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Hinterland Kneipenbesucher gestoßen und geschlagen?
Landkreis Hinterland Kneipenbesucher gestoßen und geschlagen?
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00:18 13.07.2018
Biedenkopf

Der Gast habe Rippenbrüche und Prellungen davongetragen, hieß es vor Gericht.

Nach der Anklageerhebung durch Timo Ide von der Staatsanwaltschaft Marburg nahm der 25-jährige Angeklagte zu den Vorwürfen Stellung. Nach seiner Sicht hatte der Gast am Abend des Vatertages in der Gaststätte – nach vorherigem gemütlichem Zusammensein – unberechtigterweise an der Theke die Zapfhähne geöffnet, wodurch Bier auf die Theke gelaufen sei. Der Aufforderung, dies zu unterlassen, sei der Gast nachgekommen, aber nach ­einer Weile sei die Situation durch ausländerfeindliche Äußerungen der Gruppe, zu der der Gast gehörte, eskaliert.

Staatsanwalt lehnt Täter-Opfer-Ausgleich ab

Die verbalen Auseinandersetzung hätten sich zu einem Gerangel ausgeweitet. Er habe dem Gast schließlich ein Hausverbot erteilt, sagte der Angeklagte. Im Verlaufe des Streites und des Versuches, den Gast aus der Gastwirtschaft zu drängen, sei dieser die Treppe heruntergefallen. Auch außerhalb der Gaststätte sei es zu verbalen Auseinandersetzungen gekommen, sagte der Angeklagte. Er betonte, dass er den Gast nur „geschubst“ und nicht geschlagen habe. Er berichtete auch, dass der Gast ein anwesendes Ehepaar mit ausländerfeindlichen Äußerungen beleidigt habe.

Richter Mirko Schulte verwies den Angeklagten auf Aussagen der Zeugen vor der Polizei, nach denen er sehr wohl den Gast umgestoßen, auf ihm gesessen und ihn geschlagen habe. Während eines Rechtsgesprächs versuchte der Richter, das Verfahren im Rahmen eines Täter-Opfer-Ausgleiches zu beenden. Dies lehnte Staatsanwalt Ide aufgrund der Schwere der Verletzungen des Gastes ab.

Bei der Beweisaufnahme wurden die unterschiedlichen Sichtweisen der Beteiligten deutlich. Während der Geschädigte und Mitglieder seiner Gruppe als Zeugen den Sachverhalt so darstellten, wie er aus der Anklage ersichtlich wurde, stützten sowohl die Mutter des Angeklagten als auch die als Zeugin geladene und vom Gast angeblich beleidigte Nachbarin die Version des Angeklagten.

Vor allem wurde bei der ­Beweisaufnahme deutlich, dass am Tattag viel Alkohol im Spiel war. So wurde unter anderem beim Geschädigten ein Alkoholwert von 2,92 Promille festgestellt. Letztendlich sollte die Vernehmung des letzten Zeugen weitere Aufschlüsse zum Tathergang geben.

Dies versuchte das Gericht bei dem Fortsetzungstermin mit der Vernehmung des Zeugen zu klären, der beim ursprünglichen Termin unentschuldigt gefehlt hatte. Die Vernehmung des Zeugen, einem bulgarischen Staatsangehörigen, brachte jedoch auch mithilfe einer Dolmetscherin keine Klarheit über den Tatablauf. Ein daraufhin von Richter Schulte angebotenes Rechtsgespräch zwischen ihm, dem Staatsanwalt und Verteidiger Thomas Nonas führte auch nicht zu einer Verständigung.

Der Richter schlug dem Angeklagten danach vor, noch einmal die Situation in Bezug auf eine mögliche Überreaktion zu überdenken. Dies wurde vom Angeklagten sehr emotional verneint und er verwies darauf, dass er sich nur gewehrt habe und den Zeugen weder gestoßen noch geschlagen habe.

Am Donnerstag wird die Verhandlung fortgesetzt

Nicht gut wurde seine Aussage „In Amerika hätte der Gast eine Kugel im Kopf und der Angeklagte wäre freigesprochen worden“ aufgenommen. Dies wurde sowohl vom Staatsanwalt als auch vom Richter vehement mit dem Verweis auf das deutsche Rechtssystem klargestellt.

Um letztendlich zu einem gerechten Urteil zu kommen, setzte Schulte einen erneuten Verhandlungstag an: Am 12. Juli sollen noch einmal der Geschädigte und seine Ehefrau gehört werden. Der Staatsanwalt gab zu Protokoll, dass dann eventuell der Tatbestand zu einer schweren Körperverletzung ausgeweitet werden müsse.

von Erich Frankenberg