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Hinterland Mit Stroh zur sauberen Mobilität
Landkreis Hinterland Mit Stroh zur sauberen Mobilität
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19:00 28.01.2018
Der Marburger Erfinder Michael Feldmann hat eine Methode entwickelt, aus Stroh Bio-Gas herzustellen und sogar noch Kohlendioxyd zu verringern. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

„Stroh-Methan“ nennt Feldmann seinen Gas-Kraftstoff, der wie der Name schon verdeutlicht – aus Stroh gewonnen wird. Und da der Kraftstoff letztlich sogar Kohlendioxyd-Emissionen einsparen soll, hat er ihm den Namen „Zero3“ gegeben. Grundlage für Feldmanns Erfindung ist das sogenannte „Strohpatent“, das Feldmann mit seinem Start-up „Clean Mobility Systems“ bereits in mehr als 20 Ländern nationalisiert hat.

„Das Patent beschreibt, wie Stroh auf wirtschaftliche Weise­ vergoren werden kann“, sagt Feldmann. Das entscheidende Wort dabei ist „wirtschaftlich“. Denn die Biogas-Branche war laut dem Tüftler bis ins Jahr 2011 hinein der Auffassung, dass dies nicht möglich sei. „Durch unsere spezielle Vorbehandlung ist es jedoch wirtschaftlich möglich, den landwirtschaftlichen Reststoff Stroh als Rohstoff für die Erzeugung von Stroh-Methan zu verwenden“, verdeutlicht Michael Feldmann.

Der 62-Jährige erläutert die Vorzüge: Der Gas-Kraftstoff emittiere keinen Feinstaub, kaum Stickoxide und kein Kohlendioxyd. Zudem werde „Zero3“ an der Tankstelle „genauso wenig kosten, wie herkömmliches Gas“, so Feldmann.

Doch wodurch wird die Vergärung von Stroh plötzlich wirtschaftlich? „In der Vorbehandlung wird das Stroh extrem verkleinert“, sagt Feldmann  also nicht nur gehäckselt oder vermahlen, sondern fein vermahlen. Dieses „Strohpulver“ wird dann in einem üblichen ­Garagenfermenter mit weiteren Substraten fermentiert.

Damit jedoch die Restemission von Treibhausgas, die bei der Vergärung von Stroh noch entsteht, auf unter Null sinkt, geht Clean Mobility Systems noch einen Schritt weiter: „Wir stabilisieren den im Gärrest enthaltenen atmosphärischen Kohlenstoff der Getreidepflanze nämlich chemisch-physikalisch mittels einer speziellen Pyrolyse so, dass er nicht mehr mit Luftsauerstoff zu CO2 reagieren kann“, sagt der Marburger.

Gärreste werden zu einer Bio-Kohle verarbeitet

Denn ihm war wichtig, diese „restlichen zehn Prozent“ auch noch wegzubekommen. „Als Erfinder muss man viel nachdenken“, sagt er lachend, „man benötigt eine große Vorstellungskraft und landet auch in vielen Sackgassen, bis man etwas Neues entdeckt“, sagt er. „Fast alle Pflanzen bestehen in ihrer Trockenmasse zu 48 Prozent aus Kohlenstoff“, so der Erfinder. Wenn man aus diesen Biogas mache, bestehe dieses zur Hälfte aus Methan, zu 40 Prozent aus CO2, „und der Rest sind andere Gase, wie Sauerstoff, Wasserstoff und einige Edelgase“, verdeutlicht Feldmann. In Biogasanlagen werde das CO2 abgetrennt und nur das Methan verwertet – „das ist der Bio-Kraftstoff“.

Und was passiert mit dem bei Biogasaufbereitung und Pyrolyse entstehendem CO2? „Das wird rekuperiert, gereinigt und verflüssigt und dann an die ­Industrie verkauft“, verdeutlicht Feldmann.

Ungefähr die Hälfte des Kohlenstoffs der Pflanzen verbleibe jedoch in den Gärresten – würden diese als Dünger auf den Acker ausgebracht, dann würden die Bodenorganismen „sich über das Zeug hermachen und es verdauen. Nach einem Jahr sind nur noch 30 Prozent über, nach 20 bis 30 Jahren gar nichts mehr“, rechnet Feldmann vor. Am Ende des Prozesses blieben lediglich CO2 und Wasser übrig – „der Landwirt kennt dies als Bodenatmung“. Das Problem: Dann ist das CO2 jedoch wieder in der Atmosphäre.

„Also habe ich mir gedacht, dass wir den Kohlenstoff der Pflanzen so stabilisieren, dass er nicht mehr mit dem Sauer­stoff reagiert oder von den ­Bodenorganismen verdaut werden kann“ – erreicht habe Feldmann dies über eine bestimmte Form der Pyrolyse, die ebenfalls per Patent geschützt ist. „Letztlich entsteht eine Biokohle, die einen Aktivkohle-Effekt hat.“  Diese wird im weiteren Prozess mit Nährstoffen aus dem Biogasprozess quasi „aufgeladen“ – „dann ist die Oberfläche belegt, sie kann als Dünger eingearbeitet werden und verbessert so den Boden. Außerdem findet eine Dekarbonisierung der Atmosphäre statt“, sagt Feldmann. Die Kohle sei stabil „über Tausende von Jahren“, sagt Feldmann, zudem werde sich der Humusgehalt der Ackerkrume dauerhaft erhöhen.

Nächster Schritt ist die Erstellung einer Pilotanlage

Er hat gerechnet: Allein mit dem deutschen Strohaufwuchs, dem deutschen Aufkommen an Wirtschaftsdünger wie Gülle oder Festmist und den sonstigen landwirtschaftlichen Reststoffen wie etwa Krautabfall könne ohne jegliche Rohstoff-Importe jährlich eine Zero3-Menge von bis zu 300 000 Gigawatt-Stunden hergestellt werden. Bei einem durchschnittlichen Kraftstoff-Verbrauch von 10 000 Kilowattstunden pro Pkw und Jahr entspreche dieser Output dem Bedarf von 30 Millionen Pkw-Äquivalenten.

Nun geht es für Feldmann darum, eine kleine Pilotanlage zu erstellen, „in der wir nachweisen, dass es funktioniert, das ist der ,Proof of Concept‘“ – das sei Phase eins.

Phase zwei sei danach die Erstellung einer Demo-Anlage auf vorindustriellem Niveau, „mit dieser prüft man beispielsweise auch, wie die Logistikprozesse ablaufen – denn sie ist rund zehnmal größer als die Pilot-Anlage“, verdeutlicht Feldmann. Und in der dritten Phase wird dann eine Anlage für den Real-Betrieb entstehen.

Nun ist Feldmann auf der Suche nach Partnern – und deutet an, dass es bereits Interesse vonseiten der Industrie gebe. Aber spruchreif sei noch nichts. Doch Feldmann ist sicher, dass er einen Partner finden wird. „Das Ding wird was – und zwar gigantisch“, ist Michael Feldmann überzeugt.

von Andreas Schmidt