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Hinterland Insolvenz-Experten tauschen sich aus
Landkreis Hinterland Insolvenz-Experten tauschen sich aus
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17:18 12.05.2017
Referierten bei der Fachtagung zum Thema Insolvenzrecht: Bundesrichter Professor Gerhard Pape (von links), Professor Jens Schmittmann, Rechtsanwalt Manfred Kuhne, Professor Heinz Valleder und Professor Andreas Rein. Quelle: Peter Gassner
Marburg

Dass eine Fachtagung in einer Kleinstadt wie Marburg so hochkarätig besetzt sei, sei durchaus ungewöhnlich, berichteten die beiden Tagungsleiter Manfred Kuhne und Professor Andreas Rein – und ernteten dafür wohlwollendes Kopfnicken.

Neben einem der fünf Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe, Professor Gerhard Pape, waren anerkannte Spezialisten auf dem Gebiet des Insolvenzrechts anwesend. Als Referenten sprachen, neben Pape, Professor Jens Schmittmann von der FOM Hochschule für Ökonomie und Management in Essen sowie Professor Heinz Valleder von der Universität Köln.

Aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchteten sie einzelne Aspekte des Insolvenzrechtes und gingen auch auf die Neuerungen ein, die es jüngst durch den Gesetzgeber gegeben 
hatte.

Der Bundestag hatte im Februar Änderungen im Insolvenzrecht verabschiedet, die besonders Rechtsunsicherheiten bei Insolvenzanfechtungen beseitigen sollen. Ziel solcher Anfechtungen ist es, Zahlungen, die vor der Eröffnung eines Insolvenzverfahrens geleistet wurden, rückgängig zu machen. Hier wurden die Rechte entsprechender Gläubiger bei Unternehmensinsolvenzen gestärkt. Die Anfechtungsfrist wurde in der Regel von zehn auf vier Jahre verkürzt – erst danach herrscht vollkommene Rechtssicherheit. Auch Arbeitnehmer sind nun besser geschützt. Lohnzahlungen können nach drei Monaten nicht mehr zurückgefordert werden.

Bundesrichter: nicht nur im Elfenbeinturm sitzen

Extreme Auswirkungen auf die Praxis bei der Insolvenzabwicklung seien dadurch aber nicht zu erwarten, erläuterten die Experten. „Im Prinzip ändert sich gar nicht so viel“, sagte Pape. Ökonomisch werde der Beschluss „keinen Einfluss haben“. Zwar werde „die Werthaltigkeit der zu verteilenden Masse“ beeinträchtigt, weniger Kredite oder Investitionen in Unternehmen seien deswegen allerdings nicht zu erwarten. „Nur die geforderten Sicherheiten werden umfangreicher.“

Tagungen, wie die in Marburg, zu der die Teilnehmer laut Kuhne „hessenweit“ angereist waren, seien ideal dafür geeignet, „die Rechtsprechung auch nach außen zu tragen“, erklärte Pape. „Solche Veranstaltungen sind eine gute Gelegenheit, auch einmal von den Betroffenen zu hören, was unsere Rechtsprechung eigentlich in der Praxis bedeutet – und eben nicht nur im Elfenbeinturm zu sitzen“, so der Bundesrichter. Das „Feedback aus der Praxis“ brauche ein Richter, um zu sehen, welche Auswirkungen seine Urteile haben. Das gelte beim Insolvenzrecht im Besonderen, denn dies sei ein Rechtsfeld, in dem es häufig neue Entwicklungen und Änderungen gebe.

Auch Schmittmann erläuterte, die weite Anreise lohne sich für ihn, unter anderem aufgrund der vielen Gespräche, die am Rande der Vorträge geführt würden. „Ich mag den Austausch mit den Praktikern – gerade auch mal in einer Region, wo ich die Leute noch nicht so gut kenne“, sagte der Hochschul-Professor.

Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen habe sich in den vergangenen Jahren übrigens halbiert, sagten die Juristen. Durch die neue Rechtsprechung werde dieser Trend nicht beeinflusst. Steigen könne sie dann wieder, wenn die Wirtschaft eine Rezession erlebe.

von Peter Gassner

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