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Hinterland Konjunktur trübt sich langsam ein
Landkreis Hinterland Konjunktur trübt sich langsam ein
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18:15 28.10.2015
Die Industrie blickt aufgrund der schwachen Weltwirtschaft pessimistisch in die Zukunft, wie die IHK-Konjunkturumfrage zeigt. Der Handel erwartet ein positives Weihnachtsgeschäft. Quelle: Boris Roessler
Marburg

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel- Marburg veröffentlichte jüngst die Ergebnisse ihrer Herbstumfrage. Demnach sei die Konjunktur im Kammerbezirk als „stabil“ zu bezeichnen.

Die Wachstumsraten befänden sich im moderaten Bereich. Das verarbeitende Gewerbe melde indes etwas schlechtere Zahlen als im Vorquartal. Diese würden aber durch eine sehr gute konsumtive Nachfrage kompensiert.

Der Klimaindex liegt demnach nahezu konstant bei 115,3 Punkten. Bei der Frühsommer-Umfrage lag er noch bei 116 Punkten, im Vorjahr kam er indes nur auf 111,1 Zähler. Erkennbar sei, dass die aktuelle Lage deutlich stärker beurteilt werde, als die zukünftige Geschäftslage.

Eintrübung ist in allen Branchen zu erkennen

Demnach bewerten 40,4 Prozent (Vorjahr 30,3 Prozent) der befragten Unternehmen ihre gegenwärtige Lage mit gut, 50,7 Prozent mit befriedigend (Vorjahr: 58,7 Prozent). 8,9 Prozent der Unternehmen stufen die gegenwärtige Lage indes als schlecht ein – im Gegensatz zu 11 Prozent im Vorjahr.

Doch der Blick in die Zukunft sieht düsterer aus: So beurteilen nun noch 17,9 Prozent der Betriebe die zukünftige Geschäftslage als gut, im Vorjahr waren es noch 19,9 Prozent. Das Gros der Unternehmer denkt, dass ihre Lage zukünftig gleich bleibt: Das gaben 65,3 Prozent an (Vorjahr 63,6 Prozent). Und 16,8 Prozent der Unternehmer in der Region vermuten, dass sich die Geschäftslage verschlechtern wird – der Wert ist nahezu unverändert zum Vorjahr, als er bei 16,5 Prozent lag.

Die konsumtiven Branchen wie der Handel, die Gastronomie und die personenbezogenen Dienstleister vermelden laut der Umfrage bessere Zahlen als noch im Frühsommer. Thomas Rudolff, Geschäftsführer Kommunikation bei der IHK Kassel-Marburg, dazu: „Die Vorzeichen für die kommenden Monate sind eindeutig schlechter. Eine Eintrübung über nahezu alle Branchen ist erkennbar. Hierbei macht uns Sorgen, dass insbesondere die Industrie pessimistischer auf die kommenden Monate schaut. Nordhessen und Marburg haben einen überdurchschnittlichen Industriebesatz.“

Rudolff: „Unsicherheit ist schlecht für die Wirtschaft“

Das liege laut Rudolff daran, dass die Weltkonjunktur lahme. „China schwächelt, Russland wird sanktioniert, und die Europäische Union ist im Niedrigzinsmodus ohne erkennbare Effekte. Also alles keine guten Vorzeichen für eine exportorientierte Wirtschaft“, konkretisiert er. Das Wachstum in den USA reiche nicht aus, „um alle anderen Nationen mitzunehmen“. Die Industrie sei zwar aktuell noch weiterhin gut unterwegs, „aber erste leichte Verschlechterungen sind zu erkennen. Schaut man auf die zukünftige Lage, so trübt sich das Bild dann doch stärker ein. Diese Eintrübung findet quasi über alle Branchen hinweg statt“, so Rudolff.

Welche Auswirkungen beispielsweise der Abgasskandal für VW und die gesamte Automobilindustrie haben werde, sei noch unklar – ebenso, wie die Lage im Nahen Osten. Syrien, Afghanistan und der Irak befänden sich quasi im Exodus, und die Europäische Union „hat kein vernünftiges Handlungskonzept. Insofern ist viel Unsicherheit in den Märkten, und Unsicherheit ist immer schlecht für die Wirtschaft“, so Rudolff. Die IHK Kassel-Marburg glaube, „dass wir mit unserer Prognose von einem Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent richtig liegen werden“.

Für 2016 schließe man sich dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag an, der eine Verringerung auf 1,3 Prozent vorhersage. Allerdings könne der Wert unter den derzeit schlechten Vorzeichen aber auch darunter liegen.

Handel geht von gutem Weihnachtsgeschäft aus

Positive Signale gebe es derzeit noch vom Arbeitsmarkt. Der sei „aktuell stabil. Das wird nächstes Jahr deutlich schwieriger. Eine schwächere Konjunktur trifft auf ein vergrößertes Nachfragepotenzial“, ist sich Thomas Rudolff sicher.

Die IHK geht „aktuell von einem guten kommenden Weihnachtsgeschäft aus. Die Vorzeichen aus dem Handel sind gut. Es wird allerdings weiter zu Verschiebungen zwischen stationärem Handel und Onlinehandel kommen“, teilt Rudolff mit.

Die IHK-Umfrage belegt, dass Industrie und Handel die Lage offenbar schlechter einschätzen als die heimischen Handwerksbetriebe: Bei der kürzlich veröffentlichten Konjunkturumfrage der Handwerkskammer Kassel konnte Präsident Heinrich Gringel nicht nur volle Auftragsbücher bei den Mitgliedsbetrieben vermelden. Demnach erwarten auch 84,5 Prozent der Handwerker für die Zukunft eine gute oder zumindest befriedigende Geschäftslage (die OP berichtete).

von Andreas Schmidt

 Hintergrund: IHK-Herbstumfrage

Die IHK Kassel-Marburg befragt dreimal im Jahr (Jahresanfang, Frühsommer und Herbst) die Unternehmen zur Konjunktur. Die Herbstumfrage fließt in die Bewertung für das Sachverständigengutachten für die Bundesregierung mit ein. An der aktuellen Umfrage haben sich 462 Unternehmen aus Nordhessen und Marburg beteiligt. Der IHK-Klimaindex errechnet sich aus der Gewichtung von aktueller und zukünftiger Lage.