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Marburger Schlachthof schließt

Kein Geld für Investitionen: Marburger Schlachthof schließt

Für die heimischen Fleischer ist es ein Schock: Zum 31. Januar stellt der Marburger Schlachthof den Betrieb ein - als letzter Schlachthof in der Region.

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Gestern Nachmittag parkten noch zwei Lastwagen an der Verladerampe des Marburger Schlachthofs. Der Schlachtbetrieb soll jedoch zum 31. Januar eingestellt werden. Der Fleischmarkt im Hintergrund soll aber weiter laufen.Foto: Andreas Schmidt

Marburg. Die heimischen Fleischer sind empört. Grund dafür ist ein Schreiben der Schlachthof Marburg GmbH: In dem Brief, der der OP vorliegt, teilt das Unternehmen mit, dass es an dem Schlachthof nötig sei, „umfangreiche bauliche Maßnahmen im Bereich der Schlachtung von Schweinen und Rindern sowie der Entsorgung der Schlachtabfälle durchzuführen, die hohe finanzielle Investitionen voraussetzen.“

Ein heimischer Metzger, der anonym bleiben möchte, sagt: „Als ich diesen Absatz gelesen habe, dachte ich, dass der Schlachthof demnächst wegen Umbaus für einige Zeit geschlossen werde. Aber es kam schlimmer.“ Denn im nächsten Absatz heißt es: „Im Verbund haben wir uns zu der Entscheidung durchringen müssen, die Schlachtung von Rindern und Schweinen ab dem 31. Januar einzustellen.“

„Das ist ein Hammer“, so der Metzger. Vor allem, weil er den Brief erst am Montag erhalten habe. „Und eine Erklärung gibt es auch nicht“, kritisiert der Marburger.

Für Hermann Rhiel, Obermeister der Marburger Fleischer-Innung, ist die Entscheidung „eine Katastrophe für die Region. Denn der Marburger Schlachthof ist einer der wenigen verbliebenen in ganz Hessen.“

In 2012 hatte der Schlachthof Gießen den Betrieb eingestellt, auch der Bad Wildunger Schlachthof wurde geschlossen. „Die Situation ist nicht nur für die heimischen Metzger, sondern auch für die Landwirte und die Verbraucher ganz schlimm“, sagt er. Denn künftig müssten Schweine mehrere hundert Kilometer in einen Schlachthof gebracht werden. „Das schadet der Umwelt, den Tieren und auch der Qualität des Fleischs“, so Rhiel.

Landrat: Politik kann Betrieb nicht retten

Vor allem für kleinere Betriebe, die nur wenige Tiere in der Woche verarbeiteten, sei die Situation auch nicht mehr rentabel. „Sie müssen künftig Fleisch kaufen. Aber damit verlieren sie einen wichtigen Punkt: Die Regionalität“, verdeutlicht der Obermeister. Bisher wüssten die Metzger noch, woher ihre Schweine stammten, es gebe lange Partnerschaften mit Landwirten in der Region. „Das kann aber nun wegfallen.“

Für Rhiel ist klar: „Jetzt muss die Politik handeln. Es wird so viel ausgegeben für Bankenrettungen - da muss doch auch ein Schlachthof, der für die heimische Region eine enorme Bedeutung hat, unterstützt werden.“ Rhiel strebt an, so bald wie möglich einen Runden Tisch einzurichten, um über eine Lösung nachzudenken. „Landrat Robert Fischbach hat uns bisher immer bestens unterstützt. Und auch Oberbürgermeister Vaupel gehört dazu - zudem sollte jemand vom Wirtschaftsministerium dabei sein“, fordert Rhiel. Immerhin habe es seit 1880 einen Schlachthof in Marburg gegeben - und das aus gutem Grund.

Bürgermeister Dr. Franz Kahle (Grüne) erklärte für den Marburger Magistrat: „Die Nachricht kam letztendlich überraschend.“ Die Stadt Marburg sei über ihre Wirtschaftsförderung bereit, gemeinsam mit den Metzgern an Konzepten mitzuarbeiten und vermittelnd tätig zu werden. Kahle warf die Frage auf, ob die regionalen Fleischer oder Landwirte sich als Genossenschaft zusammenschließen, um den Betrieb am Laufen zu halten. Als Vorbild nannte er dabei die Marburger Molkerei.

Wie Kahle bedauert auch Landrat Robert Fischbach (CDU) die Schließung, weil ein Stück weil die Regionalität verloren gehe. Fischbach schließt aus, dass die Politik den Schlachthof retten kann. „Wir müssen es zur Kenntnis nehmen, dass der Betrieb wirtschaftlich nicht zu betreiben ist“, so Fischbach. Es sei schon seit geraumer Zeit absehbar gewesen, dass der Schlachthof die Anlage nicht mehr in diesem Zustand betreiben könne, weil umfangreiche Sanierungen nötig seien, um die strengeren Hygienevorschriften einzuhalten.

Die Vorwürfe Rhiels gehen aber auch in Richtung der Schlachthof Marburg GmbH. „Vielleicht hätte das Unternehmen einfach straffer geführt werden müssen“, meint er.

Und er könne auch nicht verstehen, wie es zu einem solchen Investitionsstau habe kommen können, dass eine Sanierung jetzt zu aufwändig sei. „Jedenfalls benötigen wir jetzt dringend eine kurzfristige Lösung“, fordert er.

Auch Kleinunternehmer sind betroffen

Von der Schließung des Schlachtbetriebs sind aber auch Kleinunternehmer betroffen. So zum Beispiel Heinrich Muth aus Michelbach: Er bietet Kunden so genannte Hausschlachtungen an. „Da ich aber zuhause nicht schlachten darf, bringe ich die Tiere der Kunden nach Wehrda, um sie dort schlachten zu lassen“, sagt er. Nun müsse er sich einen Betrieb suchen, der für ihn schlachte. „Aber es gibt ja nur noch recht wenige Metzger, die selbst schlachten. Die haben sich alle auf den Schlachthof verlassen“, sagt Muth.

Er wundert sich auch, wie das Unternehmen sehenden Auges in solch eine Misere habe geraten können. „Man hätte einfach hier und da etwas investieren müssen, die Situation ist ja nicht von heute auf morgen aufgetreten“, meint er.

Auswirkungen könnte die Einstellung des Schlachtbetriebs auch auf den Fachbereich Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen haben: Die angehenden Tiermediziner lernen in dem Betrieb, wie Schweine zerlegt werden. „Wir gehen davon aus, dass der Lehrbetrieb weiterhin gesichert ist“, sagt Lisa Dittrich, Pressesprecherin der Universität.

Edgar Stein, Geschäftsführer der Schlachthof Marburg GmbH, ist erkrankt und war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Nach Informationen der OP soll der Zerlegebetrieb erhalten bleiben.

von Andreas Schmidt und Anna Ntemiris

Ein Kommentar von Till Conrad zum Thema

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