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Hinterland „Man hätte es verhindern können“
Landkreis Hinterland „Man hätte es verhindern können“
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08:01 21.04.2018
Wiederkehrende Routine an jedem Prozesstag: Nach dem Eintritt in den Landgerichtssaal werden dem Angeklagten die Handschellen abgenommen. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Der heute 24 Jahre alte Angeklagte verbrachte eine ganz normale Kindheit, war lange Zeit ein „unauffälliges, ganz liebes Kind“, beschrieb die Mutter als Zeugin den Angeklagten. Erst später im Jugendalter zeigte der Sohn manchmal ein merkwürdiges Verhalten, sprach von einer Art göttlichen Vision.

„Mit etwa 17 Jahren fing es an – er meinte, er hätte Aufträge von Gott bekommen“, erinnerte sich der Vater. Mit der Zeit mehrten sich die „schlimmen Episoden“ im Alltag, dann blühte der junge Mann zeitweise wieder auf, es sei ein stetes Auf und Ab gewesen. Als junger Erwachsener wurde er zunehmend unzurechnungsfähig, veränderte „schubweise“ sein Verhalten. „Wenn das passierte, dann war er ein ganz anderer Mensch“. Sein Sohn hörte Stimmen, sprach auch mit diesen, wenn er alleine war, und geisterte nachts durch das Haus der Familie, klopfte an die Wände.

Vater: "Er wurde aus der Klinik rausgeschmissen."

Er wurde mehrfach therapeutisch betreut, vor knapp drei Jahren verschlechterte sich sein Zustand zunehmend. Er brach seine Ausbildung ab, wurde lethargisch und sprach wiederholt von Wahnvorstellungen. „Er meinte, dass er von Gott auserwählt ist und bestimmt, wer leben und wer sterben darf und dass die Erde brennen wird – ich habe mir so große Sorgen gemacht“, berichtete die Mutter verzweifelt vor Gericht. Sie leidet heute selbst unter psychischen Problemen, ist seit der Tat ihres Sohnes depressiv.

Mit der Zeit wurde der Heranwachsende auch gewalttätig, warf Möbel um, zerstörte die Einrichtung der Wohnung. Gegen Menschen richteten sich seine Aggressionen damals nicht. Mehrmals brachten die Eltern ihn in psychiatrische Kliniken, wo er nie lange blieb. „Er wurde aus der Klinik rausgeschmissen, danach ist wieder was passiert“, sagte der Vater verärgert.

Ende 2016 griff der Angeklagte auch Familienangehörige an, mit denen er im Haus lebte, verletzte seine Tante, später seine Großmutter. Diese soll er mit dem Kopf unter Wasser gedrückt haben, meinte, er müsse ihr „die bösen Gedanken wegwaschen“. Auch seine eigene Mutter sah er als „das Böse“ an, wandte sich später wieder hilfesuchend an sie und wollte sich behandeln lassen, „er hatte große Angst“, so die Zeugin.

Von der Klinik und den Ärzten im Stich gelassen

Bis Januar 2017 lebte er in der geschlossenen Psychiatrie. Dort soll sich der Verdacht auf eine paranoide Schizophrenie erhärtet haben, „er wurde trotzdem nach vier Wochen einfach entlassen“, kritisierte die Mutter.
Nach mehreren Übergriffen gegen die Verwandten wuchs die Angst in der Familie, er musste aus dem Haus ausziehen.

Der Vater nahm den Sohn mit zu Verwandten in Siegen, brachte ihn auch dort zu einer psychiatrischen Klinik. Später verschaffte er ihm eine Sozialwohnung in Steffenberg. Dort soll der junge Mann mehr und mehr verwahrlost und vereinsamt sein.

Zu dieser Zeit stand er unter der Aufsicht einer gerichtlich angeordneten Betreuerin. Die Mutter war nach eigener Aussage strikt dagegen, dass er alleine lebte, versuchte ihn im betreuten Wohnen unterzubringen, ohne Erfolg. Laut der Mutter habe sich die Betreuerin über den Wunsch der Eltern hinweggesetzt. „Das war unglaublich, dass der Junge alleine lebte, ich war außer mir vor Wut – und das klage ich an, man hätte das verhindern können“, betonte die Zeugin.

Sie bezog sich auf die Bluttat am 4. August 2017, als der Angeklagte seinen Freund aus Kindertagen mit einem Messer lebensgefährlich verletzte. Kurz vor der Tat bekam er noch Medikamente, quasi „als Überbrückung“. Da lief bereits ein weiterer Antrag auf einen Platz in der Psychiatrie, „aber es war kein Bett frei“, erklärte die Mutter. Sie fühle sich von der Klinik und den Ärzten im Stich gelassen, die eine langfristige Behandlung hinausgeschoben haben sollen. „Dabei war klar, dass es gefährlich wird“, so der Vorwurf der Mutter.

Messerstich hatte das Herz nur knapp verfehlt

Wie knapp es zeitweise um das Überleben des Opfers gestanden hatte, darüber sprach einer der Chirurgen, der das Opfer operierte. Der 26-Jährige wurde mit mehreren tiefen Schnittverletzungen in die Klinik gebracht, stand kurz vor einem Herzkreislaufstillstand und hatte „mehrere Liter Blut verloren“.

Als besonders kritisch erwies sich die tiefe Brustwunde. Der Messerstich hatte das Herz nur knapp verfehlt, dabei eine Arterie durchtrennt, was zu massiven inneren Blutungen führte. „Es ist wohl davon auszugehen, dass er ohne Behandlung gestorben wäre“, so der Zeuge.

Die vermutliche Klingenlänge schätzte der Chirurg ganz grob auf mehr als fünf Zentimeter. Bis heute ist die Tatwaffe nicht gefunden.

von Ina Tannert

  • Der Prozess wird am 24. April fortgesetzt.

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1. Prozesstag: Bluttat "auf Gottes Befehl"

2. Prozesstag: „Aufgewühlt, aufbrausend und handgreiflich“

3. Prozesstag: „Hilfe, Hilfe, ich werde abgestochen“