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Hinterland Mediatoren stehen im Kreuzfeuer
Landkreis Hinterland Mediatoren stehen im Kreuzfeuer
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19:34 09.03.2012
Im Kampf gegen den drohenden Stellenabbau bekommen die Mitarbeiter weitere Unterstützung: Der Seniorenausschuss des Deutschen Gewerkschaftsbundes Marburg erklärte sich solidarisch mit den UKGM-Beschäftigten und will sich an Aktionen beteiligen. In einem OP-Artikel vom 22. Oktober 2008 zieht der jetzt zum Mediator berufene Wolfgang Gerhardt ein positives Fazit der Privatisierung. Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es ist gegen 13 Uhr am Freitagnachmittag, als Friedrich Bohl sich von Frankfurt aus auf den Weg nach Wiesbaden macht. Dort trifft der 67-jährige ehemalige CDU-Bundesminister, derzeitige Präsident der Von-Behring-Röntgen-Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Vermögensberatung AG, im Wissenschaftsministerium auf den früheren FDP-Minister Wolfgang Gerhardt. Beide wurden sie am Donnerstag von Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) zu Mediatoren im Streit um den Stellenabbau an den Universitätskliniken Gießen und Marburg (UKGM) ernannt. Sie sollen für Ruhe sorgen und das zerstörte Vertrauen zwischen Rhön-Klinikum AG, Mitarbeitern, Land und den Universitäten wiederherstellen.

„Das ist eine interessante und ehrenvolle Aufgabe für mich“, erklärt der aus Marburg stammende Bohl gegenüber der OP. „Ich bin sicher, sie gemeinsam mit Wolfgang Gerhardt erfüllen zu können.“

Am Freitagnachmittag hieß es dann erst einmal lernen: „Wir bekommen im Ministerium den Sachverhalt dargelegt und werden über die Regeln informiert“, schildert Bohl den Ablauf. Im Anschluss daran gilt es, sich in einem Crash-Kurs in das Thema einzuarbeiten. „Mit Wolfgang Gerhardt muss ich schließlich noch das weitere Vorgehen absprechen, und dann werden wir in der nächsten Woche loslegen“, so Bohl.

Ob das alles wirklich so reibungslos ablaufen wird, darf bezweifelt werden. Zumindest vom Marburger Betriebsrat gibt es Einwände gegen die Besetzung. „Wir wurden wieder einmal in der Entscheidung übergangen. So kann man doch nicht auf Augenhöhe verhandeln“, sagt die Vorsitzende Bettina Böttcher.

Der Betriebsrat fühlt sich außen vor. Und das nicht zum ersten Mal. Schon bei vorherigen Entscheidungen wurden Bettina Böttcher und ihr Gießener Kollege, Klaus Hanschur, erst nach der Lösungsfindung über deren Ergebnisse in Kenntnis gesetzt. „Wir haben wichtige Dinge erst aus der Zeitung erfahren. So geht es nicht“, betont Böttcher.

Bereits im Oktober 2008 – nachdem die OP die Vorwürfe einer Allgemeinmedizinerin öffentlich gemacht hatte, die angeprangert hatte, dass ihre Patienten im Marburger Uniklini­kum aus Kostengründen nur unzureichend oder gar nicht behandelt worden waren – besuchte Wolfgang Gerhardt den Standort und erklärte die Privatisierung zu einem Erfolg. Er sehe das Klinikum auf einem gutem Weg, sagte er damals und ergänzte: „Es läuft vielleicht nicht alles lupenrein, aber die ärztliche und pflegerische Versorgung ist gut.“ An den Vorwürfen sei seinen Informationen aus Gesprächen mit der kaufmännischen und ärztlichen Geschäftsführung sowie dem Dekan des Fachbereichs Medizin zufolge nichts Wahres dran.

Mit großem Erstaunen hat auch die Opposition im hessischen Landtag die Berufung der Mediatoren zur Kenntnis genommen. „Normalerweise versucht man ja Personen zu finden, die von allen Seiten akzeptiert sind. Ob das für die vorgeschlagenen Parteisoldaten ohne Fachkenntnis im Gesundheitswesen der Fall ist, werden die Beteiligten entscheiden müssen“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der hessischen Grünen, Kordula Schulz-Asche. Diese Meinung teilt auch der SPD-Vizefraktionschef im Landtag, Dr. Thomas Spies: „Kühne-Hörmann sind die Beschäftigten weiterhin völlig egal, wenn sie ihnen Mediatoren aus den eigenen Reihen aufzwängt. Offensichtlich hat sie nicht verstanden, dass Kooperation und Einvernehmen von ihr nicht angeordnet werden können“, kritisiert er.

Die Geschäftsleitung des UKGM hingegen hält die Wahl der Mediatoren für gelungen: „Herr Bohl und Herr Gerhardt sind anerkannte, hoch geschätzte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich schon vielfach in solchen Prozessen des Ausgleichs unterschiedlicher Meinungen und Interessen verdient gemacht haben. Wir gehen davon aus, dass wir schnell an einen Tisch kommen und es gelingt, die bisherigen Gesprächsfäden wieder aufzunehmen und zu einer Kultur des Vertrauens zurück zu kehren“, heißt es von dort.

von Katharina Kaufmann und Carsten Bergmann