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Menger: Das Klinikum muss wachsen

UKGM Menger: Das Klinikum muss wachsen

Aufsichtsrat und Gesellschafter des Universitätsklinikums Gießen-Marburg (UKGM) haben gestern Abend ein Konzept der Unternehmensberatung McKinsey zur Konsolidierung diskutiert.

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Es hätte schlimmer kommen können: Das Mc Kinsey-Konzept sieht keinen Personalabbau vor um die Kosten zu senken. Stattdessen soll überall anderes gespart werden - und das Klinikum soll wachsen. 

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. McKinsey schlägt ein „Konsensmodell“ von Land, Träger, Klinikdirektoren und Arbeitnehmern vor, um das in wirtschaftliche Schieflage geratene Klinikum zu sanieren. Martin Menger, der Vorsitzende der UKGM-Geschäftsführung begrüßte das Modell und den Vorschlag, die Probleme gemeinsam mit allen Beteiligten zu lösen.

In einer Pressemitteilung von Donnerstagabend teilte das UKGM mit, dass Ende des Jahres eine Deckungslücke von 20 Millionen Euro bestehe. Außerdem ermittelte McKinsey einen weiteren Bedarf an Zukunftsinvestitionen von über 200 Millionen Euro. Als „Zwischenergebnis“ bezeichnete Menger die Vorschläge von McKinsey, die das UKGM so zusammenfasste:

  • Die Patientenversorgung auf höchstem universitärem Niveau muss erhalten bleiben
  • Forschung und Lehre bleiben wesentlicher Teil des Profils der beiden Standorte Gießen und Marburg
  • Arbeitsplatzsicherheit soll gewährleistet werden.
  • Ziel bleibe es, auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten.
  • Ein zumindest ausgeglichenes Ergebnis trotz der schwierigen Rahmenbedingungen muss wieder erreicht werden

Die  „Erfolgsgeschichte“ des UKGM könne fortgeschrieben werden, so Menger, wenn es gelinge, auf folgenden sechs Feldern voranzukommen:

  • Sicherstellung weiteren Wachstums der stationären und ambulanten Leistungen
  • Steigerung der Personalproduktivität durch verbesserte klinische Prozesse
  • Konsequente Abrechnung der erbrachten Leistungen durch vollständige Dokumentation und Kodierung
  • Verbesserte Sachmittel-Effizienz im medizinischen Bereich
  • Optimierung der Verwaltungsfunktionen
  • Senkung der Kosten für Drittleistungen.

Strategie: Umsatz steigern

Damit setzt McKinsey auf die Strategie, die im Krankenhauswesen allgemein angestrebt wird: Steigerung des Umsatzes. Hinter der Formulierung „vollständige Dokumentation und Kodierung“ verbirgt sich das Bemühen, auch für den einzelnen Behandlungsfall mehr mit den Krankenkassen abrechnen zu können. Was konkret mit Arbeitsplatzsicherheit gemeint ist, war am Donnerstagabend nicht mehr zu erfahren.

Der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen ist das eine – eine Neubesetzung ausgelaufener Stellen ohne sachliche Begründung, wie es der Betriebsrat seit Anfang des Jahres immer wieder fordert, das andere. Ein Moratorium für das Wegfallen befristeter Stellen hatte Menger mehrfach abgelehnt. Nach Auskunft des Betriebsrats fielen durch diesen „kalten Stellenabbau“ mehr als 100 Stellen seit Jahresanfang weg. Ungeklärt ist auch noch, wer künftig die Arbeit der bisher gut 200 Rückkehrer übernehmen soll, die zum Jahresende von ihrem Rückkehrrecht zum Land Gebrauch machen.

Auffallend ist, dass das UKGM sich zur Patientenversorgung auf „höchstem universitären Niveau“ und zu Forschung und Lehre bekennt. Damit soll möglicherweise der Konflikt mit dem Land entschärft werden. Die Regierung von Volker Bouffier hatte mehrfach ihre Unzufriedenheit mit dem UKGM-Betreiber Rhön-AG geäußert. Möglicher Hintergrund: Indirekt fordert das UKGM das Land Hessen zu weiteren Investitionen auf.

Menger beklagt unter anderem den nur gering ansteigenden hessische Landesbasisfallwert. Das ist der landesweit  geltende Abrechnungsschlüssel für Krankenhausleistungen. Und die nur anteilige Finanzierung der im Rahmen des Pflegeförderprogrammes eingestellten zusätzlichen Pflegekräfte. Zudem habe das Land seit der Privatisierung mehr als 150 Millionen über die vertraglich vereinbarte Investitionsverpflichtung hinaus investiert. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) ließ in einer ersten Reaktion offen, ob das Land zur Hilfe bereit ist. Sie sprach in einer Presseerklärung lediglich von einem „ersten Schritt zur Verbesserung der Transparenz der Daten zur wirtschaftlichen Lage des Universitätsklinikums Gießen und Marburg“.

Die Ministerin sagte, dass man von einem Einvernehmen noch entfernt sei. Sie sehe aber „konstruktive Ansätze“ für die weiteren Gespräche mit allen Beteiligten. Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen Land und Rhön bleibt das Partikeltherapiezentrum auf den Lahnbergen, „zu deren Einrichtung bis 31. Dezember 2012 sich die Rhön-Klinikum AG im Konsortialvertrag 2006 verpflichtet hat“, wie Kühne-Hörmann erneut hervorhob.

Der Schulterschluss mit allen Beteiligten, den die UKGM-Geschäftsführung  anstrebt,  ist also noch längst keine ausgemachte Sache. Die Oberhessische Presse hatte bereits am Mittwoch unter Berufung auf sichere Quellen berichtet, McKinsey setze auf Umsatzwachstum und zusätzliche Investitionen. Die Verlautbarung des UKGM von Donnerstag bestätigt diese Linie. Momentan werde der derzeitige Arbeitsstand des Konzepts mit allen Beteiligten und den betroffenen Gremien diskutiert, ließ Menger seinen Pressesprecher mitteilen. Ziel sei es, einen Konsens zu finden, der „die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt und möglichst die Zustimmung aller Betroffenen enthält.“ Ob dies tatsächlich möglich ist, wird sich dann zeigen, wenn die gestrigen Vorschläge konkretisiert werden.

Offene Fragen gibt es auch nach Donnerstagabend mehr als genug.

von Till Conrad

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