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Hinterland Konjunktur im Handwerk auf Rekordniveau
Landkreis Hinterland Konjunktur im Handwerk auf Rekordniveau
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18:48 28.04.2017
 Hoch hinaus: Vor allem das Bau- und das Ausbaugewerbe profitiert von der Niedrigzinsphase und somit von vollen Auftragsbüchern. Quelle: Daniel Bockwoldt
Marburg

„Das Handwerk in Nord-, Ost- und Mittelhessen bleibt im Konjunkturhoch. Trotz saisonal bedingter leichter Rückgänge bei Aufträgen und Umsätzen bleibt die Stimmung sehr gut, denn die Betriebe erwarten weiterhin große Kaufbereitschaft bei ihren Abnehmern, egal ob Privathaushalt, Staat oder Gewerbe,“ so der Präsident der Handwerkskammer Kassel, Heinrich Gringel, zur aktuellen Frühjahrsumfrage.

Marburgs Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher sagt im Gespräch mit der OP lachend: „Grundsätzlich ist es mir schon fast peinlich, weil ich die letzten Umfragen immer so positiv kommentieren muss.“ Aber die Lage im Handwerk sei derzeit „wirklich hervorragend“. Die Auftragsbücher seien nach wie vor gut gefüllt, „für eine Frühjahrs-Umfrage ist es ein Allzeithoch“, erläutert Limbacher.

Das Licht für das Handwerk bedeutet jedoch auch ein wenig Schatten für die Kunden: Die müssen mitunter – je nach Branche – länger auf einen Handwerker warten. „Da kann man nur auf  Verständnis hoffen, denn die Handwerker versuchen alles, um die Kundschaft zu befriedigen“, so Limbacher. Es komme zudem auf die Situation an: „Wenn ich bauen will, kommt es nicht auf einen Monat oder zwei an“, ist er sicher. Doch wenn der Kunde ein größeres Projekt plane, wie etwa ein neues Bad oder ähnliches, „dann muss er etwas langfristiger planen – denn er wird wohl leider niemanden finden, der nächste Woche beginnen kann“.

Baugewerbe top, 
Kfz-Handwerk schwächelt

Limbacher betont: „Hätten wir mehr Mitarbeiter, dann könnten wir schneller kommen“ – und thematisiert damit den Fachkräftemangel im Handwerk, das immer händeringend um Nachwuchs buhlt. „Durch die Konjunktur lässt sich im Handwerk gutes Geld verdienen – und ich behaupte, dass es eine Menge Handwerker gibt, die mehr verdienen, als Akademiker.“ Verkürzte Ausbildung durch Abitur und Studium böten eine schnelle Aufstiegsmöglichkeit – ideale Bedingungen also.

Bei gut gefüllten Auftragsbüchern zeigten sich 85 Prozent der befragten Handwerksbetriebe mit ihrer aktuellen Geschäftslage zufrieden, im bereits guten Frühjahrsquartal 2016 waren es 82,3 Prozent. Die kommende wärmere Jahreszeit lässt den Optimismus in den Betrieben weiter ansteigen: Insgesamt 89,6 Prozent gehen für die Zukunft von guten oder zufriedenstellenden Geschäften aus (Vorjahr: 87,3 Prozent). Vor diesem Hintergrund wurde das hohe Niveau des Geschäftsklimas, der wichtigste Frühindikator der wirtschaftlichen Entwicklung, weiter in die Höhe getrieben und legte gegenüber dem Vorjahr unerwartet stark um 10,6 auf insgesamt 129 Punkte zu.

Kfz-Handwerk freut sich

Konjunkturmotor ist das Bau- und Ausbaugewerbe. Aber auch die Zulieferer und die Gesundheitshandwerke zeigen sich überaus zufrieden. Nach wie vor wird viel in Neu- und Ausbau von Wohnungen investiert, und auch die öffentlichen und gewerblichen Bauinvestitionen sind wieder gestiegen. Die Zulieferer profitieren von der guten Industrienachfrage. Daneben ist die Bereitschaft der Verbraucher, ihren Konsum auch für Gesundheits- oder Wellnessprodukte zu erhöhen, ungebrochen, die Gesundheitshandwerke danken es.

Bei den Nahrungsmittelhandwerken war die Zufriedenheit weniger hoch, doch auch dort liegen die Werte weit über dem langjährigen Durchschnitt. Das private Dienstleistungsgewerbe, wie Friseure, Fotografen oder Textilreiniger, machte im Jahresvergleich einen Sprung nach vorn, lag aber deutlich unter dem Durchschnitt des Gesamthandwerks. Trotzdem überwog die Zufriedenheit. Weniger freundliche Gesichter gab es hingegen im Kfz-Handwerk, immer noch ist ein Viertel der Betriebe mit der geschäftlichen Situation ganz und gar unzufrieden.

Jeder vierte Betrieb 
ist voll ausgelastet

Im Durchschnitt verfügten die befragten Betriebe zwischen Januar und März über ein Auftragsvolumen von 7,6 Wochen, das war noch eine Woche mehr als im Vorjahr. Im Baugewerbe lagen die Auftragsreserven bei mehr als zwei Monaten. Die Ordereingänge verliefen jahreszeitlich bedingt auf niedrigerem Niveau als im Vorquartal, waren aber günstiger als vor zwölf Monaten: Über alle befragten Branchen hinweg berichteten 20,8 Prozent der Betriebsinhaber von gestiegenen und 53,6 Prozent von gleichgebliebenen Auftragseingängen.

Die durchschnittliche Betriebsauslastung lag im Berichtszeitraum bei guten 75,8 Prozent (Vorjahr: 75,6 Prozent). Knapp jeder vierte Betriebsinhaber sprach sogar von Vollauslastung.Die Umsätze der Betriebe waren jahreszeitlich bedingt rückläufig, blieben aber auf weiterhin hohem Niveau: 33,9 Prozent der Umfrageteilnehmer beklagten in den ersten drei Monaten Umsatzeinbußen, bei 15,9 Prozent der Unternehmen steigerten sich die Umsatzzahlen, bei 50,2 Prozent entsprachen sie den Vorquartalswerten.

Die Betriebe im heimischen Handwerk haben im Berichtsquartal jahreszeitlich bedingt etwas Personal abgebaut. Insbesondere die Bauhandwerke waren von dem Beschäftigtenrückgang betroffen. Trotzdem haben 6,6 Prozent der Betriebe im Berichtszeitraum weitere Beschäftigte eingestellt, während 80,5 Prozent den Vorquartalsstand hielten. Insgesamt 12,9 Prozent mussten allerdings mit weniger Personal auskommen, aber das wird sich im kommenden Quartal ändern, denn die Betriebe wollen wieder vermehrt einstellen. Knapp jeder Zehnte plant, neue Mitarbeiter zu rekrutieren, sofern sich geeignetes Personal finden lässt.

von Andreas Schmidt