Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Führungsrolle nicht greifbar
Landkreis Hinterland Führungsrolle nicht greifbar
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:33 12.06.2017
Der Bulle, Symbol für den Aufwärtstrend, vor der Börse in Frankfurt: Vor dem Landgericht muss sich ein Mann wegen des Handels mit nicht existierenden Aktien verantworten. Quelle: Frank Rumpenhorst
Marburg

Als Zeuge kehrte am Montag „El Cheffe“ vorübergehend aus der gerichtlichen Unterbringung zurück in den Gerichtssaal, in dem er vor zwei Monaten zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden war. Der jüngste der damaligen vier Angeklagten war an der Gründung der ersten Fake-Firma 2014 beteiligt. Von Anfang an dabei war auch der aktuelle Beschuldigte, auch wenn „nur wenig Kontakt“ zu ihm bestand, erinnerte sich der Zeuge.

Er selber wurde vom Bandenchef regelmäßig auf Geschäftsreisen geschickt, traf den Angeklagten daher nur selten. Man grüßte sich im Büro, über Smalltalk hinaus ging der Kontakt nie, „er war mal da, mal auch nicht“. Dabei galt er innerhalb der Gruppe generell als „Partner“ des Chefs – „bis heute kann ich nicht so richtig einordnen, welche Funktion er hatte“, erklärte der Zeuge.

Nur wenige Male sah man sich außerhalb des Düsseldorfer ­
Büros: Kurz vor einer Flugreise trat der Angeklagte einmal selber in Aktion – überbrachte falsche Papiere für die Geschäfte­ mit einer neuen Firma. Ein weiteres Mal traf er Ende 2014 auf Mallorca auf den Beschuldigten, wo er im engsten Kreise ausgiebig mit dem Bandenchef feierte, so der Zeuge. Während der Party kam es zum „Riesenkrach“ zwischen dem Angeklagten und dem Anführer. „Es gab nur noch Geschimpfe und Gestreite“, der Bandenchef wirkte danach „sehr gekränkt“, meinte der Zeuge.

Zeuge sieht sich selbst als 
loyalen Auftragsempfänger

In der Folgezeit nahmen negative Äußerungen über den Partner zu: „Der wäre ja nichts ohne mich“, soll „El Presidente“ abfällig geäußert haben. Das Verhältnis habe zeitweise „ein bisschen wie ein Kindergarten“ gewirkt. Während seiner Aussage nannte der Zeuge auffällig oft ­eine umfangreiche Zuarbeit des Sekretärs „Max“, der ihm diverse Aufträge professionell vorbereitete und zunehmend mehr Aufgaben übernahm. Ähnliches hatte der Angeklagte angegeben, der den späteren Partner als Macher hinter den eigenen Firmen nannte. Er selber habe angeblich nur wenig zu dem florierenden Geschäft beigetragen.

Welche Aufgabengebiete der Mann zuvor in der Bande übernommen haben könnte, wusste auch der Zeuge nicht so recht. Am Goldhandel habe der Ex-Kollege einen kleinen Anteil gehabt, verhandelte über den Goldpreis, während er selber auf Ansage die Lieferungen übernahm, hörte er doch „auf jedes Kommando“ des dominanten Chefs, berichtete der Zeuge über seine eigene Laufbahn. In der sah er sich eher als der loyale Auftragsempfänger. Er tat ­alles, was der charismatische Anführer, sein „Retter“, von ihm verlangte.

Er nahm Anweisungen an, jedoch „nur vom Chef“, nicht vom Angeklagten selber, hob Verteidiger Jürgen Möthrath hervor. Selbst wenn sein Mandant sich einmal im gemeinsamen Büro­ befand – „es wurde nicht diskutiert“, nur einer gab die ­„Order“ und das sei nicht der Beschuldigte gewesen. Über eine eindeutige Rolle war man sich intern nicht im Klaren, bestätigte der Zeuge, der dabei nur selten vor Ort in der Firmenzentrale weilte.

Zweifel darüber hatte einer der Ermittler, der im Vorfeld des Verfahrens zahlreiche Bandenmitglieder vernommen hatte. Der Name des Angeklagten fiel dabei mehrfach, selbst zuvor, als der Mann eigene Wege ging, war er innerhalb der Bande immer noch Thema. Wie die Abhörmaßnahmen der Polizei ergaben, hieß es dort: „Er würde­ immer noch weitermachen und richtig viel verdienen.“ Seiner Einschätzung nach falle eine Gewichtung des Beschuldigten tatsächlich schwer, aber er sieht den 46-Jährigen als „Mitglied der Führungsebene“, so der ­Kriminalpolizist.

  • Der Prozess wird am 22. Juni fortgesetzt.

von Ina Tannert

Mehr zu diesem Prozess lesen Sie hier.

Anzeige