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Jugendliche hören Zeitzeugen zu

Wettbewerb zum Thema Heimatvertriebene Jugendliche hören Zeitzeugen zu

„Eine Frau hat geweint. Weil wir uns mit ihrer Geschichte befassen.“ Gina Scheich hat diese Situation beeindruckt. Erlebt hat die Schülerin sie bei einem Schulprojekt.

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Als Lohn für ihr Projekt zur Geschichte Heimatvertriebener im Hinterland erhielt die Steffenberger Klasse R9B ein Preisgeld in Höhe von 500 Euro.

Quelle: Susan Abbe

Steffenberg. Die Klasse R9B der Hinterlandschule hat Menschen befragt, die im Zweiten Weltkrieg die Heimat verloren und ein neues Zuhause im Hinterland fanden.

Die Idee zum Projekt ging auf einen Wettbewerb zurück, zu dem der Hinterländer ­Geschichtsverein im vergangenen Jahr aufgerufen hatte ( wir berichteten). Renate Acker, Geschichtslehrerin der damaligen R8B, schlug ihren Schülern vor, mitzumachen. Auch Klassenlehrerin Anette Clausmeyer fand die Idee gut.

Es folgte für alle Beteiligten eine spannende neue Erfahrung, berichten die Lehrerinnen. Und: „Viel Arbeit. Aber es hat sich gelohnt“, sagt Schülerin Melissa Yedikardes. Von ­Anfang an war klar: Mit einer Wochenstunde­ Geschichtsunterricht würde es­ 
für diese komplexe Aufgabe nicht getan sein. Letztlich hat sich die Klasse ein Vierteljahr lang in mehreren Unterrichtsstunden pro Woche mit dem Geschichtsprojekt beschäftigt.

„Für mich war das schockierend“

Gemeinsam näherten sich die Schüler dem Thema. Zum Einstieg lasen sie das Tagebuch ­einer Geflüchteten, erzählt ­Joshua Gruber. Dann entwarfen sie Plakate und verteilten Flugblätter beim Bäcker und Metzger, um Zeitzeugen zu finden. Vier Frauen und Männer, die infolge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat im heutigen Polen oder Tschechien flüchten mussten oder vertrieben wurden, ­waren zu Interviews bereit.

Auf die Gespräche bereiteten sich die Schüler ausführlich vor. Sie überlegten sich nicht nur Fragen, sondern übten die Interviewsituation auch in Rollenspielen. Und: Die Schüler fertigen Bilder zu ihren eigenen Lebensläufen an. Kindergartenstart, Einschulung, Konfirmation, Familienurlaube und Klassenfahrten sind ganz selbstverständlich als wichtige Ereignisse darin notiert.

Vor diesem Hintergrund wurde den Schülern dann umso bewusster, wie anders die Kindheit und Jugend ihrer Interviewpartner vor gut 70 Jahren abgelaufen war. „Für mich war das schockierend“, sagt Gina Scheich. „Bei uns gehen Kinder in den Kindergarten oder die Schule,­ aber für die Kinder damals war Krieg; sie mussten zu Hause weg, mussten in Lagern leben und haben dann irgendwie den Weg hierhergefunden“, sagt die Schülerin. Und Damla Yigit ergänzt: „Die Leute haben ­ihre Heimat verloren und oft auch ihre Angehörigen.“

„Sie wurden damals ja nicht immer gut behandelt“

Die Schüler erinnern sich an viele Details aus den Gesprächen, erzählen von alten Fotos­ und Tagebüchern, die die ­Gesprächspartner mitbrachten. Das direkte Gespräch mit Betroffenen und deren ganz persönliche Geschichten hätten bei den Schülern einen starken Eindruck hinterlassen, sagt dazu Klassenlehrerin Clausmeyer. Deutlich wird darüber hinaus: Die Jugendlichen haben aus dem Projekt neben Wissen auch ein Gefühl dafür mitgenommen, was die Heimatvertriebenen erleiden mussten. Und sie haben erfahren, wie viel es den Betroffenen heute bedeutet, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird.

Auch die Erfahrungen, die die Vertriebenen in ihrer neuen Heimat – im Hinterland – machten, waren für die Schüler interessant: Es gab Hilfe, aber auch Zurückweisung. So erzählte ein Mann, der aus dem heutigen Tschechien kam, dass es schwer war, im Hinterland heimisch und in der Schule akzeptiert zu werden. „Das war schlimm für ihn“, sagt Aron Fuchs.

Gern hätten die Schüler dazu­ auch einheimische Zeitzeugen­ befragt, um etwas darüber zu erfahren, wie die Hinterländer damals die Ankunft der Heimatvertriebenen erlebten. Die Schüler konnten aber niemanden finden, der bereit war, Auskunft zu geben. „Vielleicht ist es den Leuten peinlich“, meint Aron Fuchs, „Vertriebene wurden damals ja nicht immer gut behandelt.“

Wie unterscheidet sich die Situation damals und heute?

Das Thema beschäftigt die Schüler bis heute. Das zeigt sich, als sie wie von selbst den Bogen von der Ankunft der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg zu den heutigen Flüchtlingen und deren Ankunft, Aufnahme und Integration spannen. Die Jugendlichen diskutieren, was das Flüchtlingsthema vor 70 Jahren von dem heutigen unterscheidet – oder auch nicht. Kann die Integration der heutigen Flüchtlinge aus Syrien, Irak, Afghanistan ebenso gelingen wie die der Flüchtlinge, die um 1945 aus dem Sudetenland oder Schlesien kamen?

Die Meinungen gehen auseinander. Die Flüchtlinge damals waren ganz anders als die heutigen; die kulturellen Unterschiede zwischen den Ankommenden und dem Hinterland waren damals nicht so groß, meinen die einen. Damals wie heute ging es um Menschen, die alles verloren hatten und ­eine neue Heimat brauchten – das ist das Wichtigste; kulturelle Unterschiede lassen sich überwinden, sagen andere. Der Ausgang der Diskussion in der R9B? Offen.

Das Projekt hat Spaß gemacht. Darin sind sich die Schüler dann wieder einig. Und: Es hat ­ihnen auch eine Menge Anerkennung eingebracht. Der Hinterländer Geschichtsverein hat das Geschichtsprojekt der Schüler ausgezeichnet. Die Klasse hat ein Preisgeld von 500 Euro erhalten. Und ihre Arbeit – die aus schriftlichen Auszeichnungen und den Tonmitschnitten der Interviews besteht – soll sogar veröffentlicht werden.

von Susan Abbe

Einen Bericht über eine weitere Preisträgerin lesen Sie hier.
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