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Hinterland Fünf Vollzeit-Ärzte fehlen im Hinterland
Landkreis Hinterland Fünf Vollzeit-Ärzte fehlen im Hinterland
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19:18 26.04.2017
Im Hinterland fehlen jetzt schon fünf Ärzte, die Patienten mit einem Stethoskop abhören könnten. Quelle: Patrick Pleul
Hinterland

Zwei Ärzte wollen Mitte des nächsten Jahres ihre Tätigkeit beenden. Ob sie für ihre Praxen in Dautphe und Holzhausen bis dahin Nachfolger finden oder diese geschlossen werden, steht noch nicht fest.

Von einer Schließung wären nicht nur die rund 4000 Patienten betroffen, auch die in der Gemeinde Dautphetal dann verbleibenden vier Ärzte, darunter zwei in einer Gemeinschaftspraxis in Friedensdorf sowie je einer in Buchenau und Dautphe, schlagen Alarm. Sie sehen sich nicht in der Lage, die zusätzlichen Patienten zu versorgen.

Deshalb gehen sie in die Offensive und wollen mit der Gemeinde für Dautphetal als Praxenstandort werben. Wie die OP berichtete, haben sie dabei kaum Hoffnungen, von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) unterstützt zu werden.

Bendrich: Laufen auf einen Ärztemangel zu

Eine Praxisübergabe sei primär eine Angelegenheit, die der Inhaber und ein Interessent aushandeln müssen, verdeutlicht KV-Sprecherin Petra Bendrich. Zwar werbe die KV nicht für einzelne Standorte oder Praxenübernahmen, biete aber ­eine Praxen-Börse und reagiere auf die sich seit langem anbahnende Situation, zum Beispiel mit einem sechs Punkte umfassenden Förderpaket für niederlassungswillige Ärzte.

Hintergrund ist die Tendenz, dass angehende Mediziner das Land meiden und vermehrt in die Städte drängen. Ursachen sind unter anderem die geänderten Lebensplanungen oder die Wünsche nach geregelten oder auch flexibleren Arbeitszeiten zum Beispiel von Ärztinnen mit Kindern. Gerade diese Gruppe nehme vermehrt zu. So waren im vergangenen Jahr 76 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums in Frankfurt Frauen. Bei einer festgelegten Zahl an Medizinstudenten, bei einer zunehmenden Zahl älter werdender Menschen bedeute dies in der Summe, dass es in Zukunft nicht rosiger wird: „Wir laufen auf einen Ärztemangel zu“, sagt Bendrich.

Gut 1600 Einwohner auf einen Hausarzt

Im Hinterland ist die sich seit langem anbahnende Situation­ allerdings schon heute Realität. So fehlen nach Zahlen der KV im Planungsbereich Biedenkopf Ärzte für 5,5 Vollzeitstellen. Zu diesem Planungsbereich gehören Angelburg, Biedenkopf, Breidenbach, Dautphetal und Steffenberg. In diesem könnten Hausärzte sogar neue Praxen gründen, ohne Probleme bei der Zulassung befürchten zu müssen. Im Planungsbereich Gladenbach – dazu gehören auch Bad Endbach und Lohra – sieht die KV allerdings eine leichte Überversorgung. Neue Hausärzte könnten dort nur eine Praxisübernahme genehmigen lassen.

Um den Bedarf an Ärzten zu ermitteln, teilt die KV das Land Hessen für Hausärzte in 76 Planungsbereiche auf. In diesen wird eine Relation zwischen Einwohner- und Ärztezahl festgelegt. Für den Planbereich Biedenkopf sind das 1653 Einwohner je Hausarzt, für den Planbereich Gladenbach 1655. Die Verhältniszahlen bilden die Grundlage für die Berechnung des Versorgungsgrades. Ein sogenannter Landesausschuss, der sich aus Vertretern von Ärzten und Krankenkassen zusammensetzt, stellt dann eine „Über“- oder „Unterversorgung“ fest.

Die Bedarfsplanung wurde 1993 eingeführt, um einer Arztschwemme entgegenzuwirken. Zuvor konnten sich Ärzte im Bundesgebiet niederlassen, wo sie wollten.

von Gianfranco Fain

 Förderung durch die Kassenärztliche Vereinigung

Um Mediziner für eine Niederlassung zu interessieren und diese zu fördern, stellte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen im März das Förderpaket „In die Praxis, fördern, los!“ vor. Es umfasst:

  • „Sei mein Gast!“: lässt approbierte Ärzte, in eine Praxis schnuppern und fördert die Hospitanten auf einer Vollzeitstelle in drei Monaten mit jeweils bis zu 5400 Euro.
  • „Start gut!“: Niederlassungswillige Allgemeinmediziner erhalten von der KV für bis zu 24 Monate ambulanter Weiterbildungszeit eine Förderung von 1000 Euro/Monat, wenn sie sich danach in einem Gebiet mit besonderem Versorgungsbedarf niederlassen.
  • Ansiedlungsförderung: Bis zu 66.000 Euro gibt es für Niederlassungsvorhaben. Voraussetzung: Niederlassung für mindestens fünf Jahre in einem förderungsfähigen Gebiet.
  • Umzugskosten: Einmalig bis zu 10.000 Euro gibt es, wenn Hausärzte sich in festgelegten Landkreisen, Städten oder Gemeinden mit weniger als 25.000 Einwohnern niederlassen.
  • Übernahme Kinderbetreuungskosten: Drei Jahre lang bis zu 400 Euro pro Monat werden Kinderbetreuungskosten erstattet – in den ersten drei Jahren der Niederlassung ab Geburt bis zum Schulbeginn eines oder mehrerer Kinder.
  • Honorarumsatzgarantie: Die KV Hessen sichert niederlassungsinteressierten Ärzten in den ersten beiden Quartalen nach dem Praxisstart ein Honorar in Höhe von 85 Prozent des durchschnittlichen Honorars ihrer Fachgruppe zu.
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