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Hinterland Motto lautet: Keine Angst vorm Stoff
Landkreis Hinterland Motto lautet: Keine Angst vorm Stoff
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09:00 30.12.2017
Franziska Fritsch und Vater Markus Jesberg sind Raumausstatter aus Leidenschaft. Quelle: Andreas Schmidt
Rauschenberg

Franziska Fritsch flechtet breite Jutegurte­ immer über Kreuz in einem Holzrahmen. Der Rahmen ist die Sitzfläche eines Stuhls – und der wird gerade von Grund auf neu aufgebaut. „Restaurationen machen schon einen Großteil unserer Arbeit aus“, sagt die 28-Jährige.

„Zwar fertigen wir auch Gardinen und alles an, aber die Restauration macht auch viel Spaß“, sagt sie. So zum Beispiel bei dem Stuhl, den sie gerade fertigt: Ihr Vater, Markus Jesberg, hat das Holz an einigen Stellen ausgebessert. Tochter Franziska­ ist nun am Aufbau der Sitzfläche. „Es sind zwei Stühle, die einer alten­ Dame gehören. Sie will alles so originalgetreu wie möglich haben – deswegen verwenden wir für den Grundaufbau auch nur die alten Materialien“, sagt sie. Heißt für die Raumausstatter: Schaumstoff und Co. sind tabu. Stattdessen kommen Rosshaar und Afrik, eine Palmfaser, zum Einsatz.

Ähnlich sieht es bei einem ­Sofa aus, das die Rauschenberger wieder aufbauen: Übrig ist nur der Rahmen, auf diesem wurden die Federpakete bereits gegurtet und geschnürt, damit sie ihre Spannung und Festigkeit erhalten. „Und dann beginnt der Aufbau“, sagt Franziska Fritsch. Dazu gehört später auch das Polieren der Oberflächen mit Schelllack.

Erhalten, statt neu kaufen

Vater und Tochter profitieren­ davon, dass einige Menschen lieber Möbelstücke erhalten,­ anstatt sie neu zu kaufen. „Auch, weil Erinnerungen mit den ­Möbeln verbunden sind“, weiß Fritsch.

Die Arbeit sehe man heute­ nicht mehr so oft, weiß auch Markus Jesberg. „Vieles passiert bei der Restauration noch genauso, wie vor 100 Jahren“, erzählt er – nur der druckluftbetriebene Tacker erleichtert die Arbeit doch immens. Jesberg ist Raumausstattermeister und auch staatlich geprüfter Restaurator. Die zusätzliche zweijährige Ausbildung sei sehr intensiv und anstrengend gewesen, denn neben kunstgeschichtlichem Wissen und Stilkunde sei natürlich auch Materialkunde ebenso ein wichtiger Punkt gewesen, wie die historische Stoffkunde oder die Oberflächenbehandlung. „Ob Marmor-Imitationsmalerei oder Vergoldung – alles gehörte dazu“, sagt Jesberg.

Arbeit gebe es reichlich, „aber wir finden keine Mitarbeiter“, sagt er und beschreibt damit ein branchenübergreifendes Problem nicht nur des Handwerks. Dabei biete seine Arbeit so viele spannende Facetten – so arbeitete Jesberg schon direkt nach dem Abschluss der Weiterbildung in der Ubbelohde-Stiftung die Ledermöbel auf. „Diese wurden teilweise in Frankreich wieder aufgekauft, weil sie weit verstreut waren“, erinnert sich der 54-Jährige.

Wenn Franziska Fritsch und Markus Jesberg zusammen in fremden Gebäuden arbeiten, schwingt häufig ein Hauch Geschichte mit. Privatfoto

Seit knapp zehn Jahren arbeitet Jesberg mit einem Restaurator-Kollegen aus Plauen zusammen – und einem Seidenweber aus Crimmitschau. „Er ist der einzige Seidenweber, der Rekonstruktionen etwa für die Stiftung Schlösser und Gärten anfertigt“, sagt Jesberg.

Dabei sei mitunter Detektivarbeit angesagt, „es reicht schon ein kleines Fitzelchen Stoff. Daraus kann dann oft das einstige Muster und auch das Material abgeleitet werden.“ Und das sei sehr aufwändig: Zunächst werde der Stoff in eine Stilrichtung eingeordnet, mehrere Befunde würden erstellt, um dann einen Rapport zu fertigen. „Danach wird die Farbe analysiert, das Garn in Italien gefärbt – bis schließlich alles von den Stiftungen oder Auftraggebern genehmigt ist“, sagt Jesberg. Dann werde der Stoff gewebt, „den wir dann verspannen“.

Stoff für Geschichte(n)

Einige spannende Aufträge habe dieses bewährte Team schon realisiert, „so haben wir etwa die Königsloge von August dem Starken in Wermsdorf restauriert, oder die Villa Kampffmeyer in Potsdam, „wo der Agentenaustausch zwischen Ost und West stattfand“, sagt der Restaurator. In zahlreichen historischen Häusern hat Jesberg bereits gearbeitet – ein Highlight wurde kürzlich abgeschlossen: Die Restaurierung der Berliner Staatsoper „Unter den Linden“. Sieben Jahre lang wurde diese für weit mehr als 400 Millionen Euro saniert, entkernt, unterhöhlt, aufgepfählt, abgedichtet, akustisch nachgebessert und frisch vergoldet.

Mit dabei war auch Tochter Franziska, die in die Fußstapfen ihres Vaters tritt und hauptsächlich die Verspannungen vorgenommen hat. Sie hatte zunächst eine Ausbildung zur Schneiderin absolviert, bevor sie sich zur Mitarbeit im väterlichen Betrieb entschied. „Und hier hat sie dann nochmal von der Pike auf gelernt“, sagt Vater Markus Jesberg stolz.

Die Staatsoper stellte das Team vor eine größere Herausforderung, denn eine klassische Verarbeitung der Stoffe, mit denen die Gefache ausgekleidet wurden, war kaum möglich. „Bei der klassischen Verarbeitung sitzen Holzrahmen auf dem puren Mauerwerk auf. Die Rahmen werden mit Leinen bespannt, anschließend mit Makulatur-Tapete tapeziert, auf die ein Molton-Stoff aufgebracht wird. Und dann kommt erst der feine Seidenstoff“, erklärt Jesberg.

In den Rängen­ der Oper musste­ der Stoff allerdings verklebt werden. Einerseits, um die Akustik zu verbessern – und wegen des Brandschutzes. „Es war schwierig genau den Punkt zu erwischen, wo der Stoff klebt, ohne dass der Kleber durchschlägt und Flecken bildet“, erinnert sich der 54-Jährige. Es sei ein „sehr langwieriges Prozedere“ gewesen, bis sich das Team die passende Klebetechnik erarbeitet hatte, die so noch nicht zum Einsatz kam.

Arbeit auf Tausenden Quadratmetern

„Letztlich heißt die Devise: Keine Angst vorm Stoff“, sagt Jesberg. Auch, wenn die aufwändig rekonstruierte Ware wertvoll sei, „darf man im Vorfeld nicht schon denken, dass man bloß keinen Fleck machen darf – denn sonst ist in fünf ­Minuten einer dran“, weiß er.

„Unsere Firma hat alleine 240 Felder in der gesamten Oper ausgekleidet“, sagt Jesberg – das seien Tausende Quadratmeter gewesen. Rund ein halbes Jahr – mit Unterbrechungen, je nach Arbeitsablauf der anderen Gewerke – hat das Unternehmen letztlich in der Staatsoper gearbeitet, „es war zeitlich sehr eng, weil sich der Bau insgesamt so lange verzögert hatte“, sagt der Rauschenberger. „Stellenweise 
haben die Musiker schon geprobt, während wir noch gearbeitet haben“, sagt er lachend. Doch letztlich möchte er die Zeit und die Erfahrung nicht missen.

Die Arbeit in Schlössern ist für Jesberg natürlich nicht das tägliche Geschäft. „Selbstverständlich bieten wir das ganz normale Raumausstatter-Geschäft, bis hin zu modernen und hochwertigen Gardinen.“ Er sei nicht in der Antike verhaftet. Und: „Auch, wenn die Oma um die Ecke sagt, sie möchte auf ihrem 60 Jahre alten Stuhl wieder einen schönen Stoff, machen wir das natürlich gerne.“ Denn eines ist für den Raumausstatter sicher: Alte Möbel verdienen es, neu belebt zu werden.

von Andreas Schmidt