Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Klinik-Chef will engeres Miteinander
Landkreis Hinterland Klinik-Chef will engeres Miteinander
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:16 16.04.2012
Martin Menger ist der neue Vorsitzende der Geschäftsführung des Uniklinikums Gießen und Marburg. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

OP: Wie sind sie in Marburg empfangen worden?

Martin Menger: Ich persönlich habe meinen Empfang als positiv empfunden, es gab keine Buhrufe. Die Leute haben auch nicht Spalier gestanden und gesagt: Da kommt der Neue. Ich habe es am Donnerstag geschafft, mich allen Abteilungsleitern und Sachgebietsleitern vorzustellen.

OP: Sie haben als ihr oberstes Ziel formuliert, Vertrauen zurückzugewinnen. Wie wollen Sie das schaffen?

Menger: Das geht nicht von heute auf morgen. Vertrauen gewinne ich zurück, indem meine Entscheidungen für die Mitarbeiter verlässlich und nachvollziehbar sind und ich glaubhaft bin. Ich erwarte nicht, dass ich mit einem Vertrauensvorschuss aufgenommen werde. Ich glaube allerdings auch nicht, dass ich es jedem recht machen kann.

OP: Mit welchen weiteren Zielen treten Sie hier an?

Menger: Ich will das Universitätsklinikum Gießen und Marburg wieder in ruhigeres Fahrwasser lenken. Das hohe medizinische Niveau und die Qualität in Wissenschaft und Forschung müssen mindestens gehalten, wenn nicht noch gesteigert werden. Wirtschaftlich muss das UKGM ebenfalls in ruhiges Fahrwasser kommen. Ich möchte in jedem Fall auch die Netzwerke in Richtung Land wieder stärken und die Kontakte zur regionalen Politik und zu den niedergelassenen Ärzten suchen. Ich denke, dass hier viel zu tun ist.

OP: Die Angst vor Stellenabbau geht um in Marburg und Gießen. Im Gespräch waren 500 Stellen, die an beiden Standorten betroffen sein sollen. Bleibt es bei dieser Zahl oder können Sie Entwarnung geben?

Menger: Ich habe keine Zahlen für Sie, ich bin selber noch in der Analyse. Fest steht aber: Es sind in den vergangenen eineinhalb Jahren gut 420 Vollzeitstellen zusätzlich geschaffen worden. Und es gibt Diskussionen, ob das in allen Bereichen notwendig war.

Es gab ja bereits im Jahr 2010 Gespräche, die vorsahen, dass bis zu 250 Stellen im Bereich der Zentralen Dienste durch Reorganisation und andere Prozessabläufe eingespart werden könnten. Per Saldo ist da aber wenig bis nichts abgebaut worden. In anderen Bereichen muss sicherlich genau hingeschaut werden, was möglich ist. Auch die bisherige Geschäftsführung hat sich ja mit diesem Thema auseinandergesetzt. Ich schaue mir das alles an und werde mich dann zu gegebener Zeit - zunächst gegenüber Betriebsrat, Aufsichtsrat, Wirtschaftsausschuss und Universität - äußern.

OP: Ihnen eilt der Ruf eines Sanierers voraus . . .

Menger: Ich weiß nicht, woher Sie das haben. Ich werde mich an dem orientieren, was meine Vorgänger in der Geschäftsführung in Gesprächen mit den Abteilungsleitern besprochen und diskutiert haben und mir gemeinsam mit den Geschäftsführungs-Kollegen eine Meinung dazu bilden.

OP: Der Betriebsrat beklagt, dass er nicht ausreichend mit konkreten Zahlen versorgt wird, um die Stellenabbau-Pläne beurteilen zu können. Wie begegnen Sie diesen Vorbehalten?

Menger: Ich kann das noch nicht abschließend beurteilen. Es sind aber eine Reihe von Gesprächen mit dem Betriebsrat geführt worden insbesondere über die Situation bei den Zentralen Diensten. Mag sein, dass die noch zu keinem Ende gebracht worden sind. Sie werden aber auch nicht alles bis ins Detail wissenschaftlich analysieren können. Wenn Sie zehn Sitzungen haben, in denen über Prozessabläufe diskutiert wird, müssen sie irgendwann Entscheidungen treffen.

Ich habe nichts gegen Transparenz. Im Gegenteil! Wenn es um effiziente Prozessabläufe geht, will jeder natürlich den Beweis erbringen, dass es nicht besser geht. Es wird keiner kommen und sagen: Diese Abteilung, in der jetzt zwölf Leute arbeiten, kann die gleiche Leistung mit acht Menschen bringen, wenn wir uns anders organisieren - es sei denn, wir versprechen diesen acht Menschen mehr Geld. Aber das ist nicht unser Geschäftsmodell.

OP: Stichwort Geschäftsmodell: Eine zentrale Rolle in der gegenwärtigen Diskussion spielt die Forderung des Rhön-Vorstands, dass Zinsen und Abschreibungen in Höhe von ungefähr vierzig Millionen Euro jährlich in Gießen und Marburg erwirtschaftet werden müssen. Bleibt es dabei?

Menger: Daran wird sich nichts ändern. Bei der Privatisierungsentscheidung war allen Beteiligten klar, dass für die Investitionen, immerhin über 367 Millionen Euro seit 2006, auch Zinsen und Abschreibungen anfallen, dass durch Rationalisierungseffekte eine Gegenfinanzierung stattfinden und dass unter dem Strich auch ein Überschuss erwirtschaftet werden muss. Dieser Umstand ist jetzt nicht plötzlich vom Himmel gefallen. Man kann darüber diskutieren, welches Ergebnis ein Universitätsklinikum erwirtschaften darf, kann oder soll - aber wir können keine betriebswirtschaftlichen Grundsätze außer Kraft setzen. Wenn die Beteiligten anderer Auffassung sind, dann muss man sich mit dem Land an einen Tisch setzen.

OP: Wie wollen Sie konkret Zinsen und Abschreibungen in Marburg erwirtschaften?

Menger: Sie haben nur wenige Stellschrauben, mit denen das geht: Die Umsätze - da gibt es ein Problem, weil die Leistungen der Krankenkassen gedeckelt sind. Man kann Umsatz über Menge an Leistungen machen, also mehr Patienten behandeln. Doch dort gibt es Grenzen. Als weitere Stellschraube können Sie die Sachkosten oder die Personalkosten reduzieren. Wenn ich eine Million Euro in den Sachkosten sparen kann, mache ich das natürlich lieber, als am Personal zu sparen.

OP: Läuft das letztendlich auf die Privatisierung einzelner Abteilungen hinaus?

Menger: Nein. Zu unserer Geschäftsidee gehört nicht, dass wir uns nur die Rosinen herauspicken. Wir haben in fast allen unseren Kliniken Abteilungen, die grundsätzlich defizitär sind. Wir setzen aber auf die medizinische Vollversorgung und nebenbei bemerkt auch auf bezahlbare Medizin für jedermann in unserem Sozialversicherungssystem.

OP: Hat die Landesregierung sie in dieser Diskussion im Regen stehen lassen?

Menger: Nein. Die Ministerialbürokratie äußert sich in dieser Phase öffentlich, und unser Vorstandsvorsitzender hält dagegen. Das ist mehr als legitim. Aber das Land hat für den Standort Gießen und Marburg im Jahr 2006 die Privatisierungsentscheidung freiwillig getroffen, und alle Beteiligten wussten, was das bedeutet. Inzwischen haben sich Rahmenbedingungen geändert -  so sind die Mittel aus dem Hochschulbauförderungsgesetz weggefallen - und von daher muss man überlegen, wie man vonseiten des Landes Hessen mit diesem universitären Gebilde nun umgeht.

OP: Zieht sich das Land aus der Verantwortung für das Universitätsklinikum?

Menger: Das glaube ich nicht. Man ist doch in Gesprächen, man ist in Diskussionen.

OP:  Das Marburger Stadtparlament fordert einstimmig die Einführung von Personalmindeststandards und Personalmindestanforderungen in Krankenhäusern. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Menger: Das kann ich abschließend nicht beurteilen. Ich weiß nicht, ob das gut ist, ich weiß noch nicht einmal, ob das zu anderen Ergebnissen im Krankenhaus führen würde. Wenn es vom Gesetzgeber gewollt ist, muss er auch sagen, wie er das bezahlen will. Ich weiß nur nicht, ob da nicht sehr viel Bürokratismus auf uns zukäme, der wenig bringt.

OP: Was erwarten Sie von der Mediation?

Menger: Es wäre wünschenswert, wenn durch die Mediation ein engeres Miteinander eingeleitet werden könnte. Ich glaube, dass alle Beteiligten ein Interesse daran haben, dass es vernünftig weiter geht.

OP: Der Betriebsrat fordert vor der Mediation ein Moratorium beim so genannten „kalten Stellenabbau“ - die Geschäftsleitung soll keine Fakten schaffen durch die Nichtverlängerung auslaufender befristeter Verträge, ehe das Mediationsergebnis vorliegt.

Menger: Das Ganze ist ein sehr dynamischer Prozess. Selbstverständlich werden auch befristete Verträge bei betrieblicher Notwendigkeit verlängert. Der Betriebsrat kann aber keinen Persilschein erwarten in der jetzigen Situation. Es kann ja ohnehin nur um die Befristungen ohne Sachgründe gehen, die in der nächsten Zeit auslaufen. Man sagt mir, dass  etwa 150 Mitarbeiter, verteilt auf beide Standorte, temporär betroffen sind. Dies erfolgt im Rahmen des Teilzeitbefristungsgesetzes. Diese Mitarbeiter wissen, dass nach Ablauf des Vertrags Schluss ist, definitiv. Da kann ich keinen Persilschein ausstellen, sondern muss jeden Einzelfall genau anschauen. Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass etwa die Hälfte eine Verlängerung bekommen kann und die andere Hälfte nicht.

OP: Es hat heftigste Reaktionen aus der Politik gegeben, unter anderem fordern Magistrat und Stadtverordnetenversammlung der Stadt Marburg eine Rücknahme der Privatisierung des Uniklinikums. Was sagen Sie Oberbürgermeister Vaupel, wenn Sie ihn das erste Mal sehen?

Menger: Ich werde ihm das sagen, was ich auch hier sage: Ich werde ihm unsere Position erläutern und die Gesamtzusammenhänge darstellen. Ich denke schon, dass wir als langjährig erfolgreicher Klinikkonzern sowohl Forschung und Lehre als auch Klinikbetrieb nach allen Regeln professionell betreiben. Wenn einige Personen Probleme mit unserem Geschäftsmodell haben, dann ist das doch legitim, das zu äußern. Privates Krankenhaus-Unternehmertum hat sich in Deutschland bewährt. Im Übrigen möchte ich darauf verweisen, dass wir ein paritätisch mitbestimmtes Unternehmen sind. Mit Betriebsräten, Konzernbetriebsräten und Tarifverträgen mit Verdi und dem Marburger Bund und bundesweit über 150 freigestellten Betriebsräten. Das heißt: Wir sind im Rahmen der Mitbestimmung ein verlässlicher Partner.

OP: Mit anderen Worten, diese politische Diskussion stört Sie nicht sonderlich?

Menger: Nein. Wenn man ehrlich ist, dann sind wir schon Wahlkampfthema für die Landtagswahl in eineinhalb Jahren. Die Parteien beharken sich, wir werden durchs Dorf getrieben. Mein Empfinden ist: Alle sind sich einig, und wir sind die Bösen. Ich glaube nicht, dass das berechtigt ist. Ich kann erhobenen Hauptes meinen Job machen und jeden Morgen noch in den Spiegel schauen.

OP: Es gibt für die Rhön-AG keinen Anlass, den Besitz des Universitätsklinikums abzugeben?

Menger: Nein, warum denn auch. Wir wollen nicht den Beweis antreten, dass wir es nicht können, sondern wir können es.

von Katharina Kaufmann und Till Conrad