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Mit Elektromotor geht‘s rasant voran

E-Bike-Test Mit Elektromotor geht‘s rasant voran

Wenn die Muskelkraft schwindet, setzt der Motor ein: Mit einem E-Bike meistern Radler ohneAnstrengungen selbst anspruchsvolle Tagestouren.

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Auf dem Salzböde-Radweg absolvierten Sascha Valentin (von links), Silke Pfeifer-Sternke und Christina Wege eine von Cornelia Heimann vom Verein Region Lahn-Dill-Bergland geführte Radtour von Gladenbach nach Wißmar und zurück mit Stopps bei Sehenswürdigkei

Hinterland. Die Einweisung bei Zweirad Wießner in Gladenbach ist kurz und bündig. Fritz Wießner erläuterte die Gangschaltung und das Programm für das Zuschalten des Elektromotors. „Bitte vorsichtig bremsen“, warnt er. Das Tragen eines Helms hält er bei der Geschwindigkeit eines E-Bikes für sinnvoll. Und er ist überzeugt: „Wer einmal mit einemE-Bike gefahren ist, will eins haben“.

Der Preis für ein gutes Rad liegt bei rund 3000 Euro, günstiger gibt‘s die Räder auch. Auch gebrauchte Leasingräder könne man mit ruhigem Gewissen kaufen. Sie seien generalüberholt, bestätigt er. Und sie sind schnell. Was würde wohl Karl Drais als Erfinder des Zweirads sagen, wenn er heute mit einem E-Bike und einer Spitzengeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern ein Gefälle hinunterrasen würde.

E-Bike fährt so schnell wie ein 50-Kubik-Roller

Ein E-Bike fährt fast demnach so schnell wie ein 50-Kubik-Roller. Ist aber der Akku leer, befindet sich derE-Biker ruckzuck in der guten alten Zeit wieder und strampelt, um voranzukommen.

Bis in die 70er Jahre galt ein Hollandrad mit einer Dreigang-schaltung zwar nicht unbedingt als Wunder der Technik, fand aber auf dem flachen Land reißenden Absatz. Ein Radfahrer kam mit diesem Gefährt zügig ans Ziel. Wer es gemütlich mag, radelt heute immer noch auf Rädern im Stil eines Hollandrades bequem von A nach B. Es ist (fast) so wie in der guten alten Zeit: Man muss kräftig in die Pedale treten, allerdings: Mit einemE-Bike ist eine Radtour keine Tortur mehr, sondern ein reines Vergnügen. Eine 50 Kilometer lange Tagestour ist ein Kinderspiel.

Ein E-Bike ist relativ schwer, deshalb gibt es einen speziellen Knopf, der das Schieben erleichtert. Der Elektromotor schaltet sich ein und das Rad lässt sich problemlos auf einem Rasenweg schieben.

Das Schalten in die höheren Gänge und das Zuschalten des Elektromotors will zunächst gelernt sein. Doch die Volksweisheit „Fahrrad fahren verlernt man nicht“ trifft selbstredend auf das Fahren mit einem motorunterstützten Zweirad zu. Besser noch: Man will es eigentlich nie mehr anders. Selbst steile Straßen sind problemlos zu bewältigen - wenn man den Dreh raushat.

Beim ersten Anstieg in Höhe der Eselsmühle versagt das Gefühl. Ein gekonnter Abstieg vom Rad verhindert ein Umfallen. Hoppla, das Rad ist schwer und beim Schieben bergauf ist der Spezialknopf aus dem Gedächtnis gewichen, das macht das Schieben beschwerlich.

Weiter gehts im Fahrrad-Sattel auf dem „Salzböde-Radweg - von der Quelle bis zur Mündung“. Karten mit 19-Radtouren und den Verleihstationen der E-Bikes gibt es bei der TOuR GmbH in Marburg.

Die Salzböde-Strecke ist beschaulich, der nächste Ort ist Damm. Die Durchschnittsgeschwindigkeit liegt bei 20 Stundenkilometern. Beim Ausprobieren des Elektromotors auf gerader Strecke ist trotz kräftigem Antritt bei 25 Stundenkilometern Schluss. „Das ist bei den E-Bikes normal“, sagt Cornelia Heimann, die geschmeidig und ohne Zuschalten des Motors das Tempo vorgibt. Sie ist durchtrainiert. Täglich fährt die Tourismus-Beauftragte des Vereins Region Lahn-Dill-Bergland mit dem Rad von Gladenbach nach Bad Endbach. Eigentlich auch mit einem E-Bike, zurzeit aber mit einem konventionellen. „Mit dem E-Bike ist die zehn Kilometer lange Strecke zur Arbeit leichter zu bewältigen“, bestätigt Heimann.

Ein schöner Platz zum Rasten ist die Schmelzmühle, die eingebettet in Tal und Waldrand zum Verweilen lädt. Ein Halt ist aber nicht vorgesehen. Weiter geht‘s entlang der Salzböde, dann Richtung Odenhausen und weiter in den Nachbarkreis nach Lollar. Dort endet die gemütliche Radtour durch Feld und Wald und der Straßenlärm holt die Radfahrer auf der Hauptstraße ein. Eine längere Strecke auf der vielbefahren Straße ist zu bewältigen, bevor es wieder auf den Radweg in Richtung Holz+Technik Museum geht. Hier kann der Akku gewechselt werden. Es ist eine der 23 Movelo-Stationen in der Region. Nach mehr als 20 Kilometern zeigt der Akku zwar noch vier von sechs Balken an, aber Christina Wege will wissen, wie er gewechselt wird.

Im Holzmuseum wird der Akku gewechselt

Mittlerweile ist die rasante Fahrt zum Spaßfaktor geworden. Die Gangschaltung mit 8 Gängen ist leicht bedienbar und die Programmierung zum Zuschalten des Elektromotors ein Kinderspiel: Sie reicht von manuell über Standard bis high. Auch das Anradeln am Hügels funktioniert problemlos. Zunächst rechts den Gang runterschalten und links den Elektromotor auf die höchste Stufe einstellen. Richtig aufeinander abgestimmt, gibt‘s auch keine Pannen am Berg. Bergab wird‘s rasant: Die Spitzengeschwindigkeit des Tages liegt bei 40,1 Stundenkilometern.

Bevor Wege den Akku wechseln lässt, wird eine Rast eingelegt. Bei Kaffee, Kuchen und kühlen Getränken nehmen die Radfahrer im Hof des Museums auf den Holzgarnituren Platz. Noch wird das Angebot nicht häufig genutzt.

„Viele Radfahrer halten zwar, aber nur kurz. Sie wissen nicht, dass wir auch frischen Kuchen anbieten“, berichtet Geschäftsführerin Wiltrud Will. Ein Schild am Radweg soll die Radfahrer neuerdings darüber aufklären.

Das Museum ist ganzjährig Dienstag, Donnerstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. 4 Euro zahlen Erwachsene und 2 Euro Kinder für einen Rundgang zum Erleben, Begreifen und Verstehen des Prinzips der Nachhaltigkeit, dessen Ursprung auf Georg-Ludwig Harting zurückgeht, nach dem der Kurpark in Gladenbach benannt ist. Der Park liegt in der Nähe des Ausgangspunkts der Radtour.

Wieder gestärkt wird zunächst der Akku gewechselt, bevor es mit dem Rad zurück auf die Strecke geht. Für Will ist es das erste Mal, dass die „Akku-Wechselstation“ des Museums in Anspruch genommen wird, aber ihre Handgriffe am Rad sitzen.

In null Komma nichts ist der Akku gewechselt und die Fahrt geht weiter. Sie führt auf demselben Weg zurück, nur mit einem Stopp am Naturkundehaus Damm. Vor dem Lohraer Ortsteil führt der Radweg vorbei an einem idyllisch gelegenen Grillplatz. Obwohl die Beine noch nicht müde sind, wird dort gerastet und kurz gefachsimpelt, wie einfach und schnell es mit dem E-Bike vorwärts geht. Jetzt funktioniert auch das mit dem Schiebeknopf.

Im Naturkundehaus Damm wartet bereits Gustav Gessner. Begeistert gibt er die „Geheimnisse“ des Hauses preis und erläutert die verschiedenen Sammlungen - wenn auch die Insektensammlung und Holzpilzsammlung weniger enthusiastisch als die Sammlung über die Vogelwelt, seinem Steckenpferd. Samstags und sonntags nimmt sich Gessner gern die Zeit und führt Besucher durch das Haus. Für die Getränke müssen die Radfahrer selbst sorgen. Nach fünf Stunden Radtour quält auch langsam der Hunger.

Der nächste Halt ist das Kornhaus in Mornshausen. Das Gasthaus liegt direkt am Salzböde-Radweg. Die Bedienung serviert zügig die kalten Getränke, die nach der Tour für Erfrischung von innen sorgen. Die Pavillons im großzügigem Garten schützen vor den Sonnenstrahlen. Aber, da sich eine Wolkenfront aufbaut, wird es nach dem Essen Zeit, aufzubrechen, damit die wenigen Kilometer, die vor den Radfahrern liegen, noch im Trockenen absolviert werden.

Um 13.45 Uhr startete die Radtour, um 18.30 Uhr nimmt Wießner seine Verleih-Räder mit 47 Kilometern mehr auf dem Tacho in Empfang. „Hat‘s euch gefallen?“ Die zustimmenden Antworten des Radteams überraschen ihn nicht. Er hat‘s ja am Mittag prophezeit.

von Silke Pfeifer-Sternke

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