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Landkreis kontert den Bundestrend bei Vermittlungsquote

Zwischenbilanz des Projekts „Voice“ Landkreis kontert den Bundestrend bei Vermittlungsquote

Seit eineinhalb Jahren gibt es das Projekt 
„Voice“ von Stadt, Landkreis und Arbeitsagentur. Seit dem Start wurden 
259 Geflüchtete in den
 Arbeitsmarkt integriert – das entspricht einer 
Quote von 18 Prozent.

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Akteure und Verantwortliche des Projekts „Voice“ sind mit der ersten Bilanz zufrieden. Demnach wurden im Landkreis bisher rund 
18 Prozent der Geflüchteten in Arbeit vermittelt.

Quelle: Andreas Schmidt

Marburg. Als der Landkreis und die Arbeitsagentur Marburg 2015 zunächst das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge­ als ersten Baustein des Projekts „Voice“ etablierten und nach und nach das Projekt um weitere Bausteine erweiterten, stieß das bundesweit auf Beachtung. Denn bis dato gab es kein Projekt, in dem Geflüchtete über die Zuständigkeit von Rechtskreisen hinweg ganzheitlich ­
betreut wurden.

Nun zogen die Akteure, zu denen mittlerweile auch die Universitätsstadt Marburg gehört, bei der Firma Krug Kunststofftechnik in Breidenbach eine erste Zwischenbilanz. „Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir mit diesem Projekt Neuland betreten, aber dass wir uns an den Zahlen messen lassen wollen“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow.

Und diese Zahlen geben den Akteuren recht: Im Landkreis und in der Universitätsstadt Marburg leben derzeit 2075 Asylbewerber sowie 1437 anerkannte geflüchtete Personen – darunter auch Kinder und andere nicht Erwerbsfähige. Von diesen 1437 wurden 259 erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert – also eine Quote von 18 Prozent.

Auf Besichtigung folgt Einstiegsqualifizierung

„Das ist mehr als wir erwartet haben, vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Menschen zum Teil nicht einmal ein Jahr bei uns leben“, so Zachow. Deutschlandweit hätten indes­ 
von 400.000 arbeitssuchenden­ Flüchtlingen zehn Prozent einen­ Job bekommen. Hinzu kommen im Landkreis weitere 43 Integrationen vor der Anerkennung des Verfahrens.

Welche Rolle dabei beispielsweise die Unternehmensbesichtigungen spielen, zeigte Jochen Krug von der Firma Krug an zwei Beispielen auf: „Wir suchen händeringend nicht nur nach Fachkräften“, betonte er. Hiyabu Seid aus Eritrea sei über eine Einstiegsqualifizierung ins Unternehmen gekommen, „er hat im Anschluss daran eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker Kunststofftechnik begonnen und ist nun im zweiten Lehrjahr. Er ist voll integriert“, so Krug.

Durch seine Sprachkenntnisse­ und sein berufliches Talent konnte seine Ausbildung sogar um ein Jahr verkürzt werden. Diese positive Erfahrung habe ihn auch darin bestärkt, einem weiteren jungen Mann aus Eritrea eine Chance­ zu geben. ­Osman Getahun-Ibrahim aus Eritrea wird demnächst ein Praktikum in dem Unternehmen absolvieren.

Volker Breustedt, Leiter der Marburger Arbeitsagentur, verdeutlichte: „Unsere Wirtschaft ist sehr gut aufgestellt.“ Bei einer Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent sei die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse um 0,9 Prozent gestiegen. Und die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer sei um 6,7 Prozent gestiegen.

Appell: Betriebe sollen 
sich für Flüchtlinge öffnen

Da man mit dem Projekt „Voice“­ früh gestartet sei, habe­ man auch deutlich bessere ­
Erfolge als anderswo erzielt. Bei Menschen aus „nichteuropäischen Asylherkunftsländern“ verzeichne man im Landkreis eine Steigerung der sozialversicherungspflichtigen Arbeit um 32,5 Prozent – hessenweit indes nur um 22,4 Prozent.

Im Arbeitsmarktbüro habe es bisher mehr als 1200 Beratungskontakte gegeben, 609 Asylbewerber werden dort betreut. 63 Geflüchtete absolvierten bisher eine Einstiegsqualifizierung zur Ausbildungsvorbereitung, daraus resultierten bisher 15 Ausbildungsverhältnisse. Hinzu kamen bisher 58 Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge.
Zur sozialen Integration gehören bei „Voice“ auch die Teilnahme an Kultur-, Informations- und Erlebnisveranstaltungen.

„Wir sind davon überzeugt, dass ein Ankommen in einem neuen Land am besten funktioniert, wenn Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zusammenkommen. Arbeitsmarktintegration und soziale Integration bedingen einander. Deswegen bieten wir diese umfassende Beratung an“, so die Marburger Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach. Bisher haben 661 Interessente an kulturellen oder sozialen ­Veranstaltungen sowie an Betriebsbesichtigungen teilgenommen.

Volker Breustedt betonte zum Abschluss der Bilanz:, was nötig sei, um die Erfolgsgeschichte fortzuschreiben: „Wir benötigen Betriebe, die bereit sind zu sagen, sie schauen sich den Menschen, den wir vorschlagen, an.“ Das könne etwa durch Praktika geschehen. Denn ob ein Mensch zum Betrieb passe, „das kann man nicht auf dem Papier sehen – daher mein ­Appell: Schaut sie euch an.“

von Andreas Schmidt

 
 
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