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Hinterland Konkurrenz wirbt Fachkräfte ab
Landkreis Hinterland Konkurrenz wirbt Fachkräfte ab
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19:55 12.03.2012
Ein Blick auf das Marburger Uni-Klinikum: Die Diskussionen um den drohenden Stellenabbau am UKGM verunsichern die Mitarbeiter an den Standorten in Marburg und Gießen. Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Denn eines ist nach Aussagen des Pressesprechers deutlich: Die Zukunft zahlreicher Beschäftigten am Uniklinikum Gießen/Marburg (UKGM) ist nach wie vor offen.  „Es wäre unredlich, jetzt eine Form von Entwarnung zu geben“, sagt Frank Steibli in einem Radiointerview und erhitzt somit weiter die Gemüter der UKGM-Mitarbeiter. Dabei hatten die angekündigten Sparmaßnahmen an den privatisierten Klinika schon in der vergangenen Woche Widerstand auf allen Ebenen ausgelöst. Ministerpräsident Volker Bouffier beorderte die Geschäftsführung zum Rapport zu sich nach Wiesbaden, verkündete am nächsten Tag, dass die Zahl von 500 Beschäftigten, die dem Sparplan zum Opfer fallen sollen, zunächst vom Tisch sei.

Die Reaktion des Marburger Betriebsrates auf die Aussagen Steiblis: „Jetzt hat er endlich mal die Wahrheit gesprochen“, sagt Bettina Böttcher. „Vom Tisch ist nämlich noch lange nichts. Der Stellenabbau läuft schon längst, indem befristete Verträge hinter unserem Rücken nicht verlängert werden.“

Das Uniklinikum will nun die weitere Entwicklung mit den Mediatoren Friedrich Bohl und Wolfgang Gerhardt abwarten. Dazu Steibli: „Redlich ist, zu sagen, wir setzen uns an einen Tisch. Wir haben eine große Herausforderung, wir sind hier Maximalversorger.“ Damit sei verbunden, dass das UKGM ökonomisch in eine schwierige Situation komme, „und es kann nicht sein, dass das Uniklinikum wieder defizitär arbeitet.“

Ihrem Ärger machten am Montag die Mitarbeiter am Klinikum in Gießen Luft. Bei drei Betriebsversammlungen informierten sie sich über den aktuellen Stand, vor der Tür demonstrierten sie gegen die Sparpläne. Darüber hinaus tagte die Gesellschafterversammlung, zu der Ministerin Eva Kühne-Hörmann die UKGM-Spitze gedrängt hatte. Einer offiziellen Pressemitteilung nach heißt es, ein Prozess der Vertrauensbildung zwischen den Vertretern des Landes Hessen, der Rhön-Klinikum AG und des UKGM sei in Gang gesetzt worden. Einig hätten sich die Teilnehmer in dem Ziel gezeigt, am Universitätsklinikum auch weiterhin eine gute Qualität der medizinischen Versorgung anzubieten und die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre zu sichern.

„Die Klinik-Spitze hat die wirtschaftliche Lage umfassend dargestellt und die Herausforderungen der nächsten Monate beschrieben“, heißt es weiter. In Kürze sollen weitere Vorschläge vorgelegt werden, um Material-, Prozess- und Betriebskosten zu senken und damit dem Kostendruck im Gesundheitswesen entgegenzuwirken. Die Gesellschafterversammlung sei sich einig gewesen, dass man sich über das Maßnahmenpaket mit allen vertraglich und gesetzlich Beteiligten verständigen muss.

Und das möglichst in einer Mediation. Am kommenden Donnerstag, 15. März, wollen sich Friedrich Bohl und Wolfgang Gerhardt bei den Betriebsräten vorstellen. Schon vorab stellt Bettina Böttcher klar: „Wenn der Stellenabbau, der schon längst läuft, nicht gestoppt wird, macht eine Mediation wenig Sinn.“ Diese Mediation wird sicher auch Thema am Dienstag in Bad Neustadt sein. Am Hauptstandort der Rhön AG kommen Betriebsräte und Konzernspitze zusammen. Vorstandsvorsitzender Wolfgang Pföhler will sich zu den Gerüchten äußern, nach denen die Rhön AG insgesamt 8.000 ihrer 38.000 Stellen abbauen will.

„Offensichtlich will das UKGM die Mitarbeiter dazu drängen, von ihrem Rückkehrrecht zum Land Hessen Gebrauch zu machen“, sagt Böttcher und verweist auf den erhöhten Redebedarf der Belegschaft beim Betriebsrat. „Dabei gibt das Land keine Arbeitsplatzsicherung. Es ist eine Katastrophe, wie mit den Mitarbeitern umgegangen wird.“

Währenddessen wittert die Konkurrenz im Gesundheitswesen, wie zum Beispiel die Uniklinik Frankfurt, ihre Chance, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Mit großflächigen Anzeigen und dem Slogan „Woanders Statist, bei uns spielen Sie die Hauptrolle“ wirbt die Johann Wolfgang Goethe-Universität um Fachkräfte. Auch andere Kliniken aus der Region inserieren. „Das funktioniert“, sagt Böttcher. „Die Situation am UKGM verunsichert alle. Von der Reinigungskraft bis zum Professor. Da ist es doch klar, dass sich alle nach Alternativen umschauen – und diese dann auch annehmen.“ Doch gerade diese gut ausgebildeten Fachkräfte zu verlieren, tue richtig weh. „Ich frage mich, ob die Mediation eine Verzögerungstaktik ist, bis die gewünschten Stellen abgebaut sind.“ Böttcher hofft, die Angestellten, dessen Verträge in Kürze auslaufen, halten durch und verlassen nicht das Klinikum. „Wir müssen geschlossen Widerstand zeigen. Nur so funktioniert‘s.“

von Carsten Bergmann