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Hinterland „Er ging durch eine kleine Hölle“
Landkreis Hinterland „Er ging durch eine kleine Hölle“
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17:03 14.04.2017
Blick in den Handelsraum der Frankfurter Börse: Die Angeklagten im „Millionenprozess“ köderten ihre Opfer mit nicht existierenden, spottbilligen Aktien. Quelle: Frank Rumpenhorst
Marburg

Exakt ein Jahr war es am Freitag her, dass die ­Polizei die professionelle Betrügerbande in Düsseldorf hochnahm, während einer Großrazzia knapp ein Dutzend Bandenmitglieder verhaftete. Neben der bereits verurteilten Chefetage der Scheinfirmen gingen den Ermittlern zahlreiche Aktienverkäufer ins Netz. Darunter der Angeklagte, der als sogenannter „Opener“ die Kunden einfing.

Fast zwei Jahre war der 36-Jährige bei der Bande tätig, schwatzte am Telefon zahlreichen wohl betuchten Käufern nicht existente Aktien auf. Auf sein Konto geht ein Schaden von insgesamt rund 1,7 Millionen Euro. Für seine lange Beteiligung an dem ausgeklügelten Firmenkonstrukt der Bande wurde er wegen 47-fachen banden- und gewerbsmäßigen Betruges sowie wegen Beihilfe zum Betrug in zwei Fällen verurteilt. Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf Bewährung, samt einer Geldstrafe von insgesamt 25.000 Euro plus einer Zahlung von 35.000 Euro an gemeinnützige Organisationen – so lautete am Donnerstag das Urteil des Marburger Schöffengerichts.

Angeklagter: „Ich wollte 
es zu etwas bringen“

Eine Bewährung für den geständigen Betrüger stand einige Zeit auf der Kippe. Ein volles Geständnis brachte ihm erste Pluspunkte vor Gericht. „Das stimmt so, leider“, kommentierte der Beschuldigte die üppige Anklageschrift, die der Mann dem Anschein nach äußerst nervös und mit starrem Blick vernahm, hin und wieder beschämt zu seiner­ weinenden Ehefrau im Zuschauersaal ­blickte. Nicht nur ihr, auch seiner Familie wolle er beweisen, dass er von nun an die Finger von illegalen Geschäften lassen werde, „es war falsch und kriminell“, beteuerte der Mann.

Er war vor einigen Jahren in der Vertriebsbranche tätig, lernte so den Bandenchef kennen, der ihn für eine neu gegründete­ Fake-Firma anwarb. „Es war sehr, sehr schnell klar, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging – ich wusste es“, teilte der Angeklagte mit. An der Betrugsmasche beteiligte er sich dennoch, wollte „es zu etwas bringen und was darstellen“.

Persönliche Bestätigung suche­ er sich heute nur noch in legalen Geschäften, habe bereits ­eine neue Arbeitsstelle gefunden. „Es tut mir wirklich leid, ich schäme mich. Nie wieder werde ich so etwas Dummes tun“, beteuerte der Mann.

Ein weiterer Pluspunkt vor Gericht: Der 36-Jährige ist bislang das erste Bandenmitglied, das sich um eine gewisse Wiedergutmachung für die geprellten Käufer bemühte. Über seine Anwälte kontaktierte er eine­ Handvoll der Geschädigten, versprach, mehrere Tausend Euro außergerichtlich zurückzuzahlen.

U-Haft war „schlimmste Zeit meines Lebens“

Dem gegenüber standen „eine Vielzahl an Taten und ein hoher Organisationsgrad“ der Betrügerbande, wie Staatsanwalt Oliver Rust hervorhob. In den Prozess ging der Anklagevertreter daher noch mit einer Haftstrafe als Verhandlungsziel, mindestens „mit einer drei“ im Kopf, so Rust. Doch das überzeugende Auftreten des Angeklagten vor Gericht, ein Geständnis „ohne Wenn und Aber“ sowie „eine geringe, aber relevante Aufklärungshilfe“ regulierten den ­Antrag des Staatsanwalts nach unten, der sich ebenfalls für ­eine Bewährung aussprach.

Dass der Beschuldigte als geläuterter Mann aus der Untersuchungshaft kam, betonte die Verteidigung. „Er ging durch ­eine kleine Hölle, die ihm wohl ganz gut getan hat“, sagte Verteidigerin Julia Vogt. Bevor er auf Kaution frei kam, saß er 55 Tage in Haft, „es war die schlimmste Zeit meines Lebens“, ergänzte der Mandant.

Er erklärte sich bereit, auf die Kaution von 35.000 Euro zu ­verzichten. Als Bewährungsauflage fließt das Geld an mehrere gemeinnützige Organisationen aus Marburg, die im Gesundheits-, Präventions- und Bildungsbereich tätig sind. Die Bewährungszeit legte das Gericht auf die Maximaldauer von vier Jahren fest. Lässt sich der Beschuldigte während dieser Zeit erneut etwas zu Schulden kommen, droht die Widerrufung, „es liegt in ihrem eigenen Interesse nicht mehr straffällig zu werden“, ermahnte der Vorsitzende Richter Dominik Best eindringlich. Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

von Ina Tannert

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