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Ermittler im „dunklen Teil“ des Netzes

Internetkriminalität Ermittler im „dunklen Teil“ des Netzes

In Gießen sitzen die 
„Cyber-Ermittler“ von Deutschland – in der
 Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT). Und sie haben alle Hände voll zu tun.

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Die Gießener Ermittler haben den Auftrag, Cyberkriminelle aufzuspüren – hauptsächlich haben sie es dabei mit Kinderpornografie zu tun.

Quelle: Silas Stein

Gießen. Erst kürzlich haben sie wieder zugeschlagen, die Kriminellen aus dem Internet: Bei einem Marburger Unternehmen. Dort wurden die Daten verschlüsselt, wohl durch einen Trojaner aus dem Internet. Und der hatte sämtliche Rechner und Server des Unternehmens befallen – jeglicher Datenverkehr stand still. Selbst Faxe konnten weder gesendet noch empfangen werden, da auch diese Kommunikation über das Computer-Netzwerk läuft. Die Forderung der Cyber-Angreifer: Gegen eine Geldzahlung würden die Daten wieder freigegeben – das Unternehmen war Opfer einer Attacke mit „Ransomware“, also einer Erpresser-Software, geworden.

„Letztlich haben wir bezahlt“, sagt der Chef im Gespräch mit der OP, denn es müsse ja weitergehen. Auch die Datensicherung des Unternehmens sei ­befallen gewesen – den entstandenen Schaden könne das Unternehmen noch nicht abschätzen.

Erpressung per Computer als Geschäftsmodell

Erpresser-Trojaner sind keine Seltenheit: So wurden laut Branchenverband Bitkom im Mai beispielsweise mehr als 200.000 Computer von dem Schadprogramm „WannaCry“ lahmgelegt – die Programmierer forderten Lösegeld zur Freigabe der Daten. In Deutschland wissen aber nur vier von zehn Internetnutzern, dass es solche „Ransomware“ gibt, so eine repräsentative Befragung im Auftrag von Bitkom. „Wer sich im Internet bewegt, der muss sich auch über mögliche Bedrohungen informieren. Schon mit wenigen Maßnahmen kann man sich schützen oder Schaden minimieren“, sagt Dr. Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Bitkom.

Die Erpressungsmethoden sind für Dr. Benjamin Krause (Foto: Schmidt), Staatsanwalt bei der ZIT mit Sitz in Gießen, quasi Tagesgeschäft. Vom jüngsten Marburger Fall hat er keine Kenntnis, dass die Daten aber nach dem Bezahlen wieder freigegeben wurden, wundert ihn nicht.  „Es ist schließlich das Geschäftsmodell der digitalen Erpresser“, sagt er.

Denn mit dem Verschlüsseln der Daten hätten die Hacker ja noch nichts verdient. Seien die Daten erst einmal verschlüsselt, so böten einige Hackergruppen sogar einen „ganz guten Service – etwa mit Hotlines, bei denen die Betroffenen anrufen können“, weiß Krause.

Ausnahme: Emittler gingen mit Opferbild an die Öffentlichkeit

Doch eigentlich ist das ZIT für die großen Fälle zuständig, „die von den normalen Staatsanwaltschaften nicht mehr zu schultern sind“, erläutert Krause. Ein solch „normaler“ Fall wie der in Marburg schlage bei den Cyber-Ermittlern in Gießen gar nicht auf. „Angefangen haben wir 2010, und zwar mit der Kinderpornografie, weil diese sich von allen Taten am schnellsten im Internet verbreitet hat“, sagt der Staatsanwalt. Auch sexueller Missbrauch, Erpressung oder Waffenhandel aus dem „Darknet“ gehören zum Ermittlungsfeld. Der Fall Edathy landete bei den Gießener Ermittlern beispielsweise. Und auch den mutmaßlichen Waffenhändler aus Marburg, der dem Amokläufer in München seine Pistole verkauft hatte, spürten die Gießener auf. Dem Marburger wird derzeit der Prozess gemacht.

Im Oktober vergangenen Jahres gingen die Ermittler mit dem unverpixelten Foto eines vierjährigen Mädchens – einem Missbrauchs-Opfer – an die Öffentlichkeit. „Dass wir dies getan haben, war eine absolute Ausnahmesituation und kommt bestimmt auch so schnell nicht mehr vor“, erläutert Krause. Die Aktion war erfolgreich, der mutmaßliche Täter wurde festgenommen.

Unterwegs in einschlägigen Foren und Chats

Bei ihren Fahndungen sind die Ermittler im Darknet unterwegs – dem versteckten Teil des Internets, der nur mit spezieller Software zu erreichen ist und Fluch und Segen zugleich darstellt. Denn wer im Darknet unterwegs ist, handelt nicht per se illegal. Vielmehr dient dieser anonyme Teil des Netzes auch Dissidenten oder politisch Verfolgten dem Austausch. Aber eben auch Verbrechern: So finden sich Marktplätze, „auf denen Sie für wenig Geld gestohlene Kreditkartendaten ebenso kaufen können, wie die Dienste von Hackern oder eben Waffen und Drogen“, sagt Krause. Und dann gibt es eben auch die Foren, in denen mit Kinderpornos gehandelt wird.

Die Gießener Ermittler sind in den Foren und Chaträumen unterwegs, tauchen tief in die Szene ein, übernehmen beispielsweise auch die Identitäten von Verbrechern, die sie festgenommen haben. „Die Nutzer im Dark-
net sollen verunsichert werden – denn sie können nie sicher sein, ob sie mit einem Komplizen kommunizieren oder einem verdeckten Ermittler.“

Insgesamt entdecken die Gießener Ermittler immer neue Machenschaften der Kriminellen – und stoßen dabei immer wieder an die Grenzen des Strafrechts. „Im Strafgesetzbuch gibt es kein Internet“, sagt Krause. Der „Werkzeugkoffer“ der Gesetze müsse entsprechend angepasst werden, „teilweise sind die Gesetze 100 Jahre alt und älter“, weiß Krause.

„Werkzeugkasten“ der Gesetze muss sich ändern

Auf Anregungen der Cyber-Spezialisten sind auch schon Gesetzesinitiativen etwa zur „Daten-Hehlerei“ oder zum „Digitalen Hausfriedensbruch“ hervorgegangen. Auch ist die „Online-Durchsuchung“, bekannt unter dem Namen „Bundestrojaner“, nun möglich, „aber die darf nur bei schwersten Straftaten angewendet werden, und da ist kein Fall von Betrug dabei“, verdeutlicht Benjamin Krause. Zudem gibt es nun als Werkzeug auch die „Quellen-Telekommunikationsüberwachung“ – quasi ein Überwachungsprogramm für Mobiltelefone. Mit ihr sollen die Ermittlungsbehörden auch verschlüsselte Kommunikation wie beispielsweise per WhatsApp überwachen können.

Etwa 3000 Fälle bearbeiten die Gießener Ermittler im Jahr. Und einen Großteil davon geben sie wieder ab. Denn: Da in Deutschland das Tatortprinzip gilt, begleiten die hiesigen Staatsanwälte die von ihnen entdeckten Verbrechen meist nicht bis zum Ende. „Gefühlt geben wir 90 Prozent der Fälle an die zuständige Staatsanwaltschaft am Wohnort des Täters ab“, sagt Krause. „Wir sind quasi eine reine Identifizierungs-Staatsanwaltschaft.“ Lediglich die hessischen Fälle verfolgt die ZIT weiter.

von Andreas Schmidt

Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität
Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) in Gießen beschäftigt sich seit 2010 mit dem Kampf gegen Cybercrime. Jährlich wird nach Angaben eines Sprechers in mehr als 3000 Fällen ermittelt. Die vom Land Hessen eingerichtete ZIT war damals die erste Staatsanwaltschaft, die sich bundesweit gezielt mit der Internetkriminalität beschäftigte. Nach eigenen Angaben ist die ZIT damit auch erster Ansprechpartner für das Bundeskriminalamt (BKA) bei der Aufnahme von Ermittlungen im Bereich der Kinderpornografie. Dieses Jahr soll das Personal laut einem Bericht des Spiegel von sieben auf zwölf Ermittler wachsen. (dpa)
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