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Hinterland Die Verse des Michael Rupp
Landkreis Hinterland Die Verse des Michael Rupp
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00:17 05.03.2019
Michael Rupp dichtet täglich Verse, die er bei Instagram veröffentlicht.  Quelle: Björn Wisker
Lohra

Er fährt mehrgleisig. Sicher ist sicher. Immerhin weiß man nie, wann das Gehirn mal wieder Achterbahn fährt und einen Gedanken, 
eine Idee produziert, die genauso schnell geht wie sie gekommen ist. Also liegt in der Nähe von Michael Rupp stets ein Blatt Papier, Stifte oder eben gleich das Smartphone samt der Notizblock-App. Und darin stehen Dutzende Gedichte, manche kurz und knackig, andere lang und verschachtelt.

Der 50-Jährige scrollt durch die Liste, Fragmente all dessen, was früher oder später im Internet auf dem Foto-Sharing-Dienst Instagram landen soll. „Ich will meine Leser ja nicht warten lassen oder enttäuschen, also ist immer etwas in Vorbereitung“, sagt der Polizist.

"Reimen ist einfach mein Ding." Seine Spezialität ist die Mehrdeutigkeit – worauf schon sein Pseudonym „Keiner ist mehr dichter“ hindeutet. Der Polizist springt dabei auch auf aktuelle lokalpolitischen Themen. Kostprobe: „Echter Segen oder Qual? Der neue Weg durchs Allnatal“ – mal ganz nebenbei.

Wie so vieles, als „manchmal durchaus anstrengend“ bezeichnet Rupps Ehefrau Katja das Talent ihres Goethe-Gatten. Denn: Nach Feierabend mal auf der Couch Fernseh schauen, irgendetwas ­entspannt machen, funktioniere kaum – immer reiche ein irgendwo aufgeschnappter Halbsatz aus, damit er auf Ideen komme.

„Ich bin wehrlos: Mich springen Schlagworte an“

Manchmal habe er „Angst vor mir selbst. Mich springen Schlagworte einfach an, ich bin da völlig wehrlos“, sagt er. In einem TV-Bericht, so erinnert er sich, ging es mal um Bungeespringen. In seinem Kopf sei „sofort Kirmes gewesen“, heraus kam dann: „Erst nach dem Sprung vom Elefant, war das Bungee-Seil entspannt.“

Oder nach der Bahnfahrt endet das Erlebte so: „Der Single-Schaffner hat genug, jetzt sucht er ­einen Anschluss-Zug.“

Er schreibe „einfach unwahrscheinlich gerne. Auch an der Arbeit das, was viele nicht so mögen: Vermerke und Berichte.“ Für Kollegen und Verwandte formuliert der passionierte Fußballer persönliche Gruß- oder Glückwunschkarten, trat mit einem Gitarristen in Lohra bei einer Veranstaltung „Seite an Saite“ auf.

Schon zu Schulzeiten – und nein, er sei kein guter Deutschschüler oder sonderlich an Literatur interessierter Mensch gewesen – habe er ständig nebenbei Dinge aufgeschrieben, aber speziell in Ausbildung und Studium habe er sich kreativ ausprobiert. „Die Kunst, frech ohne gemein zu sein und versteckte Botschaften zu vermitteln, hat mich immer schon fasziniert“, sagt er.

Begonnen hat das Digital-Dichter-Dasein mit 40 „tierischen Vierzeilern“ – und mündet nun in die tägliche Vers-Veröffentlichung.Hinter ihm, an der Wand des Esszimmers des Lohraer Wohnhauses, hängen zwei Bilderrahmen, „Believe“ und „Faith“ steht darin.

Selbstvergewisserung, fester Glaube daran, dass er das selbst gesteckte Ziel von 365 Instagram-Mini-Gedichten in 365 Kalendertagen schafft? Dass die Internetgemeinde seine Kurz-Kultur wertschätzt?

Der Fotosharing-Dienst Instagram – durchaus eher eine Heile-Welt-Maschine – ist zumindest nicht gerade die Plattform, von dem viele die Schaffung neuer Literaturtrends, einer Renaissance des Kurz-Gedichts erwarten.

Das wäre doch eigentlich eher dem Kurznachrichtendienst Twitter vorbehalten, immerhin entstand dort schon ein eigenes Genre: die Zusammenfassung von Literaturklassikern in 140 Zeichen.

Doch wo Twitter sich in Wortgefechten erschöpft, hat Instagram eine unerwartete Kunstform zu neuer Beliebtheit verschafft: der Lyrik. Auf der Homepage, die eigentlich als rein visuelles Medium bekannt ist, verbreiteten sich unter dem Hashtag #instapoetry neben dem endlosen Strom an Selfies in den vergangenen Jahren viele Gedichte.

Visuelle Elemente
unterstreichen Textinhalt

Es sind Fotos von Texten, manchmal handgeschrieben, oft auch mit einer alten Schreibmaschine zu Papier gebracht. Das visuelle Element rückt so in den Vordergrund, wie bei Gedichten der Moderne, etwa von E. E. Cummings, wo das Schriftbild selbst zu Kunst wird.

Oft sind diese Instagram-Gedichte banal, doch manche Instagram-Poeten werden gerade zu echten Stars. Und Rupp, der mit rund 250 Followern noch weit weg vom Star-Dasein ist, bedient sich bei seinen Gedichten auch eher der klassischen Emoji- und Icon- und Meme-Untermalung der sozialen Netzwerke.

Das Internet, oft eher Ort der Hassreden, wird durch den Familienvater jedenfalls witziger.

von Björn Wisker