Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Nach Berufung: vier Monate Haft mehr
Landkreis Hinterland Nach Berufung: vier Monate Haft mehr
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 08.07.2018
Die Berufung eines Biedenkopfers vor dem Marburger Landgericht war nicht erfolgreich. Quelle: Archivfoto
Marburg

Die Berufungskammer schickt einen Biedenkopfer länger ins Gefängnis, als das Urteil des Amtsgerichts Marburg aus dem Jahr 2017 lautete. Der 65-jährige Angeklagte und die Staatsanwaltschaft hatten Berufung eingelegt. Das neue Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mehrfach war die Verhandlung unterbrochen worden, weil der Angeklagte angab, krank zu sein, am vorherigen Prozesstag fehlte er unentschuldigt. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Jan Christof Otto hatte daraufhin auf Antrag der Staatsanwaltschaft Haftbefehl erlassen. Der Biedenkopfer war am Vortag des fünften Verhandlungstages festgenommen und am Landgericht von der Polizei vorgeführt worden.

Auch diesmal behauptete er, nicht verhandlungsfähig zu sein, entsprechende Bescheinigungen konnte er aber nicht vorlegen. Richter Otto bemängelte, „dass es jedes Mal andere Beschwerden sind“.

2017 gab es drei Jahre Haft

Staatsanwältin Kerstin Brinkmeier machte unmissverständlich klar, dass der Angeklagte bei einer erneuten Unterbrechung keinesfalls nach Hause komme, sondern „aufgrund des Haftbefehls in die Krankenstation des Gefängnisses“, willigte er in die Fortsetzung ein.

Wie bereits die erste Instanz, war die Kammer der Überzeugung, dass sich der Angeklagte im Jahr 2014 mindestens zwei Mal an einem elfjährigen Nachbarsjungen vergangen hat, einmal sei es dabei auch zum Eindringen in den Körper gekommen. 2017 gab es dafür drei Jahre Haft. Dagegen war der 65-Jährige, der bis zuletzt seine Unschuld beteuerte, in Berufung gegangen, ebenso die Staatsanwaltschaft, die ein höheres Strafmaß erreichen wollte.

Sachverständiger: Kind ist glaubwürdig

Das Landgericht sah jetzt darin, dass der Mann dem Jungen und dessen ein Jahr jüngeren Schwester Pornofilme gezeigt haben soll, zusätzlich ­eine Missbrauchstat gegenüber dem Mädchen. Nicht folgen wollten die Richter der Staatsanwaltschaft aber beim zusätzlichen Vorwurf der Vergewaltigung des Jungen. Dass der Mann sich auf den Jungen gelegt habe und ­dadurch Gewalt anwandte, sei nicht nachweisbar.

Der Richter sagte, wenn der Angeklagte bereits am ersten Verhandlungstag gefragt habe,­ warum den Kindern mehr geglaubt werde als ihm, so liege­ 
 das auch an seinen eigenen ­widersprüchlichen und nicht nachvollziehbaren Angaben. So hatte er etwa Spermaspuren an der Unterhose des Jungen zunächst mit der Nutzung seiner Toilette erklärt, später gesagt, sie könnten auch beim Sitzen auf dem Sofa dorthin gelangt sein. Dass der Junge sich die Vorwürfe ausgedacht haben könnte, wie von dem Angeklagten behauptet, schloss das Gericht aus, zumal eine psychologische Sachverständige dem Kind bescheinigt hatte, dazu ­intellektuell nicht in der Lage zu sein.

Angeklagter beharrt auf Vorschwörungstheorie

Der Biedenkopfer hatte davon gesprochen, der Junge habe ihm die Vorwürfe angedroht. In seinem letzten Wort hatte er darüber hinaus davon gesprochen, die Mutter der Kinder habe ihm gedroht, „ihn fertigzumachen“, weil er eine Beziehung mit ihr abgelehnt habe. In jedem Fall, so hatte Psychologin Sonja Parr ausgeführt, waren die Angaben des Elfjährigen vor allem zu dem schwersten Vorwurf sehr detailreich. „Das spricht für konkrete körperliche Wahrnehmung“ und sei nicht durch vielleicht in Filmen sexuellen Inhalts Gesehenes zu erklären, sagte Otto.

Gegen eine Lüge des Jungen spreche laut des Vorsitzenden auch, dass nicht der Junge, sondern dessen Schwester den Stein ins Rollen gebracht habe, als sie dem Vater von ­einem Kuss des Angeklagten mit ihrem Bruder erzählte. Ebenso gegen Lügen spreche das Verhalten des Jungen, der, als er vom Vater darauf angesprochen worden war, zunächst von zuhause weglief und erst viel später von vorherigen Taten berichtete.

von Heiko Krause