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Hinterland Millionengeschäft auf Großbaustellen
Landkreis Hinterland Millionengeschäft auf Großbaustellen
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00:15 07.12.2013
Ein Beamter des Hauptzollamtes bewacht auf einer Großbaustelle die Überprüfung eines Bauarbeiters, wegen Verdachts auf Schwarzarbeit. Quelle: Patrick Pleul
Marburg

In das Tagesgeschäft sei er gar nicht richtig eingeweiht gewesen, sagte der Angeklagte gestern vor dem Marburger Landgericht. Die Post habe er entgegengenommen, Botengänge erledigt, auch mal einen Scheck ausgestellt. Überhaupt habe er ja nur 1000 Euro monatlich für seine Dienste als Geschäftsführer bekommen. Ein auch nach Meinung des Gerichts unter Vorsitz von Dr. Carsten Paul äußerst geringer Betrag für diese Position innerhalb einer deutschlandweit operierenden Baufirma. „Zum Vorsatz gehört aber auch, sich einfach nicht zu kümmern“, sagte Staatsanwalt Oliver Rust in Richtung des Angeklagten.

Konkret wird dem 51-jährigen Unternehmer vorgeworfen, Arbeitsentgelt vorenthalten und veruntreut zu haben. Dabei soll seine im Hinterland ansässige Firma Bauleistungen erbracht haben, bei denen nicht sozialversicherte Arbeitnehmer involviert waren.

99 einzelhandlungen

Die vorenthaltenen Sozialversicherungsbeiträge bewegen sich in einer Größenordnung von etwa 1,5 Millionen Euro. Weiterhin habe der studierte Bauingenieur fällige Lohnsteuern in Höhe von 250 000 Euro nicht abgeführt. Zur Verdeckung dieser Machenschaften soll er Scheinrechnungen von drei Subunternehmern verwendet haben, die tatsächlich gar nicht tätig wurden. Überdies soll der Angeklagte die erfolgten Lohnzahlungen weder der zuständigen Sozialkasse, noch der Baugenossenschaft gemeldet haben. Die fälligen Beiträge bewegen sich hier in einem Umfang von etwa einer Million Euro. Insgesamt geht es in dem Verfahren um 99 Einzelhandlungen, die sich über den Zeitraum vom 1. Januar 2007 bis zum 31. Dezember 2009 erstrecken.

Zu all diesen Vorwürfen machte der Angeklagte nur bedingt verwertbare Aussagen. Im Jahr 2006 sei ein Bekannter auf ihn zugekommen und habe gefragt, ob er Interesse daran habe, eine Baufirma zu gründen. Sein Ingenieurbüro habe zu dieser Zeit nicht sonderlich viel Erträge abgeworfen, sodass er dem Vorschlag zugestimmt habe, sagte der Angeklagte. Der 51-Jährige ließ sich als Gesellschafter eintragen und übernahm das Amt des Geschäftsführers.

Sein Geschäftspartner habe sich in der Folge dann aber allein um das Anwerben der Kunden gekümmert. Auch die Buchhaltung habe der mittlerweile untergetauchte Geschäftspartner übernommen. Dass in der Firma etwas nicht stimme, habe der Angeklagte erst im Jahr 2009 gemerkt, als er eine Abrechnung der Krankenkasse gesehen habe, auf der nicht alle angestellten Arbeitnehmer aufgelistet gewesen seien. Er habe seinen Geschäftspartner darauf angesprochen, dieser habe jedoch nur erwidert, dass die restlichen Formulare noch nachgereicht würden.

Nur in Ausnahmefällen auf der Baustelle

In den drei Jahren, in denen die Bad Endbacher Firma tätig war, seien im Durchschnitt zwölf Personen beschäftigt worden, sagte der Angeklagte. Bauleistungen wurden unter anderem in den Aachener Arcaden, dem VW-Werk in Baunatal und in einem Hochhaus in Frankfurt erbracht. Auf den Baustellen sei der 51-Jährige jedoch nur in Ausnahmefällen gewesen. Sein Geschäftspartner habe dann mit den Arbeitern gesprochen, er selbst sei auch nie von einer Baustelle aus angerufen worden.

„Muss einem das nicht komisch vorkommen, wenn man Geschäftsführer eines Bauunternehmens ist und niemals angerufen wird?“, fragte Staatsanwalt Rust den Angeklagten. „Natürlich weiß ich, dass ich mich zu wenig gekümmert habe“, erwiderte der Familienvater.

Wer erteilte die Aufträge?

Dass Scheinrechnungen erstellt worden sind, sei unstrittig, sagte der Verteidiger des 51-Jährigen. Ebenso sei bewiesen, dass Schwarzarbeiter eingesetzt wurden, denn die Arbeiten auf den Großbaustellen seien immer fertiggestellt worden. Allein mit den Angestellten der Hinterländer Firma sei dieses aber nicht möglich gewesen.Nur wisse man eben nicht, wer die zusätzlichen Arbeiter beauftragt habe, sagte der Verteidiger. Dies könne ebenso von den Subunternehmen ausgegangen sein, wie von dem Geschäftspartner des 51-Jährigen.

Ein etwas anderes Licht auf die Position des Angeklagten innerhalb der Baufirma brachte die Aussage der ehemaligen Lebensgefährtin seines Geschäftpartners. Diese sagte, der Angeklagte habe sie im Jahr 2006 darum gebeten, ebenfalls Gesellschafterin zu werden. Dabei sei der Angeklagte durchaus eine treibende Kraft gewesen.

„Das passt einfach nicht zu dem Bild, Sie hätten nichts mit der Firma am Hut, das Sie uns hier vermitteln wollen“, sagte Staatsanwalt Rust. Die Verhandlung wird am Dienstag, 10. Dezember, fortgesetzt.

von Dennis Siepmann

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