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Sprache ist weiterhin die höchste Hürde

Integration von Flüchtlingen Sprache ist weiterhin die höchste Hürde

Die Integration von Flüchtlingen in den 
Arbeitsmarkt ist Chance und Herausforderung. Vertreter von Landkreis, Stadt Marburg, Kammern und Arbeitsagentur 
setzen sich ein, den Weg zu ebnen.

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Gemeinsam für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt: Janine Hermann (von links, Willkommenslotsin IHK Lahn-Dill), Dr. Frank Hüttemann (Wirtschaftsförderung des Landkreises), Uwe Kreiter, Joachim Hikade (beide KJC), Elke Siebler (Stadt Marburg), Gerhard Wenz (Agentur für Arbeit Marburg), Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach, Erster Kreisbeigeordneter Marian 
Zachow, Manuel Siemes (IHK Kassel-Marburg) und Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher.

Quelle: Michael Noll

Marburg. Sprachkenntnisse­ und Mobilität, bürokratische Hindernisse oder die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Motivation zur Ausbildungsbereitschaft sind wichtige Faktoren, um Flüchtlinge und Asylbewerber erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Für den Ersten Kreisbeigeordneten Marian Zachow (CDU) ist es wichtig, dass das Thema „nicht vom Radar verschwindet“, denn trotz des Abflachens der öffentlichen Diskussion sei Integration eine Aufgabe für die kommenden 20 oder 30 Jahre. Im Landkreis habe sich – auch dank des guten Zusammenspiels der verschiedenen Akteure – bereits viel bewegt. Belege dafür seien etwa das ­Programm „Wirtschaft integriert, die ­Angebote des Programms ­„Voice“, das Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge und Migranten oder auch die Willkommenslotsen der IHK, die vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert werden.

Manuel Siemes von der IHK Kassel-Marburg betonte, dass die Sprache der „wichtigste Baustein und Grundvoraussetzung“ für Erfolg auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt sei. Nach Erhebungen verfügen nur 1,8 Prozent der Angekommenen über Deutschkenntnisse, ein Drittel spricht Englisch – jedoch häufig nur in Grundkenntnissen.

Als zweites Problem sieht Siemes die Kompetenzfeststellung. Denn die Einordnung der formalen Qualifikation sei ebenso schwierig, wie die Ermittlungen individueller Talente und Vorkenntnisse der Bewerber. Darüber hinaus sei eine Unterstützung im Alltag, insbesondere bei Behördengängen, aus Sicht der IHK notwendig, um Erfolge aus dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Limbacher: Bereitschaft zur Integration ungebrochen

Janine Hermann, „Willkommenslotsin“ der IHK Lahn-Dill, wünscht sich feste Ansprechpartner für Arbeitgeber und Kammern, um Informationen und Vermittlungen der Flüchtlinge einfacher und direkter umsetzen zu können. Die Unternehmen in der Region würden sich für die Integration der Flüchtlinge stark machen. Sinnvoll findet sie die Ausweitung des Stufenmodells. Dabei wird der Bewerber zunächst über ein unverbindliches Praktikum an die Arbeitsstelle herangeführt. Danach wird ihm die Möglichkeit gegeben, sich für oder gegen eine Ausbildung zu entscheiden.

Schwierigkeiten macht den Bewerbern die duale Form der Ausbildung. „Im praktischen Prüfungsteil bestehen bis zu 80 Prozent, aber in der Theorie fallen die meisten durch.“ Als einen Hauptgrund dafür sieht auch sie die mangelnden Sprachkenntnisse.

Kreishandwerksmeister Rolph Limbacher betont, dass die Bereitschaft gerade der kleinen und mittleren Familienunternehmen im Handwerk, Flüchtlinge mit Bleibeperspektive auszubilden und zu beschäftigen, ungebrochen sei. „Bei der Ausbildung und Berufsvorbereitung stellen jedoch die geringen Deutschkenntnisse der jungen Menschen die größte Herausforderung dar.“ Die ganzheitliche Ausbildung erlaube ein bedarfsgerechtes und nachhaltiges Angebot an Stellen. „Denn das Handwerk ist auf Fachkräfte mit beruflicher Handlungskompetenz angewiesen, die auch in wechselnden Betätigungsfeldern einsetzbar sind.“

„Gute Arbeitsmarktsituation hilft aktuell allen“

Auch Frank Interthal, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Biedenkopf, machte deutlich, dass das Handwerk nach wie vor offen und bereit zur Integration von Flüchtlingen sei. „Wir hoffen, dass im Laufe dieses Jahres die Erfolge der Integrationskurse in Form von Ausbildungsverträgen oder Praktika sichtbar werden.“ Er sieht allerdings auch Probleme: „Wir erkennen aber auch die integrationshindernden kulturellen Unterschiede. Für Werte, wie wir sie in unserem Land leben, fehlt vielen Flüchtlingen oft das Verständnis.“ Handlungsbedarf sieht er auch noch bei den ­
 Bemühungen zur Integration von Mädchen und Frauen.

Gerhard Wenz, Bereichsleiter der Marburger Arbeitsagentur, hebt die positiven Erfahrungen hervor. „Wir können von guten Erfolgen bei der Integration in Ausbildung und Arbeit berichten. Verbesserte Deutschkenntnisse und die Motivation vieler Flüchtlinge unterstützen die Integrationsarbeit der Arbeitsvermittler im Arbeitsmarktbüro für Flüchtlinge und Migranten.“

Wenn kulturelle Unterschiede­ oder sprachliche Defizite das Zustandekommen einer Ausbildungsstelle oder Arbeitsstelle verhinderten, blieben die Akteure trotzdem am Ball – ein neuer Praktikumsplatz werde gesucht und dem Arbeitgeber werde ein neuer Bewerber vorgeschlagen, erläuterte Wenz. „Die gute Arbeitsmarktsituation hilft aktuell allen.“

von Michael Noll

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