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Die Liebe des Handwerkers

Regionalmuseum Die Liebe des Handwerkers

Einblicke in die vielfältige Welt des Handwerks ­erhalten die Besucher im ­Regionalmuseum „Hinz Hoob“ in Weidenhausen. Dort hat der Heimatverein eine Ausstellung unter dem Titel „Meisterstücke“ eröffnet.

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„Machen weiter, bis es ein Ergebnis gibt“

Malermeister Klaus Pitz (links) zeigt Frank Interthal seine Hinterglasvergoldungen.

Quelle: Sascha Valentin

Weidenhausen. Ein selbstgenähtes Maßkleid, eine 1000 Kilogramm schwere Bananenstaude aus Diabas oder ein edler Sekretär aus Teak-Holz. Das sind nur einige Ausstellungsstücke, die im Regionalmuseum ausgestellt sind. Dort ist mehr als ein Dutzend Arbeiten zu sehen, welche Handwerker aus der Region für ihre Meisterprüfung angefertigt haben. Ein Beweis dafür, welche Formen der Ideenreichtum und die Schaffenskraft der teilnehmenden Handwerkskünstler in dem Museum annimmt.

Tatsächlich seien sie nichts Geringeres als das, stellte Jochen Becker vom Heimatverein fest, der die historische Entwicklung des Handwerks aufrollte: „Wahre Künstler ihres­ ­Faches!“, nannte Becker die ­Erschaffer der Werkstücke. Durch „liebevolles Versenken in ihre Arbeit und das enge Verwachsensein mit dem verarbeiteten Stoff“ erschüfen die Handwerker etwas Neues, Einzigartiges, das die Hingabe zu ihrem Handwerk widerspiegele, sagte­ Becker.

Diese persönliche Beziehung hebe das Handwerk von der unpersönlichen, industriellen Massenproduktion ab und mache es zu etwas Besonderem, führte Becker weiter aus und schlug in seinem Vortrag den Bogen von der Entstehung der Zünfte bis hin zu Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“. Denn was viele nicht wüssten: Auch der Meistergesang sei eine Erfindung des Handwerks. Gesungen wurde dieser früher nämlich tatsächlich von Handwerkern.

Zachow: Handwerk 
zu wenig beachtet

Frank Interthal, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, griff Beckers Ausführungen auf und führte sie über die Entstehung der Handwerkskammern Anfang des 20. Jahrhunderts bis zum mitunter schwierigen Stand des Handwerks in der Gegenwart fort. Beides, Handwerk und Gesellschaft, befinde sich in einem stetigen Wandel mit Höhen und Tiefen, erklärte Interthal und verwies darauf, dass von den 125 Handwerksberufen nur noch in 41 der Meisterbrief erlangt werden kann. Das mache ihn jedoch nur umso wertvoller.

Vielleicht gelinge es der Ausstellung „Meisterstücke“ im Regionalmuseum ja auch, die Lust am Handwerk neu zu entfachen, verlieh der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) seiner Hoffnung Ausdruck. „Wir hatten immer die besten Hände und Köpfe und das hat unsere Region stark ­gemacht“, so Zachow, der vor ­
allem jungen Menschen Mut machte, ihr Glück nicht nur im Büro zu finden. Das Handwerk sei ein „Trampolin in die Zukunft“, betonte er. Nur werde das heute viel zu wenig beachtet. Umso mehr begrüße er die Arbeit, die sich der Heimatverein mit der Ausstellung gemacht habe, denn sie verbinde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander.

Tatsächlich kamen die Besucher über die Ausstellungsstücke schnell miteinander ins Gespräch. Bürgermeister Peter­ Kremer (parteilos) etwa erinnerte sich an sein eigenes Gesellenstück als Fliesenleger, ­einen Rundbogen, in den jede Menge Zeit und Liebe zum Detail eingeflossen sei. Tischlermeister Bernd Müller klärte die Besucher über seinen massiven Schreibtisch auf, in dem mehr als 150 Arbeitsstunden stecken, und Steinmetz- und Bildhauermeisterin Elisabeth Heinz stellte ihren „Barocken Ochsenaugenspiegel“ vor, der ihr im Jahr 2013 als Gesellenstück sogar einen Bundessieg beschert hat.

Ein Ausstellungsstück bereits zerstört

Neben den Meisterstücken sind in der Ausstellung auch einige beachtliche Projektarbeiten zu sehen, die im Zuge von Prüfungen an Berufsschulen entstanden. Daniel Blöcher, der ­einen eigens entworfenen Nachttisch mit ausfahrbarer Truhenschublade beisteuerte, war sogar der Erste, der sich auf die Anzeige des Heimatvereins für die Ausstellung gemeldet habe, sagte Anneliese Müller. So etwas mache Mut und Hoffnung, dass der „goldene Boden“ des Handwerks auch künftig erhalten bleibe, freute sich die Vorsitzende des Heimatvereins.

Allerdings zeigt die Ausstellung auch, dass alles Schaffen irgendwann vergänglich ist. Schmerzhaft feststellen musste dies zum Beispiel Malermeister Klaus Pitz, der die Ausstellung federführend mit organisiert hat. Sein Ausstellungsstück, ein griechischer Säulenbogen aus Rigips, den er vor mehr als 20 Jahren entworfen und gestaltet hatte, fiel im Hof des Heimatmuseums am Tag vor der Ausstellungseröffnung einer Windböe zum Opfer. Übrig blieben nur die in sich zusammengestürzten Teile des Bogens, die in ihrer Anordnung aber selbst wieder an ein Kunstwerk erinnern.

  • Die Ausstellung „Meisterstücke“ kann noch bis zum 21. Oktober im Regionalmuseum „Hinz Hoob“, Weidenhäuser Straße 32, in Weidenhausen besucht werden.

von Sascha Valentin

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