosen Kündigung

Wie man mit einem einzigen Satz seine dreieinhalbjährige Ausbildung aufs Spiel setzen kann, zeigte sich am gestrigen Freitag in einer Verhandlung vor dem Gießener Arbeitsgericht.

Gießen. Dort hatte ein 26-jähriger Auszubildender zum Gesundheits- und Krankenpfleger am Marburger Universitätsklinikum gegen seine fristlose Kündigung fünf Wochen vor der Abschlussprüfung geklagt. Erhalten hatte er diese am 26. Januar nachdem er einige Tage zuvor eine Krankenschwester sexuell belästigt hatte. Mit dem Til-Schweiger-Filmzitat "Kannst du mir mal einen Blasen- und Nierentee machen?" hatte sich der Auszubildende an eine Schwester gewandt, um - so seine eigene Schilderung - einen Tee für eine Patientin zu bekommen. Wie er selbst zugab, sagte er allerdings nur den ersten Teil des Satzes laut und deutlich und machte nach "Blasen" eine Pause in der die Kollegin wegging, sodass sie den restlichen Satz - so er denn gefallen ist - nicht mehr hörte. Die Krankenschwester fühlte sich dadurch belästigt und ging nach einem weiteren Vorfall - sie wirft dem Auszubildenden vor, ihr in die Kitteltasche gefasst und sie aufgrund ihres Aussehens diffamiert zu haben, was er bestreitet - einen Tag später zur Stationsleiterin, der sie die Sache anvertraute.

Betriebsrat stimmte der fristlosen Kündigung zu

Nachdem der Betriebsrat und die Jugend- und Auszubildendenvertretung in der Sache angehört wurden und der fristlosen Kündigung zustimmten, wurde diese ausgesprochen. "Diese Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen" erklärte Personaldezernent Heinz Gärtner während der Güteverhandlung vor dem Arbeitsgericht. Dennoch habe es wegen der möglichen Wiederholungsgefahr keine andere Möglichkeit gegeben.

"Wenn wir die rechtliche Frage hier bis zum Ende durchspielen inklusive Beweisaufnahme, wissen wir nicht, was herauskommt. Sicher ist, dass es ein langwieriger Prozess ist", erklärte Arbeitsrichter Hans Gottlob Rühle und appellierte an die Beklagte, zu prüfen, ob es nicht irgendwie möglich sei, dem Kläger die Abschlussprüfung zu ermöglichen. "Er hat sich entschuldigt und ist geläutert", sagte Rühle: "Aber wollen Sie sich wirklich später sagen lassen müssen, dass Sie einem jungen Mann seine Zukunft verbaut haben", fragte Rühle. Klar sei mit sexueller Belästigung nicht zu spaßen und eine Weiterbeschäftigung durchaus in Frage zu stellen, aber es liege auch durchaus im Rahmen des Möglichen, dass der Auszubildende mit seiner Klage recht bekomme.

Die Beklagtenseite zeigte sich offen für eine Lösung, wenn das Regierungspräsidium Gießen als Aufsichtsbehörde der nachzuholenden Prüfung zustimme. Der Kläger war ebenfalls kompromissbereit, würde für die praktische Prüfung, die auf einer Krankenhaus-Station erfolgen muss, auch ein unentgeltliches Praktikum absolvieren, um sich dort vorher einzuarbeiten. Sollte es nicht zu einer Lösung kommen, findet am 27. April ein Kammertermin statt.

von Katharina Kaufmann

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