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Missbrauch oder Ablenkungsmanöver?

Landgericht Missbrauch oder Ablenkungsmanöver?

Ein 22-Jähriger steht vor dem Landgericht, weil er ein siebenjähriges Mädchen sexuell missbraucht haben soll.

Marburg. Bisher liegen keine Eintragungen gegen den beschuldigten jungen Mann aus einer Südkreisgemeinde vor. Es gibt keine Vorstrafen, er pflegte nach eigenen Angaben ein gutes Verhältnis zur Familie des angeblichen Opfers, war als Betreuer von Kindergruppen bei einer christlichen Jugendorganisation tätig.

Dennoch steht er nun vor Gericht. Im August 2011 soll der damals 21-Jährige laut Anklage einem damals siebenjährigen Mädchen die Hose heruntergezogen haben, ebenso seine eigene, dann ihre Hand an seinen Penis geführt haben und mit einem Finger oder Stift in ihre Vagina eingedrungen sein. Dies sei schmerzhaft für das Mädchen gewesen.

Das alles soll in einem offenen Zimmer geschehen sein, während sich nur wenige Meter entfernt die Mutter sowie die Geschwister, darunter der mit dem Beschuldigten befreundete Stiefbruder des Mädchens, in der Wohnung aufhielten beziehungsweise darin bewegten.

„Ich habe nichts getan, ich weiß auch nicht, warum ich das getan haben sollte. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu der Familie, ich weiß nicht, warum mir so etwas zur Last gelegt wird“, beteuerte der Beschuldigte gestern vor der Jugendschutzkammer des Landgerichts Marburg.

Sein Freund habe an diesem Tag etwas mit dessen Mutter besprechen wollen, währenddessen habe er sich mit dem Mädchen beschäftigt. Ab und zu sei die Mutter vorbeigekommen, schließlich habe man noch zu viert „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt.

Dennoch soll das Mädchen danach zur Mutter gegangen sein und gesagt haben: „Der hat was an meiner Muschi gemacht“, hielt der Vorsitzende Richter Dr. Thomas Wolf dem jungen Mann vor. Nach der Aktenlage sehe es nicht so gut aus für ihn.

Bei der Durchsuchung der Wohnung des Beschuldigten habe die Polizei verschiedene Dinge wie Mangas und Hentais - als Hentai werden pornographische Manga und Anime, also Comics und Zeichentrick­filme, aus Japan bezeichnet - und andere Fotos sichergestellt, allerdings seien keine eindeu­tigen Kinderbilder darunter gewesen, sagte Dr. Wolf. Dazu erklärte der Beschuldigte, dass ein Teil davon ihm gehöre, er habe die Sammlung von Mangas und Hentais als Hobby betrieben, anderes gehöre seinem Bruder sowie dessen ehemaliger Freundin.

Dessen Verteidiger versuchte, unter ande­rem anhand eines Grundrisses der Wohnung, in der die Tat begangen worden sein soll, dem Gericht zu verdeutlichen, wie unwahrscheinlich der unterstellte Hergang bei unverschlossenem Zimmer und Anwesenheit mehrerer Familienmitglieder gewesen sei.

Außerdem wies er darauf hin, dass das Mädchen Schwierigkeiten in der Schule gehabt habe. Dazu gebe es Diskrepanzen zwischen Aussagen der Mutter, laut denen die Schwierigkeiten erst nach der vorgeworfenen Tat eingetreten seien, und denen des Vaters, dass es zuvor schon Probleme in der Schule gegeben habe. Der Beschuldigte ergänzte, das Kind sei nicht aus der ersten Klasse versetzt worden.

Schließlich kritisierte der Verteidiger vor allem Verlauf und Ergebnisse der Befragung des Mädchens durch eine Richterin, welche auf Video festgehalten wurde. Es seien teilweise sehr suggestive Fragen gestellt und manchmal Antworten vorgegeben worden. „Das Kind sagt einmal, dass es an drei Tagen, dann, dass es an zwei Tagen stattgefunden habe, dann sagt die Richterin, ,es war doch nur an einem Tag‘, da wird es ganz übel“, gab der Rechtsanwalt als Beispiel an. Richter Wolf stimmte dem zum Teil zu, bemerkte aber, es gebe auch Passagen, in denen das Kind aus sich heraus gesprochen habe.

Der Verteidiger erklärte, in diesem Fall auf einem Glaubwürdigkeitsgutachten zu bestehen, wobei er betonte, dass dies in seiner Laufbahn erst das vierte Mal sei, dass er ein solches Gutachten wolle. Eigentlich finde er, es sei die Aufgabe des Gerichts und der Anwälte, die Glaubwürdigkeit zu beurteilen, viel anderes würden die Gutachter auch nicht machen. Er wünsche, dass der Gutachter auch die Akte lesen solle.

Zudem sollten auch Zeugen aus der Schule und dem Kindergarten des Mädchens zu den Lernschwierigkeiten befragt werden.

Nachdem sich das Gericht zur Beratung zurückgezogen hatte, schlug Richter Wolf dem Verteidiger eine Gutachterin vor und verkündete schließlich, dass die Hauptverhandlung für weitere Ermittlungen zunächst ausge­setzt werde.

von Manfred Schubert

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