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"Källe, was hast du da wieder gerappelt?"

Dorf-Rufanlage "Källe, was hast du da wieder gerappelt?"

Der Lautsprecher knackt, ein Räuspern ist zu hören. Die Stimme von Rolli Messerschmidt scheppert über die Dorf-Rufanlage. Seit die OP über die ungewöhnliche Tradition berichtete, gehen (Fernseh-)Reporter in Friedensdorf ein und aus.

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„Vor zehn Uhr morgens mache ich keine Ansagen“, versichert Rolli Messerschmidt. Zahlreiche Zeitungen und Fernsehsender haben über ihn und die Dorfrufanlage berichtet.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Friedensdorf. Was haben der ehemalige Bond-Darsteller Sir Roger Moore und der Ortsvorsteher aus Friedensdorf, Rolli Messerschmidt gemeinsam? Graues Haar? Nein. Der Schauspieler färbt. Den Jahrgang? Auch nicht. Moore ist bereits 85, Messerschmidt erst 62. Es ist eine klitzekleine Kleinigkeit, die ihrer beiden Leben eint. Ein Zeitungsschnipsel, den Messerschmidt sich aufgehoben hat. Ordentlich verpackt in Klarsichtfolie. Da steht er, sein Name. Rolli Messerschmidt. In der Rubrik „Mann des Tages“. Ein kleiner Artikel auf der ersten Seite des Kölner Express. Gleich neben einem leicht bekleideten, ach, was soll‘s, neben einem splitterfasernackten Seite-eins-Mädchen. Genau an der Stelle, an der ein Tag zuvor noch der berühmteste Bond-Darsteller aller Zeiten zum Mann des Tages gewählt wurde. Ein bisschen stolz macht das den 62-Jährigen schon.

In einer Reihe mit dem Moore - eine Ehre. Warum sein Name da steht, das würde Rolli Messerschmidt manchmal selbst gern verstehen. Schließlich ist er doch ein ganz normaler Bürger aus einem ganz normalen Dorf. Nur eben mit einer nicht ganz normalen Aufgabe. Denn Messerschmidt bedient als Ortsvorsteher die Dorfrufanlage. Neun Lautsprecher scheppern die Nachrichten, die der Ortsvorsteher zu verkünden hat, in die Straßen hinein.

Die OP berichtete im Sommer 2011 im Rahmen der Serie „Vom Aussterben bedroht“ über die ungewöhnliche Form des Dorffunkes. Seither steht das Telefon von Messerschmidt nicht mehr still. RTL hat schon angeklopft, Sat1 möchte es noch tun, der HR war schon da. Die Geschichte der Dorfrufanlage wurde in zahlreichen Zeitungen gedruckt. Von München bis Kiel, von Wanne-Eickel bis Görlitz. Rolli Messerschmidt, der Mann, der morgens schon die Friedensdorfer mit einem flotten Marsch weckt, ist eine Berühmtheit geworden. 300 Bilder habe ein Fotograf von ihm gemacht. Sei extra aus Berlin angereist, um ihn abzulichten, erzählt er.

Ihm wurde die Nase gepudert, das Haar gelegt, ihm wurde das Hemd zurecht gezupft und ein Dauerlächeln abverlangt. Und immer wieder hat er den Medienvertretern erzählt, wieso sich ein strammer Radetzkymarsch über sechzig Jahre alte Lautsprecher besser anhört, als die neuesten Chartslieder. „So was Modernes lässt sich einfach nicht spielen. Das kommt nicht an. Sowohl akustisch als auch stimmungstechnisch“, ist sich der Ortsvorsteher sicher. Er setzt eben auf Klassiker. Auf Heino beispielsweise. Denn Messerschmidt weiß: In der Nachbarschaft wohnt ein großer Fan. Wenn Heino über die Lautsprecher vom blau blühenden Enzian singt, steigt einem jungen, geistig behinderten Mann aus Friedensdorf die Freudesröte in die Wangen. „Manchmal spiele ich das für ihn.“

Schnell marschiert der 62-Jährige die Treppe zu seinem Ortsvorsteher-Büro hinauf. „Wenn sie die Anlage sehen, dann glauben sie, sie sind in Hintertupfingen“, verkündet er. Aber nicht nur die Anlage lässt verwundert innehalten. Es ist das ganze Büro. Auf dem Schreibtisch: Ein Telefon mit Wählscheibe und eine kleine Bleistift-Anspitz-Maschine, die per Hand angekurbelt werden muss. Ein bisschen nostalgisch, ein bisschen altbacken, aber irgendwie auch ein bisschen charmant. Am Fenster steht sie, die alte Anlage, die Rolli Messerschmidt so berühmt gemacht hat. „Das ist liebgewonnene Tradition“, sagt er und lässt einen Marsch erklingen.

Eine Frau bleibt unterhalb des Bürofensters stehen, wartet auf eine Ansage: „War nur ein Test“, scherzt Messerschmidt durchs Mikro. „Wenn zu viele Katzen weglaufen, kann es nerven“, bekennt er und erinnert sich an eine Meldung, die er unter Lachtränen verlas. „Damals sind Ziegen weggelaufen. Ich habe mir einen Scherz erlaubt und gesagt: Man erkennt sie an den Hörnern. So was passiert aus der ‚Lameng‘.“

Nur manchmal, da trägt der Wind die Lautsprecherworte weit weg vom Dorfkern. Dann erahnen die Friedensdorfer nur den Radetzkymarsch und die Ansagen rund um entlaufene Katzen, Fußballspiele und Dorfpolitik. Und dann klopfen sie doch wieder am Haus von Rolli Messerschmidt und fragen: „Källe, was hast du da wieder gerappelt.“

von Marie Lisa Schulz

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