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Nach Revision nun doch verurteilt

Missbrauchsprozess Nach Revision nun doch verurteilt

Zu einer Haftstrafe von neun Monaten, die zur Bewährungs ausgesetzt ist, verurteilte das 
Landgericht Marburg am 
Freitag einen 31-jährigen Biedenkopfer.

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Das Marburger Landgericht hat wegen Kindesmissbrauchs in Biedenkopf eine Bewährungsstrafe ausgesprochen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Nach dem Freispruch im Jahr 2015 und der darauf folgenden Revision der Staatsanwaltschaft verurteilte nun eine andere Kammer des Marburger Landgerichts einen 31-jährigen Biedenkopfer wegen Kindesmissbrauchs und sexuellen Übergriffs sowie Körperverletzung gegen einen Jugendlichen. Mit neun Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt sind, blieb sie Kammer jedoch im unteren Bereich des Strafmaßes.

Wie diese Zeitung berichtete, hob der Bundesgerichtshof in der von der Staatsanwaltschaft angestrengten Revision das erste Urteil auf. In ihrem Plädoyer forderte Oberstaatsanwältin Kerstin Brinkmeier bei gleicher Überzeugung wie vor zwei Jahren jetzt 18 Monate Haft, 2 Monate weniger als damals – wegen der langen Verfahrensdauer. Eine Bewährung schloss sie mangels günstiger Prognose aus. Die Verteidigung plädierte erneut auf Freispruch.

Zeuge schwächte vor Gericht erste Aussage ab

Nach Überzeugung der Strafkammer bestätigten sich diesmal die Vorwürfe, gleichwohl die Hauptzeugen erneut erhebliche Erinnerungslücken hatten. Der Angeklagte hat nach Auffassung der Richter 2009 einen bei ihm schlafenden 13-Jährigen in den Schritt gefasst. Dieser wachte auf und schob ihn weg. Wie Brinkmeier reichten dem Gericht die Aussagen des jungen Mannes bei der Polizei, vor Gericht erinnerte er sich an nichts mehr, betonte auf Nachfrage jedoch, den Polizisten in jedem Fall die Wahrheit gesagt zu haben.

Drei Jahre später, so der Vorsitzende Richter Marco Herzog, kam es zu einer ähnlichen Situation. Nach einer Feier habe sich der Angeklagte auf einen ebenfalls schlafenden 15-Jährigen in sexueller Absicht gelegt. Dieser wachte ebenfalls auf und wehrte sich. Der Angeklagte soll ihm noch eine Ohrfeige versetzt haben. Auch in diesem Fall, so Herzog, gehe das Gericht wie die Staatsanwaltschaft von der polizeilichen Aussage aus. Vor Gericht trug der Zeuge eine abgeschwächte Version vor, auch weil er noch mit dem Biedenkopfer befreundet ist.

Verteidiger Matthias Petri wies vergeblich darauf hin, dass sein Mandant meine, seine damalige Ehefrau könnte wegen Sorgerechtsstreitigkeiten hinter den Vorwürfen stecken. Brinkmeier sah dagegen „überhaupt keine Anzeichen für ein Komplott“. Die Frau habe die mutmaßlichen weiteren Opfer ins Spiel gebracht, als sie ihren Mann wegen Missbrauchs des gemeinsamen Kindes anzeigte, so Petri. Dieses Verfahren wurde eingestellt.

Gericht erkennt auf niedrigschwellige Handlungen

Merkwürdig sei auch, so der Verteidiger, dass sich die Frau mit einem dritten Jungen in Verbindung setzte, vier Jahre nachdem der Kontakt von diesem zu ihrem Mann abgerissen war. Dieser Zeuge bezichtigte den Angeklagten, ihn vergewaltigt zu haben. In einem anderen Verfahren gab es dazu einen Freispruch, weil der Zeuge ein aussagepsychologisches Gutachten verweigerte. Herzog hob hervor, dass diese Vorwürfe nicht Gegenstand dieses Verfahrens waren.

Bei den verhandelten Fällen „liegt unserer Überzeugung nach aber ein strafbares Verhalten vor“. Mit ihrem Urteil von neun Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt sind, blieb sie Kammer im unteren Bereich. Herzog begründete das mit „viel, was für den Angeklagten spricht“. So sei er nicht vorbestraft, die Handlungen seien äußerst niedrigschwellig gewesen, der Biedenkopfer habe schnell von den Jungen abgelassen und diese hätten auch keinerlei Interesse an einer Verurteilung. Auch das vom Zeugen beschriebene „Klammern“ im zweiten Fall sieht das Gericht anders als Brinkmeier keine Gewaltanwendung. „Es könnte auch wie eine Umarmung gewesen sein“, sagte Herzog.

In seinem letzten Wort hatte der 31-Jährige seinen Wunsch betont, dass die Sache für ihn jetzt erledigt werde. Rechtskräftig ist das Urteil aber noch nicht, eine erneute Revision von Staatsanwaltschaft oder Verteidigung ist möglich.

von Heiko Krause

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