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Hinterland "Männer sind hier in der Unterzahl"
Landkreis Hinterland "Männer sind hier in der Unterzahl"
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18:15 22.01.2013
Volles Haus beim Tanztee im Haus des Gastes in Gladenbach. Mehr als 100 Junggebliebene tanzen über das Parkett.Foto: Benedikt Bernshausen. Quelle: Benedikt Bernshausen
Gladenbach

Der Parkplatz vor dem Haus des Gastes ist Samstagnachmittag zugeparkt mit Autos. Vorsichtig stapft ein älteres Ehepaar vom Auto durch den Schnee zum Eingang, wo Musik durch die Tür nach draußen dringt. Es ist kurz nach 15 Uhr: Tanztee-Zeit in Gladenbach.

Nach einem vorsichtigen Blick in den großen Saal ist die Überraschung groß. Anstelle gähnender Leere sind dort 100 junggebliebene Seniorinnen und Senioren, die wie entfesselt über das Parkett tanzen zur Musik von Andreas Gabalier, den Flippers oder Elvis Presley im Wechsel ruhige Walzer, flotten Fox und fetzigen Twist - bis sich ausgerechnet Andrea Bergs größter Hit zum zwischenzeitlichen Tanzflächen-Feger entpuppt.

An den Tischen im Saal pausieren die Gäste und versinken in gute Gespräche. Mittendrin in einer Frauenrunde sitzen zwei Männer bei Wasser und Weizen und beobachten das Geschehen genau. Einer fand im vergangenen Sommer den Weg zum Tanztee, der andere kommt schon seit 30 Jahren. Für ihn ist „tanzen ein schöner Sport.“ Außerdem genießen die Alleinstehenden, früheren Arbeitskollegen einmal im Monat die Gesellschaft netter Frauen. Deren Aufmerksamkeit ist ihnen sicher. „Männer sind hier in der Unterzahl“, stellen sie schmunzelnd fest.

Es ist offenbar ein offenes Geheimnis: Wer nicht als Paar kommt oder einen tanzfaulen Partner zu Hause sitzen hat, dem dient die Veranstaltung auch als Begegnungsstätte, um neue Bekanntschaften zu knüpfen. Einige Gäste leben seit Jahren allein, sind Witwe oder Witwer. Und nicht selten finden beim Tanztee neue Paare zueinander. So ereignete sich Folgendes: Eine Teilnehmerin war bei ihrem ersten Besuch in Gladenbach eigentlich als Fahrerin mitgekommen, während ein guter Tänzer von Frauen aus der Volkshochschule überredet wurde, einmal mitzugehen. So lernte sich das Paar vor zehn Jahren im „Haus des Gastes“ kennen - und lieben. Seit acht Jahren sind sie glücklich und noch immer ein Teil der großen Gladenbacher-Tanztee-Familie.

Die meisten Besucher sind seit Jahren Stammgäste. Dazu gehört auch Marion Kraushaar aus Cölbe. Sie kommt zwar gern ins Hinterland, doch vermisst sie vergleichbare Angebote in ihrer Heimatgemeinde und Marburg.

„Für junge Menschen gibt’s die Disco, für unsere Jahrgänge aber fehlt etwas“, findet die gebürtige Thüringerin. Gäste kommen aus dem gesamten Hinterland, aus Wittgenstein, Marburg und Gießen nach Gladenbach. Umgekehrt besuchen tanzbegeisterte Gladenbacher auch die Tanztee-Veranstaltungen in anderen Hinterlandgemeinden. Manchmal fährt Hilde Steidl nach Bad Laasphe oder Bad Endbach. Sie genießt die Atmosphäre der Veranstaltungen, die Gespräche untereinander und natürlich das Tanzen.

„Es ist ein Stück Lebensfreude und hält Körper und Geist fit.“ Mit 58 Jahren absolvierte sie ihren ersten Tanzkurs und wurde danach zur begeisterten Tanztee-Anhängerin. Viele kommen sogar extra wegen der guten Musik. Viele Jahre spielte die bekannte Formation „Weiße Möwe“. Nach ihr mauserten sich die „Gipfelstürmer“, das Ehepaar Lothar und Simone Preis aus Fronhausen, zur Hausband. Die Musiker sollten auch am Samstag spielen, musste aber den Auftritt absagen. Trotzdem kamen die beiden Musiker ins „Haus des Gastes“ und halfen dem eingesprungenen Alleinunterhalter Matthias Heuser aus.

Die „Gipfelstürmer“ haben unter Tanztee-Besuchern der Region längst Kultstatus erreicht und eine große Fangemeinde.

„Das ist eine super Kapelle“, findet Doris Poestges, die mit ihrem Mann Dieter zum Tanzen geht. Ihrer Lieblingsband ist das Paar aus Breidenbach auch schon nachgereist. Am schönsten sei es aber in Gladenbach: Eine große Tanzfläche und das verführerische Parkett, auf dem sie „richtig flott dahin“ tanzen könne, schwärmt Doris Poestges. Am besten findet sie, dass um 18 Uhr Schluss ist. „Dann haben wir den ganzem Abend noch vor uns“, sagt sie und stürzt sich bis dahin freudestrahlend ins Tanzgetümmel.

Auch ich werde in den Bann der Tänzer gezogen. „Können Sie tanzen?“, fragt eine der Frauen. Ich winke ab: „Leider nein! Das habe ich bisher nicht gelernt.“ Diese Ausrede lässt sie nicht gelten und bietet mir einen Schnellkurs an. Es sei doch ganz einfach, versichert sie mir.Amüsiert schauen ihre Freundinnen zu und plötzlich spüre ich dutzende gespannte Blicke, die mich nervös machen.

„Sie müssen zweimal nach links, einmal nach rechts“, sagt meine Tanzlehrerin. Ich starre wie gebannt auf meine unkontrolliert tapsenden Füße und sofort ermahnt sie mich: „Nicht dorthin sehen, einfach auf die Musik hören.“

Nach etwa zwei Minuten klappt es dann plötzlich. Zwar nicht perfekt, aber für das erste Mal, finde ich, ist es brauchbar - vielleicht. Beim zweiten Lied kommt zur einfachen Schrittfolge noch eine Drehung hinzu und plötzlich tanzt Frau Poestges an mir vorbei und ruft laut winkend: „Hallo Herr Bernshausen“.

Auch die Bedienungen im Haus des Gastes haben jetzt erkannt, dass ein 25-Jähriger im feuerroten Pullover irgendwie aus der Reihe tanzt. Schämen muss ich mich aber nicht: Nach drei Liedern meinen die Frauen und Männer einvernehmlich, ich hätte mich gut geschlagen - sonst hätten sie zum Abschied sicher auf ein „Wiedersehen“ verzichtet.

von Benedikt Bernshausen

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