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Gegenwind kommt in Lohra auf

Bürgerversammlung Gegenwind kommt in Lohra auf

Projektierer planen den Bau von bis zu sechs Windkraftanlagen in den Gemarkungen Lohra, Rodenhausen und Seelbach.

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Die Errichtung von Windrädern in Lohra ist umstritten.

Quelle: Pixabay

Lohra. Rund 80 Lohraer kamen ins Bürgerhaus des Kernorts der Großgemeinde. Unter der Leitung des Vorsitzenden der ­Gemeindevertretung, Hans-Wilhelm Kisch, entwickelte sich die Windenergienutzung zum umfangreichsten Thema der Bürgerversammlung.

Bürgermeister Georg Gaul stellte den Planungsstand zur Errichtung von sechs Windenergieanlagen (WEA) in Lohra vor. Bereits im Jahr 2011 interessierte sich die Bürgerwind Gladenbach für die Errichtung von Windkraftanlagen in der Gemarkung Lohra und hatte dazu die Stadtwerke Marburg als ­Investor an ihrer Seite. Das Vorhaben stellten die Interessenten im Bürgerhaus vor. Die am 29. März 2012 erfolgte Ausweisung von Windvorrangflächen im Flächennutzungsplan sah zwei bis vier Anlagen am Hemmerich bei Rodenhausen vor.

Nach einer Wirtschaftlichkeitsprüfung stiegen die Stadtwerke aus dem Projekt aus. Bürgerwind gewann daraufhin die Firmen Axma und Enercon als Partner hinzu. Axma sicherte sich als Projektierer mit Eigentümern in Rodenhausen, Seelbach und Lohra mehr als 100 Grundstücke als WEA-Standorte.

Gaul betonte, dass die Gemeindevertretung gegenüber dem RP ihren Beschluss von 2012 bestätigte. Demzufolge sollten WEA nur in dem ausgewiesenen Gebiet der Gemeinde errichtet und ein Mindestabstand von 1000 Metern zu den Orten eingehalten werden. Ferner wollte sich die Gemeinde in keiner Form an dem WEA beteiligen. Trotzdem erfolgte im Oktober 2015 die Änderung des Teilregionalplans Energie mit einer deutlichen Vergrößerung der Vorrangfläche zur Windkraftnutzung.

Bei einer erneuten Infoveranstaltung im Bürgerhaus mit den Projektierern Axma, Ener­con und Bürgerwind kamen 
fast nur Grundstückseigentümer. Ihnen erläuterten die Projektierer, dass auf der erweiterten Fläche nun 10 bis 12 WEA errichtet werden könnten. Dies sei gegen jegliche vorherige Absprache, erklärte Gaul, doch durch den Regionalplan als rechtliche Grundlage habe die Gemeinde keinen Einfluss mehr.

 Rund 80 Bürger aus Lohra verfolgten im Bürgerhaus die Diskussion über geplante Windkraftanlagen im Gemeindegebiet. Foto: Ingrid Lang

Zu einer weiteren Infoveranstaltung am 31. März dieses Jahres mit den Lohraer Jagdgenossen, der Forstbetriebsvereinigung und der Gemeindeverwaltung fanden sich wieder nur wenige Bürger ein. Danach sprach der Gemeindevorstand mit den Projektierern, die zusagten, in der Vorrangfläche 5 bis 6 Anlagen zu planen, mit ­jeweils 2 Standorten in den ­Gemarkungen Rodenhausen, Seelbach und Lohra.

Zur Zeit sind Gutachten in Arbeit, zum Beispiel zur Tier- und Pflanzenwelt, der kulturhistorischen Besonderheit des „Hemmerich“ als ehemaliges Siedlungsgebiet, zur Windmessung mit mobilen und stationären Anlagen. Die von den Projektierern benötigten Wegenutzungsverträge prüfe die Gemeinde ­gerade. Dann soll die Gemeindevertretung entscheiden.

Sind die WEA-Standorte konkretisiert, soll es eine weitere öffentliche Veranstaltung mit den Projektierern, einem Fachmann für WEA, der Gemeinde und Vertretern einer noch zu gründenden Bürgerinitiative geben.

Viele kritische Stimmen zum Windmühlen-Projekt

Einen massiven Eingriff in die Natur bedeute der Bau der Windkraftanlagen, sagte Manfred Kranz, Vorsitzender der Jagdgenossenschaft. Er ist darüber verärgert, dass die Jagdgenossen und die Forstbetriebswirtschaft, die die Wege im Wald erhalten, nicht einmal gefragt werden. Zudem müsse vertraglich geregelt werden, welche Versicherung gegen Waldbrandgefahr abzuschließen ist.

„Lange Zeit war es ruhig um den Windpark Lohra“, zitierte­ Walter Diefenbach einen Bericht der Oberhessischen Presse­ vom 10. November 2016. „Die meisten Bürger stehen nun davor und fragen sich, warum erfahren wir das erst heute?“, sagte Diefenbach und fuhr fort. Man wollen wissen, was auf Lohra zukomme. Das habe Priorität.

Denn man werde vor vollendete Tatsachen gestellt, selbst die Erste Beigeordnete Rosemary Wolny und der Bürgermeister wüssten nicht alles. Alles laufe unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit oder man halte diese aus Rücksicht auf die Investoren ein. „Ich bin überzeugt, dass in 25 Jahren kein Windrad mehr gebaut wird, aber heute­ werden Hunderte Bäume geschlagen, um das Fördergeld zu kassieren“. Deshalb solle die Gemeinde alles unternehmen, um diesen Wahnsinn zu stoppen, schloss Diefenbach.

Das Regierungspräsidium legte einen neuen Plan für den Bau von Windkraftanlagen vor. Foto: Ingrid Lang

Kisch antwortete, die Windräder würden nach Vertragsablauf zurückgebaut. Das RP habe die Entscheidung der Gemeinde „kassiert“, was „für uns alle schwierig ist“. Elfriede Köhler betonte in Richtung Diefenbach, dass bei den Sitzungen des Ortsbeirates kaum ein Bürger Interesse bekundet.

Christina Findt wollte wissen, was mit den großen Betonklötzen passiert. Die Fundamente bleiben wahrscheinlich Tausende Jahre im Boden. Sicher werde der nebenstehende Baumbestand dem Windangriff ausgesetzt, wenn ein fußballfeldgroßes Waldstück abgeholzt ist. Aber auch die Berücksichtigung der geschützten Vogelarten wie dem Schwarzstorch, dem Rotmilan oder Fledermäuse liegen Günther Krantz am Herzen. Darauf, so Gaul, habe die Gemeinde keinen Einfluss, dazu sei das Gutachten abzuwarten.

Oliver Fleischer interessierte­ sich, auf welche Höhe der Windräder sich die Bürger einstellen müssen. Bis zu 141 Meter Höhe erreicht ein Windrad und plus Rotor sind es zirka 216 Meter. Knut Schäfer betonte: Wenn die Ersten stehen, bauen die Investoren in den nächsten Jahren weitere Windräder, die auf uns gerichtet sind. Die Bürger müssten mit sehr viel Lärm rechnen und könnten nicht mehr bei geöffneten Fenster schlafen. Dann würde auch keiner mehr nach einem Bauplatz fragen.

Wolfgang Cyriax meinte, es sei eine Schande, wie Politiker die Bürger unterstützen, da brauche man sich nicht zu wundern, wie die Wahl ausgehe. Enttäuscht ist auch Tina Cyriax, die von ihrer neu ausgebauten Wohnung einen direkten Blick auf ein Windrad haben wird.

von Ingrid Lang

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