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Hinterland Hiyabu Seid: Vom Flüchtling zur Fachkraft
Landkreis Hinterland Hiyabu Seid: Vom Flüchtling zur Fachkraft
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00:17 01.08.2018
Hiyabu Seid zeigt an einem Modell einige der Teile, die bei Krug Kunststofftechnik in Breidenbach entstehen. Der 34 Jahre alte Eritreer hat jüngst seine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker Kunststofftechnik bei Krug abgeschlossen. Quelle: Andreas Schmidt
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Breidenbach

Nach Deutschland kam der heute 37-Jährige im Jahr 2014. Er kam nach Breidenbach, dort kümmerten sich auch Doris und Norbert Künkel um Seid. Das Ehepaar hat sich in Breidenbach quasi einen Namen in der Flüchtlingsarbeit gemacht, brachte auch Hiyabu Seid die deutsche Sprache bei. Und im Dezember 2015 begann der Eritreer mit einer geförderten Einstiegsqualifizierung bei der Firma Krug in Breidenbach.

„Es ist eine wahre Erfolgsgeschichte“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU). „Wir haben wirklich eine Wende bei der Vermittlung von Flüchtlingen in Arbeit geschafft“, ist er sicher. Die Zahlen zeigten: Von Januar 2017 bis Juli 2018 sei die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten von 160 auf 823 gestiegen – ein Plus von 514 Prozent. „Der Arbeitsmarkt ist nicht nur aufnahmefähig, sondern braucht auch Menschen wie Hiyabu Seid“, so Zachow.

Ursächlich für den Erfolg sei – neben den Unternehmen, die die Beschäftigung von Geflüchteten ermögliche – auch das Projekt „Voice“, bei dem Landkreis, Stadt Marburg und Arbeitsagentur „eng verzahnt miteinander arbeiten“, so Zachow. „Die Zahlen zeigen: Wenn man anpackt, statt zu reden dann kann man auf dem Arbeitsmarkt etwas bewegen – und zwar auch in einer Gruppe, die auf den ersten Blick besonders schwierig erscheint.“

Das sieht Volker Breustedt, Leiter der Marburger Agentur für Arbeit, ähnlich. „Wir haben 551 Menschen im Landkreis aus nichteuropäischen Asylherkunftsländern in Arbeit vermittelt – das ist ein deutliches Zeichen, dass sich die Menschen integrieren wollen und dass man sie integrieren kann, wenn man nicht nur danach schaut, wie man sie möglichst schnell wieder wegbekommt“, kommentierte Breustedt das derzeitige Asylgeschehen. Es gebe viele Menschen, die nicht nur hierbleiben wollten, sondern auch hier blieben, „da muss man sich mit Lösungen beschäftigen. Dass es geht, dafür sind sie ein leuchtendes Beispiel“, sagte Breustedt zu Seid.

Betriebe der Region sind offen für Integration

Geschuldet sei die gute Vermittlungsquote der Tatsache, dass sich die Akteure bereits sehr frühzeitig Gedanken rund um die Integration gemacht hätten – über Zuständigkeitsgrenzen und Rechtskreise hinweg. „Die Betreuung ist nahtlos – der Flüchtling von vorgestern ist der Migrant von heute und der Facharbeiter von morgen“, sagt Breustedt. Dazu gehöre aber auch, dass die Betriebe der Region offen für das Thema ­Integration seien, „da spielt natürlich auch die Demographie ­
hinein“, sagt der Agenturleiter.

Marburgs Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) betonte, dass händeringend Arbeitskräfte gesucht würden, „da ist es nicht sinnvoll, dass die Menschen in den sozialen Systemen hängenbleiben“.
Lars Kolbe, Prokurist und Personalleiter von Krug, betont, dass sich Seid nicht nur sehr gut ins Berufsleben eingegliedert hätte, „er kam auch bei den Kollegen super an“, sagt er. Durch seine aufgeschlossene Art sei er schnell mit den Kollegen in Kontakt gekommen, „und in der Berufschule kam er auch sehr gut mit, hat auch schnell das fachbezogene Deutsch gelernt“, zollt Kolbe seinem neuen Facharbeiter Respekt. Da sei es völlig klar gewesen, ihm nach der Einstiegsqualifizierung einen Ausbildungsplatz zu geben.

Seid bekam sofort einen unbefristeten Vertrag

Aufgrund seiner Leistungen sei Hiyabu Seid direkt im zweiten Lehrjahr eingestiegen, „nach Rücksprache mit seinem Lehrer“, so Kolbe. Im Juni habe Seid seinen Abschluss bestanden, „daraufhin haben wir ihn unbefristet als Facharbeiter eingestellt. Und was ich aus der Fertigung so höre, sind alle sehr zufrieden – Hiyabu ist mittendrin statt nur dabei“, so Kolbe.

Und war das „Abenteuer Integration“ für Krug nun ein Einzelfall? „Bisher haben wir keine weiteren Anfragen gehabt“, sagt Lars Kolbe. Aufgrund der positiven Erfahrungen „würden wir es aber auf jeden Fall wieder machen“, sagt der Personaler.
Und was sagt Hiyabu Seid über das große mediale Interesse an seiner Ausbildung? „Ich hatte das Glück, dass die Mitarbeiter mir immer geholfen haben und dass die Firma mich unterstützt hat“, sagt er. Dafür sei er sehr dankbar.

„Ich hoffe, dass es in der Firma auch weiter so gut klappt“, sagt der 34-Jährige. Und hat auch schon direkt ein weiteres Ziel vor Augen: „Im nächsten Monat will ich mich für den Führerschein anmelden“, sagt er. Denn derzeit kommt er mit dem Fahrrad oder zu Fuß zur Arbeit. Ein eigenes Auto – das wäre also noch was.

von Andreas Schmidt

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