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Dreieinhalb Stunden in den Wunden gepult

Kabarettist Hagen Re­ther Dreieinhalb Stunden in den Wunden gepult

Kabarett mit Hagen Re­ther ist nichts für Leute, die am nächsten Tag früh raus müssen. Die fast 300 Zuschauer in Biedenkopf brauchten Sitzfleisch: dreieinhalb Stunden ging das Programm.

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Kabarettist Hagen Rether hielt in Biedenkopf fast 300 Menschen den Spiegel vor.

Quelle: Christian Röder

Biedenkopf. Wer Hagen Rether kennt, weiß, dass er das Publikum gerne mal aus seiner Komfortzone holt. Dass er Wunden in der Gesellschaft erkennt, diese dann zunächst vorsichtig seziert, um anschließend genüsslich darin rumzupulen. Der Kabarettist tut dies aber keineswegs aus Boshaftigkeit, sondern aus einem tiefen Glauben an die Menschlichkeit und Humanität.

Muss ja so sein, oder warum sollte der schwarzhumorige Essener sein Programm sonst immer noch „Liebe“ nennen – „das hieß schon so, da war Bill Clinton noch an der Macht.“ Zuletzt war er vor drei Jahren in der Stadt. Diesmal beschließt er die Spielzeit des Kultur- und Veranstaltungsringes.

Welche Werte er vertritt, daran lässt Rether keinen Zweifel. Er bezeichnet sich selbst als „linksliberalen Multikulti-Ökospinner“ – und meint dies im besten Sinne. „Seit ich 18 bin, wähle ich immer die Grünen – weil es mir um den Planeten geht“, führt das Mitglied des globalisierungskritischen Netzwerks attac und der Menschenrechtsorganisation Amnesty International aus.

„Wer hat uns eigentlich ins Hirn geschissen?“

Da ist es ihm auch egal, dass Katrin Göring-­Eckardt vielen „zu pastoral“ daherkomme. Immer noch besser als die „Angstbeißer für Deutschland – AfD“, der „narzistische Luftpumpen-Lindner“ oder alle von der CDU, denen ihre christlichen Werte vor langer Zeit abhanden gekommen seien.

Eine gute Stunde arbeitet sich Rether am Fleischkonsum in unserer Gesellschaft ab – eines seiner Lieblingsthemen. „Wir zermatschen Tiere und machen daraus neue Tiere: Mettigel. Das finden wir lustig. Wer hat uns eigentlich ins Hirn geschissen?“, fragt er rhetorisch.

Unter anderem habe die Überheblichkeit unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft dafür gesorgt, eine Politik wie die der AfD in den Bundestag einziehen zu lassen. „Da kommt das Anarchische wieder raus. Es beginnt mit: Wird man doch wohl noch sagen dürfen – wird man doch wohl noch anzünden dürfen – wird man doch wohl noch totschlagen dürfen.“

Bitter, böse und alles nicht zum Lachen

Da werde an den Stammtischen der Nation geschimpft auf Politiker, die Presse, Ärzte, Lehrer, Beamte, aber an die eigene Nase fasse sich niemand. „Denen da oben den Spiegel vorzuhalten ist so wohlfeil. Halten Sie sich selbst den Spiegel vor“, fordert er.

Oder das Thema sexuelle ­Gewalt. „Die Silvesternacht von Köln“, erinnert Rether. „Die sexuelle Gewalt vor dem Kölner Dom. Neu daran war doch nur, dass sie vor der Kirche stattgefunden hat.“ Deshalb: „Wenn Sie das nächste Mal zu Ihrer Prostituierten aus Osteuropa gehen, nehmen Sie doch einfach mal einen Flüchtling mit. Zeigen Sie ihm, wie wir Frauen behandeln.“ Das ist bitter, böse und alles nicht unbedingt zum Lachen.

Doch die große Kunst Rethers besteht darin, sein Kabarett nie in den Zynismus abgleiten zu lassen. Dafür ist er viel zu sehr Menschenfreund – und glaubt daran, dass irgendwann aus Fehlern gelernt wird.

von Christian Röder

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