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Hinterland Medizin-Dekan: „Projekt gescheitert“
Landkreis Hinterland Medizin-Dekan: „Projekt gescheitert“
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06:16 23.04.2012
Der Dekan des Fachbereichs Medizin, Professor Matthias Rothmund, sieht das Projekt Finanzierung am Universitätsklinikum gescheitert: Hochschulmedizin und Renditestreben vertragen sich nicht, glaubt er. Quelle: Thorsten Richter/Till Conrad
Marburg

In einem Gespräch mit der Oberhessischen Presse sagte Rothmund: „Ich sehe, dass durch die Vorgänge am Universitätsklinikum Gießen und Marburg der Ruf des Klinikums schon Schaden genommen hat.“ Zuweisende Ärzte berichteten vermehrt von Patienten, die eine Überweisung ins UKGM ablehnen und lieber in ein anderes Krankenhaus verlegt werden möchten - und das, obwohl Ärzte und Pflegepersonal nach wie vor zuverlässig und mit höchstem Einsatz arbeiten.

Rothmund ist seit 2007 erster hauptamtlicher Dekan am Fachbereich Medizin und war zuvor 20 Jahre lang Leiter der Uniklinik für Visceral-, Thorax und Gefäßchirurgie. Er kennt also das Universitätsklinikum sowohl aus hochschulmedizinischer Sicht wie auch aus Sicht eines Leitenden Arztes. „Das Rhön-Klinikum kommt seiner Aufgabe aus hochschulmedizinischer Sicht schlecht nach“, sagt der Dekan und fügt hinzu: „Ich kann das der Rhön-Klinikum AG noch nicht einmal übelnehmen - die denkt, wie ein börsennotiertes Unternehmen denken muss.“ Das kurzfristige Gewinndenken der Rhön-AG und das verzweifelte Bemühen, die angepeilte Rendite in Höhe von etwa sechs Prozent zu erzielen, vertrage sich aber nicht mit dem akademischen Herangehen der Hochschulmedizin - „das haben die vergangenen sechs Jahre seit der Privatisierung gezeigt“. Rothmund betont als Aufgabe der Hochschulmedizin: „Wir müssen immer langfristig denken - bei der Ausbildung junger Mediziner ebenso wie bei dem Bemühen eines Professors, der die Behandlungsmöglichkeiten für die Patienten verbessern möchte, indem er forscht.“

Auf diesem Hintergrund kommt der Chirurg zu dem Ergebnis: „Die Privatisierung im Jahr 2006 war ein Fehler, und es stünde der Landesregierung gut zu Gesichte, diesen Fehler zu korrigieren.“ Dass die Regierung Bouffier durch einen solchen Schritt an Zustimmung verlieren würde, sieht Rothmund nicht - er verweist auf die Kehrtwende der Bundesregierung in der Energiepolitik: „Auch diese Korrektur hat Merkel keine Wählerstimmen gekostet.“

Was aber geschehen würde, wenn die Landesregierung ihren „Fehler“ von 2006 zurücknehmen würde, das weiß keiner so ganz genau. Für Rothmund steht aber fest: Für das UKGM und die Hochschulmedizin wäre nichts gewonnen, wenn ein anderer privater Eigner - Helios oder Asklepios - käme.

Das Land steht, so Rothmund, jetzt wie vor sechs Jahren vielmehr in der öffentlichen Verantwortung - aber der sei es bis jetzt nicht nachgekommen: „Nach dem Verkauf hat sich das Land nicht mehr für unser Klinikum interessiert“, wirft Rothmund der Regierung Koch vor. Jetzt sei es höchste Zeit, im Interesse des Versorgungsauftrags und im Interesse der Sicherstellung von Forschung und Lehre die Notbremse zu ziehen. „Das Land muss sich seiner Verantwortung bewusst werden.“

Zwei Szenarien kann sich der Mediziner vorstellen: Entweder das Land übernimmt das Universitätsklinikum wieder als öffentliche Einrichtung. Oder das Land legt eine Organisationsform auf, in der Wiesbaden tatsächlich Einfluss auf die Entscheidungen des Kliniksvorstands hat: Ob als Modell für eine öffentlich-private Partnerschaft (public private partnership, PPP), als Stiftung oder als Genossenschaft - das spielt für Rothmund nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Und der Dekan sieht, dass es relativ schnell zu einer Situation kommen könnte, in der das Land entscheiden muss: „Auch für den Rhön-Konzern muss klar sein, dass das Projekt Privatisierung gescheitert ist“, sagt Rothmund. „Der Rhön-Konzern wird bei ausreichender Personalausstattung mit einem Universitätsklinikum nie die Gewinne erzielen können, die notwendig sind, um Abschreibungen und Zinsen zu bedienen und dann noch die erforderliche Rendite zu erzielen.“

Ein Universitätsklinikum hat nun einmal, so Rothmund, höhere Personalkosten und höhere Vorhaltekosten als ein gewöhnliches Kreiskrankenhaus: Ein Universitätsklinikum ist Hauptstätte der ärztlichen Weiterbildung, und ein Universitätsklinikum wird immer einen höheren Stand an Medizintechnik aufweisen als ein Krankenhaus.

Dass hinter der ganzen Auseinandersetzung ein Finanzierungssystem für die Krankenhäuser (die so genannten Fallpauschalen, kurz DRG) steht, mit dem alle Krankenhäuser, vor allem aber die Universitätskliniken, Schwierigkeiten haben, dass der Fachbereich Medizin und die Universität unzufrieden sind mit der Finanzierung der Hochschulen und der Hochschulmedizin durch das Land Hessen, dass der Rhön-Konzern sich schwer verkalkuliert hat beim Verzicht auf die Förderung seiner Investitionen durch das Land - all das gehört für Professor Rothmund zum „Grundrauschen“, zu den Rahmenbedingungen, unter denen nun intensiv über die künftige Betriebsform des Universitätsklinikums diskutiert wird,

Vorerst aber interessiert den Medizin-Dekan in erster Linie etwas ganz anderes: „Dass das normale Geschäft wieder zum Laufen kommt.“ Das UKGM sei seit Anfang des Jahres nur noch mit sich selbst beschäftigt. Und das hat Folgen: „Es gibt monatlich bis zu hundert Anträge von befristet Beschäftigten auf Verlängerung ihrer Arbeitsverträge - aber sie werden nicht oder nur mit großer Verzögerung bearbeitet“, beklagt Dekan Rothmund.

Besonders bitter: Betroffen sind vor allem patientennahe Bereiche, sagt Rothmund, vor allem Ärzte und Schwestern warten auf eine Fristverlängerung. „Das ist ein Zustand, der muss sofort abgestellt werden.“

von Till Conrad