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Hinterland Wenn die Tagesmutter ausfällt …
Landkreis Hinterland Wenn die Tagesmutter ausfällt …
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17:24 30.11.2018
Für Charlotte Lange-Drewlies (links) ist Tagesmutter Kristina Bier eine wildfremde Person.  Quelle: Katja Peters
Gladenbach

Der Anruf kam überraschend und Nadine Fischer-Damm hatte keine guten Nachrichten. „Ich bin krank für den Rest der Woche“, informierte sie Jörg Lange-Drewlies. Im Kopf des Vaters von Zwillingen fing es sofort an zu rotieren.

Wohin mit den beiden Kindern? In Marburg wäre das kein Problem, dort gibt es das Vertretungsprojekt, im Landkreis gibt es für die Vertretung erkrankter Tagesmütter eine Dienstanweisung (die OP berichtete). Jörg Lange-Drewlies rief also im Landratsamt bei Karen Hainbach vom Jugendamt an, so wie es ihm von Landrätin Kirsten Fründt (SPD) kürzlich in einem persönlichen Gespräch geraten wurde.

Er bekam zwei Tagesmütter, die seine beiden Töchter, Zwillinge, noch nie vorher gesehen haben, empfohlen: Ingrid Marianne Fichtner in Gladenbach und Kristina Bier in Niederweimar. Auf seinen Wunsch, beide Kinder bei einer Tagesmutter unterzubringen, konnte keine Rücksicht genommen werden. Man riet ihm noch, selbst weitere Tagesmütter abzutelefonieren.

Mehrbelastungen

Auf die Nachfrage, welche Betreuungszeiten denn die beiden Ersatz- Tagesmütter anbieten, konnte Karen Hainbach keine Auskunft geben. Darum musste sich der Vater wieder selber kümmern. Laut Vertrag mit dem Landkreis stehen ihm neun Stunden Betreuung am Tag zu. Dafür bezahlt er monatlich Geld. Die Vertretungen bieten aber nur sieben bis siebeneinhalb Stunden Betreuung an.

„Ich muss den Landkreis dann um Anpassung der monatlichen Betreuungskosten wegen verminderter Betreuungszeiten bitten. Die Tagesmütter müssen die zusätzlichen Betreuungskosten beim Landkreis abrechnen. Alles in allem recht aufwendig für uns als Eltern“, resümiert Jörg Lange-Drewlies.

Gestern um halb acht, er wäre normalerweise längst in Frankfurt auf Arbeit, macht er sich auf den Weg zu Ingrid Marianne Fichtner. Dort wird seine Tochter Emma nun betreut. Die Frau ist ihr fremd, ebenso die Kinder. Sie wird sehr freundlich empfangen, für die Gladenbacher Tagesmutter ist sie das erste Vertretungskind. „Viele Eltern wissen gar nicht um den gesetzlichen Anspruch und melden deswegen gar keinen Bedarf an“, weiß Jörg Lange-Drewlies.

Für Ingrid Marianne Fichtner ist jedes zusätzliche Kind eine Mehrbelastung. Sie müsste dringend operiert werden, hat den Termin aber auf ihren Urlaub verschieben müssen: „Ich kann doch nicht zehn Tage ausfallen. Wo sollen denn die Eltern mit ihren Kindern hin?“ Genauso erging es auch Kristina Bier.

Die Tagesmutter berichtet: „Bevor ich mich bei den Eltern krank melde überlege ich, ob es nicht doch noch geht. Oft habe ich den Tag nur mit starken Schmerzmitteln überstanden.“ Mittlerweile ist es kurz vor halb neun, als Jörg Lange-Drewlies seine Tochter Charlotte in Niederweimar abgibt. Kristina Bier wundert sich über die Aussage des Landkreises, dass kein Bedarf bestehen würde: „Ich kann mich an keine Abfrage erinnern.“

Zeitgleich bringt ein weiterer Vater seine Tochter zu ihr. Angesprochen auf den gesetzlichen Anspruch einer Vertretung schüttelt er mit dem Kopf: „Nein, davon weiß ich nichts“, zuckt er mit den Schultern. Da Kristina Bier im Moment nicht voll ausgelastet ist, kann die Tagesmutter Charlotte übergangsweise betreuen.

Auch sie ist für das anderthalbjährige Mädchen völlig fremd, genauso wie die anderen Kinder. Aber Charlotte ist tapfer und winkt ihrem Vater beim Abschied lächelnd zu. „Ich kenne viele Eltern, die können und wollen ihre Kinder nicht zu fremden Tageseltern bringen“, berichtet Jörg Lange-Drewlies, der nach einer Stunde Fahrt durchs Hinterland endlich wieder zu Hause ist und anfängt zu arbeiten.

Vertraute Personen

„Ich kann froh sein, dass ich so einen flexiblen Arbeitgeber habe. Allerdings muss ich die Zeit, die ich jetzt verloren habe, auch nacharbeiten.“ Der Gladenbacher ist irritiert, wie wenig bedarfsorientiert und schlecht die Betreuung von der Politik, speziell vom Landkreis, organisiert ist.

Das Verwaltungsgericht in Düsseldorf hat bereits 2013 entschieden: „Damit obliegt es ihm [dem Jugendamt], im Falle des Ausfalls einer Kindertagespflegeperson für einen Ersatz/eine Vertretung zu sorgen.

Diese Verpflichtung kann er [der Träger] nicht dadurch abwälzen, dass er die Tagespflegeperson verpflichtet, für Vertretung zu sorgen.“ Und auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schreibt im Handbuch der Kindertagespflege: „Laut Paragraf 23 SGB VIII haben Eltern einen Anspruch auf Vertretung, welches das Jugendamt zu gewährleisten hat.

Die Person, die die Vertretung übernimmt, sollte den Kindern vertraut sein.“ Das hat Jörg Lange-Drewlies dem Jugendamt vom Landkreis nochmal mitgeteilt. Ebenso hat er das Regierungspräsidium als übergeordnete Behörde über die Zustände in Marburg-Biedenkopf informiert.

von Katja Peters