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Hinterland „Müssen kleinere Brötchen backen“
Landkreis Hinterland „Müssen kleinere Brötchen backen“
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16:18 26.04.2017
Die Kabarettistin Martina Brandl trat voriges Jahr in Biedenkopf auf. Quelle: Hartmut Bünger
Biedenkopf

Bereits im Jahr 2014 stand die Existenz des örtlichen Kultur- und Veranstaltungsrings auf der Kippe. Die langjährige Vorsitzende Helga Achenbach und andere Mitglieder des Vorstandes wollten die Arbeit in jüngere Hände übergeben – es fanden sich lange Zeit keine.

In allerletzter Sekunde erklärte sich Peter Hohenecker bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Um ihn scharten sich weitere Mitglieder, denen das Fortbestehen des Kulturrings ein Herzensanliegen war: Gudrun Bäcker als stellvertretende Vorsitzende, Jürgen Weigold als Schriftführer, Denise Jung als Kassiererin, Sabine Wehrmann als deren Stellvertreterin sowie Karin Reck, Edgar Weigel und Sigrun Schmidt-Reichard.

Doch der Vorsitzende wird im Herbst zusammen mit seiner Ehefrau Birgit Simmler, bislang Kulturreferentin in Biedenkopf, nach Wunsiedel ziehen. Und auch andere Vorstandsmitglieder stehen für ihre Posten nicht mehr zur Verfügung. Und so stand nach drei Jahren erneut die dringliche Frage im Raum: Wie kann es weitergehen mit dem Verein, der seit sechs Jahrzehnten Theater in Biedenkopf organisiert?

Erstes Hoffnungszeichen: Thomas Bauer sagte, er könne sich durchaus vorstellen, den Vorsitz zu übernehmen. Da er im Herbst in Rente geht, hätte er auch genügend Zeit.

Kosten steigen, Einnahmen sinken

Das zweite Hoffnungszeichen: Es gibt denkbare Wege, den Spielbetrieb auch in Zukunft zu sichern. Denn nicht nur am Personal, auch an den Finanzen hapert’s. Trotz kräftigen Verhandelns sind die Preise bei den Tourneetheatern in den vergangenen Jahren stetig angestiegen, berichtete der scheidende Vorsitzende. Und mit dem Einkauf der Stücke ist es nicht getan. Hinzu kommen Nebenkosten, wie für die Unterbringung der Darsteller. Im Gegenzug sind die Einnahmen gesunken. Der Verkauf der Abonnements ist zwar stabil, an der Abendkasse tut sich aber meist nicht viel. Die Zahl der Firmenspenden ist ebenfalls deutlich gesunken.

„Wenn man den Verein weiterführt, muss man kleinere Brötchen backen“, sagte Hohenecker. Das heißt: Stücke im niedrigeren Preissegment. Unklar sei allerdings, ob man damit die bislang treuen Abonnenten bei der Stange halten kann.

Verein lotet mögliche
Kooperationen aus

Die andere Möglichkeit: Die Kooperation mit dem Landestheater suchen. „Die Landesbühnen bekommen Geld dafür, dass sie die Provinz bespielen“. zeigte sich der Regisseur optimistisch, mit den Marburgern zu kooperieren. Ein Wermutstropfen sei allerdings, dass der Verein dann nur noch ein eingeschränktes Mitspracherecht bei der Auswahl der Stücke hätte. Einstimmig beauftragten die Mitglieder Hohenecker, das Gespräch mit der Landesbühne zu suchen. Das soll bis zum 31. Mai geschehen. Dann will der Kulturring abschließend beraten.

Zur Sprache kam während der Versammlung auch ein weiterer Gedanke: Mit dem Verein BIDKultur Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Auch das hängt daran, ob der Vorstand besetzt werden kann.

In seinem Jahresbericht hatte­ Hohenecker zuvor auf die aktuelle Spielzeit zurückgeschaut. „Soul Kitchen“ war demnach die am besten besuchte Veranstaltung, auch wegen vieler Gäste aus der weiteren Umgebung, die in Marburg keine Karten bekommen hatten. „Tod auf dem Nil“ des Berliner Kriminaltheaters wertete der Regisseur als handwerklich gute, aber auch nicht überraschende Aufführung. Gut, wenngleich mit rund 150 Gästen schlecht besucht, sei der Auftritt der Kabarettistin Martina Brandl gewesen.

Als „nicht so prickelnd“ empfand Peter Hohenecker den Abend mit Maureen Wyse. Aufgrund des Trailers habe er mehr Gesang erwartet: „Sie hat sehr viel geredet und wenig gesungen.“ Lob gab es aus dem Mund des Vorsitzenden für „Was ihr wollt“: Das sei eine gute Shakespeare-Inszenierung gewesen.

Wende in Biedenkopfs Kulturlandschaft 1969

Seit Mitte der 60er-Jahre organisiert der Kultur- und Veranstaltungsring die Theaterabende in Biedenkopf. Der Verein baute auf eine Arbeit auf, die schon vorher bestand. Anfang der 50er-Jahre hatten der Journalist Karl Schmitt und die Stadtverordnete Aleida Kynas mit anderen Ehrenamtlichen innerhalb der Volkshochschule die Theatergemeinde Biedenkopf ins Leben gerufen. Zunächst fanden die Aufführungen im Kino am Marktplatz statt. Der Saal fasste rund 250 Besucher und war wegen der ansteigenden Sitzreihen gut geeignet. Das Programm wurde zunächst ausschließlich vom Marburger Schauspiel bestritten.

In den 60er-Jahren zeigte die Stadt Biedenkopf verstärkt Interesse. Unter anderem wurde ein Ausschuss für die Programmgestaltung ins Leben gerufen. Ihm gehörten an: zwei Vertreter des Magistrats, je ein Vertreter der örtlichen Presse, ein Vertreter der Lahntalschule, der Stadtschule und der Kreisberufsschule, ein Vertreter der Kreisvolkshochschule, ein Vertreter des Verkehrsamtes.

Mit der Eröffnung des Bürgerhauses im Jahr 1969 änderte sich einiges. Der große Saal mit Bühne und Künstlergarderobe ermöglichte angesichts der 539 Sitzplätze größere Besucherzahlen. Die Eröffnungswoche des Bürgerhauses mit Konzert-, Theater-, Tanz-, Kabarett- und Operettenveranstaltungen war gut besucht. Und auch die ersten Theaterabende des Kultur- und Veranstaltungsrings im Bürgerhaus zeigten: Ein attraktives Programm mit bekannten Schauspielern sorgte damals für hohe Zuschauerzahlen – trotz deutlich höherer Eintrittspreise.

von Hartmut Bünger