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Vollzeit-Mama und Teilzeit-Azubi

Alleinerziehend Vollzeit-Mama und Teilzeit-Azubi

Alleinerziehende haben es oft schon schwer genug, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Als alleinerziehende Mutter eine Ausbildung zu absolvieren ist indes noch schwieriger.

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Arbeitsberater Klaus Diehl lässt sich von Jennifer Kuhli in der Werkzeugabteilung eine Bohrmaschine erläutern – Töchterchen Lara ist sonst nicht dabei. Die 23-Jährige absolviert eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau im Obi-Markt in Wallau.

Quelle: Andreas Schmidt

Wallau. Jennifer Kuhli hat diesen Schritt dennoch gewagt – und zwar mit einer Teilzeitausbildung, die sie derzeit bei Obi in Wallau absolviert. Die 23-Jährige ist Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter, die sie alleine erzieht. „Ohne Schulabschluss und Ausbildung habe ich keine Perspektive – mir ist klar, dass das keine Option ist“, erzählt sie, „denn ich will Lara ja schließlich ernähren.“

Sie wandte sich an die Arbeitsagentur, um zu sehen, ob es eine Perspektive gibt, „um zunächst einmal meinen Schulabschluss nachzuholen“, erzählt Kuhli. Man schlug ihr eine „berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme“ (BVB) vor, die das Ziel hat, junge Menschen in Ausbildung oder Arbeit einzugliedern und auch den Hauptschulabschluss nachzuholen. Denn für Jennifer Kuhli war klar, dass der Besuch der Abendschule für sie aufgrund ihrer Tochter nicht infrage kam.

Angeboten wird der Kurs, der von der Arbeitsagentur finanziert wird, vom Bildungswerk der Hessischen Wirtschaft als Träger – und am Anfang stand eine Eignungsanalyse. Das Ergebnis: Die junge Frau befand sich auf Realschulniveau, das Nachholen des Schulabschlusses sollte also kein Problem darstellen.

Engagement beeindruckte Mario Leupold nachhaltig

Im September vergangenen Jahres begann sie mit dem Kurs. „Morgens um 7.40 Uhr ging es los und war für mich um 13.15 Uhr beendet. Denn dann konnte ich um 14 Uhr zu Hause in Niederdieten sein, um mich um Lara zu kümmern, die dann aus dem Kindergarten kam.“ Morgens standen also Berufsorientierung, Bewerbungstraining oder Telefontraining ebenso auf dem Programm, wie Workshops zur Stärkung der IT- und Medienkompetenz oder die fachtheoretische Beschulung. Denn ab März fand die Intensivvorbereitung für den Hauptschulabschluss statt.

Parallel lief auch ihr Praktikum im Obi-Markt in Wallau. In diesem hat sie Marktleiter Mario Leupold mit ihrem Interesse und Engagement von sich überzeugt: „Sie hat sich gemeldet, sobald sie Zeit hatte, hat sich ihre Dienste selbstständig eingeteilt – das war schon beeindruckend“, so der Marktleiter. Und zwar so beeindruckend, dass er Jennifer Kuhli einen Ausbildungsvertrag anbot, bevor diese ihren Schulabschluss in der Tasche hatte.

„Für uns ist es natürlich eine gute Situation, wenn wir mit einem längeren Praktikum potenzielle Auszubildende kennenlernen können“, sagt Leupold. Im Einzelhandel stünden die Azubis nicht mehr Schlange, „ein Großteil der jungen Leute will studieren. Jennifer Kuhli ist für uns also auch ein Glücksgriff, denn sie hat gezeigt, dass sie lernen und etwas erreichen will – sie hat uns total überzeugt.“

„Die Situation ist schon einzigartig“

Doch Leupold weiß auch, dass seine zukünftige Fachkraft aufgrund der Familiensituation nicht alle Schichten absolvieren kann. Doch dieses Zugeständnis geht er gerne ein. „Bei ihrem Engagement sind wir gerne bereit, dass sie hauptsächlich Frühschichten macht.“ Überzeugend sei nicht nur das Engagement der 23-Jährigen, „ihre Noten sind auch top“, fügt er hinzu. Für Leupold steht fest: „Wenn wir jemanden wie Jennifer Kuhli haben, dann wollen wir ihn auch halten, denn sie ist unsere Fachkraft von morgen.“

Für Bildungsberaterin Katja Pitzer ist klar: „Die Situation ist schon einzigartig.“ In dem Kurs von Kuhli habe es sogar gleich drei alleinerziehende Mamas gegeben. Doch was macht die BVB in ihren Augen aus? „Dass wir ganz individuell auf die Teilnehmer eingehen können, um ihre Zukunftschancen deutlich zu verbessern“, sagt sie. „Dieses flexible Ausbildungsmodell kann auch anderen jungen Müttern und Vätern Mut machen. Die Option zur Teilzeitausbildung soll eine Chance für eine Ausbildung bieten und somit auch die Entwicklung einer beruflichen Perspektive geben“, sagt Pitzer.

Kurse arbeiten Potenzial der Teilnehmer gezielt heraus

Klaus Diehl von der Agentur für Arbeit ist sich sicher, dass solche Qualifikationsangebote wie die BVB immens wichtig sind: „Diese Kurse bieten die Möglichkeit, überhaupt herauszufinden, warum sich Jugendliche beispielsweise in einer schwierigen Situation befinden – und sie dann entsprechend ihrer Möglichkeiten fit zu machen.“ Denn in den Kursen würden die Potenziale der jungen Leute gezielt herausgearbeitet.

Jennifer Kuhli ist jedenfalls glücklich: Die Teilzeitausbildung gibt ihr nun die Möglichkeit, innerhalb von drei Jahren die Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel zu absolvieren.

Mit wöchentlich 30 Stunden, die sich auf Arbeit und Schulzeit verteilen, kann sie sowohl Mama als auch Auszubildende sein – und auch Lara ist mit Obi zufrieden. Denn die Zweieinhalbjährige kennt sich im Markt bereits bestens aus, fragt auch nach Kollegen, wenn sie ihre Mama besucht. Und der Obi-Plüschbiber, ein Geschenk von Leupold, darf sogar mit in den Kindergarten – allerdings nur abwechselnd mit der Lieblingspuppe.

von Andreas Schmidt

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