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Hinterland Erinnerungen: Mit dem Viehwagen zum Äpfelpressen
Landkreis Hinterland Erinnerungen: Mit dem Viehwagen zum Äpfelpressen
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00:17 01.08.2018
Karoline Stowasser freut sich immer über die Besuche ihrer Enkelin Melanie. Quelle: Nadine Weigel
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Lohra

Sie selbst hätte nie damit gerechnet, so alt zu werden. Nie damit gerechnet, zu den ältesten Menschen im Landkreis zu gehören. „Unglaublich“, sagt Karoline Stowasser und lacht. Sie sitzt am Fenster ihres Zimmers im Awo-Altenzentrum in Lohra und faltet die Hände. Sie trägt eine weiße Bluse mit blauem Blumenmuster und ­eine weiße Strickjacke.

Draußen sind es 30 Grad, aber die Temperatur ihres hellen Zimmers ist ­angenehm. Das Fenster steht ­offen, ein warmes Lüftchen weht von den Maisfeldern herüber. Der Himmel ist strahlend blau. „Das kann ich wohl noch sehen, aber ansonsten wird es immer schlechter mit den Augen“, bedauert sie. Beschweren will sie sich aber nicht. Bis auf einmal vor einigen Jahren lag sie noch nie im Krankenhaus. Die 105 Jahre sieht man ihr nicht an. „Ja, es wundert mich auch, dass ich noch so volle Backen habe“, sagt sie und streicht lachend über ihre Wangen.

Trotz ihrer 105 Lebensjahre legt sie viel Wert darauf, so selbständig wie möglich zu sein und zum Beispiel mit Rollator zu laufen. Quelle: Nadine Weigel

Karoline Stowasser wurde am 29. Juli 1913 in Fellingshausen, im Nachbarlandkreis Gießen, geboren. Sie wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf mit ­Vater, Mutter und zwei Brüdern. Sie muss lächeln, wenn sie an ihre Kindheit denkt. An die Ziegen, die sie besaßen. „Ich habe immer heimlich den Rahm von der Ziegenmilch geschöpft, da hat meine Mutter geschimpft“, sagt sie mit verschmitztem Gesichtsausdruck.

Auf dem Tischchen steht ein kleines gerahmtes Foto. Es ist vergilbt, die Rückseite schon ganz abgegriffen. Kein Wunder, das Foto ist mehr als 103 Jahre alt. Es zeigt die kleine Karoline im weißen Kleidchen auf dem Schoß ihrer ernst dreinblickenden Mutter. Daneben ihr älterer Bruder. „Ich hatte noch einen jüngeren Bruder, aber der ist im Krieg in Russland gefallen.“

Den Zweiten Weltkrieg erlebte Karoline Stowasser in ihrem Heimatdorf nahe dem Dünsberg. Dort ging sie acht Jahre zur Schule und fing danach in einer der drei Tabakfabriken in Fellingshausen an zu arbeiten. „Da habe ich Tabakblätter gerollt und Zigarren gedreht“, erinnert sie sich. Es war harte Arbeit für einen kargen Lohn, aber es waren gute Zeiten. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Die Lebensmittel wurden knapp. „Mein Vater hat von jeher bei Bauern immer mal wieder geholfen, und wir hatten auch einen Garten mit Obstbäumen. So hatten wir alles, was wir brauchten“, erzählt sie. Noch heute achtet sie sehr darauf, Dinge nicht zu verschwenden. „Meine Oma hat nie ­Sachen weggeworfen“, betont ­Melanie Stowasser lächelnd.

Ihr ältestes Foto zeigt sie als etwa Zweijährige mit Bruder und Mutter. Quelle: Nadine Weigel

Die Enkelin hat ihre Oma vor rund drei Jahren aus Fellingshausen ins Altenzentrum nach Lohra­ geholt, damit sie sie öfter besuchen kann. Denn als die 100 Lenze überschritten waren, ging das mit dem alleine Leben nicht mehr so gut. „Es ist ihr schwergefallen, ihr Zuhause zu verlassen, aber mittlerweile hat sie sich gut eingewöhnt“, sagt Enkelin Melanie. Und wirklich, die Jubilarin ist noch äußerst aktiv. Sie läuft mit ihrem Rollator umher und macht auch noch bei der Gymnastik mit. „Frau Stowasser ist ein leuchtendes Beispiel für die anderen Bewohner. Sie ist für ihr Alter geistig und körperlich unheimlich fit“, freut sich Marion­ Schmidt, die in der Sozialen ­Betreuung des Altenzentrums arbeitet. 

Was ihr Geheimnis für ein ­langes, vitales Leben ist, kann Karoline Stowasser nicht genau sagen. Außer: „Ich hab immer gesunde Sachen aus unserem Garten gegessen und mich viel bewegt.“ Ein Auto hat sie nie besessen, alles zu Fuß oder mit dem Rad erledigt. Mit dem Viehwagen ist sie oft nach Rodheim oder Gießen gefahren, um zum Beispiel Äpfel Pressen zu lassen.

Arbeit hat sie nie gescheut. Jahrzehntelang schaffte sie in der Zigarrenfabrik in Fellingshausen. Ihren Mann Josef Stowasser, der aus Böhmen geflohen war und im Zweiten Weltkrieg ein Bein verloren hatte,­ heiratete ­Karoline Helene Waldschmidt 1967. „Ja, ja, ich war ein Spätzünder“, lacht sie verschmitzt. Der Witwer brachte zwei Kinder mit in die Ehe, derer sich Karoline Stowasser annahm. Ihr Sohn Werner verstarb leider vor drei Jahren. Geblieben sind ihr vor allem die drei Enkel und fünf Urenkel, die sie so oft besuchen wie möglich.

Zum Geburtstag gibt es Streuselkuchen aus dem Heimatdorf

Bis vor kurzem hat die rüstige Dame noch gern ­Radio auf ihrer „Stube“ gehört. Übertragungen des Gottesdienstes der Neu-Apostolischen Kirche zum Beispiel, aber auch Musik. Doch mittlerweile findet sie, dass „die Bässe bei der heutigen Musik zu laut sind.“

Ihren Geburtstag findet sie „bisschen aufregend“. Eine große Feier will sie eigentlich nicht. Aber Streuselkuchen. Den isst sie am liebsten. Aber nur den aus der Bäckerei in Fellingshausen. Aus ihrem geliebten Heimatdorf.

von Nadine Weigel

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