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Hinterland „Insider“ war der Eisbrecher
Landkreis Hinterland „Insider“ war der Eisbrecher
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19:25 06.04.2017
Mit dubiosen Renditeversprechen brachte ein heute 62-Jähriger seine Opfer dazu, ihm Geld zur ­Anlage anzuvertrauen. Quelle: Peter Steffen
Marburg

Der 62-jährige Angeklagte hatte von November 2010 bis Dezember 2012 in seinem Beruf als Versicherungskaufmann mehrere Opfer im Landkreis betrogen. Der Bielefelder hatte durch seine hiesigen Stammkunden Empfehlungen erhalten und sich damit an Verwandte und Freunde seiner Kunden wenden können.

Ihnen gab er vor, einen „Insider“ in der Deutschen Bank zu kennen, dank dessen Tipps er ihnen eine Rendite von 10 bis 25 Prozent erwirtschaften könne. Diesen Insider gab es allerdings nicht – doch das Versprechen wirkte. Zunächst lockte der Angeklagte potenzielle Gläubiger an, indem er kleine Beträge von ihnen erbat und die ersten Renditezahlungen auch regelmäßig leistete.

Anschließend gab er vor, dass die Rendite merklich steigen würde, wenn man ihm größere Summen anvertraute. So schossen die Opfer immer mehr Geld in das vermeintliche Investment nach. Dadurch sammelte der 62-Jährige rund 92.000 Euro an. Je mehr die Summe wuchs, desto seltener zahlte er die Zinsen aus. Mit Quittungen, die er selbst ausstellte, versuchte der Angeklagte, das Vertrauen seiner Opfer zu erhalten.

Angeklagter finanzierte sein Leben mit der Beute

Auf die gerichtliche Frage nach dem Warum antwortete er, er hätte den „Leuten die er so gerne gehabt hätte“ ein „gutes Zubrot“ geben wollen. Diese Erklärung verstörte den Staatsanwalt. Die Kontoauszüge des Angeklagten zeigten, dass er das Geld für sich selbst ausgegeben habe. Ein Haus und eine Eigentumswohnung in Bielefeld, ein denkmalgeschütztes Haus in Leipzig sowie einen BMW finanzierte er dank seiner erschwindelten Solvenz.

Weiter gab der Angeklagte an, er hätte aufgrund einer Erkrankung zunächst seiner Schwiegermutter und später seines Vaters seinen Beruf nicht mehr in Vollzeit ausüben können und war als Selbstständiger dazu gezwungen, irgendwie Geld zu verdienen.

Mit dem erschwindelten Geld kaufte der Angeklagte Goldanlagen, die in der Zeit nach der Wirtschaftskrise erheblich gestiegen waren. Er verließ sich darauf, dass „Papiergeld bald wertlos wird, so wie es die Experten ja auch sagten“. Die Gewinne aus dieser Anlage sollten es ihm ermöglichen, zumindest teilweise die fälligen Zahlungen an seine Opfer zu leisten.

Doch spätestens 2012 war das Spiel aus. Der Goldpreis fiel und „die Löcher waren nicht mehr zu stopfen“, gab der gelernte Baufacharbeiter kleinlaut zu. Er werde aber „versuchen, das Geld in den nächsten Jahren zurückzuzahlen“.

Ehefrau haftet mit

Angesprochen auf die vom Amtsgericht Bielefeld erlassenen Versäumnisurteile infolge der nicht erfolgten Zahlungen reagierte der 62-Jährige angefressen: „Ich habe doch schon alles verloren, was wollen sie denn noch?“, entgegnete er dem nachbohrenden Staatsanwalt. Nach dem Zusammenbruch des Betrugskonstrukts wurden seine Immobilien zwangsversteigert und das Auto vom Händler zurückgeholt. Auch seine Frau, die im Grundbuch des Hauses in Bielefeld eingetragen war, muss mithaften.

Der Staatsanwalt forderte für die sechs Fälle von gewerbsmäßigen Betrugs, die der Mann im Landkreis begangen hatte und unter Einbeziehung von zwei weiteren Fällen in Bielefeld eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sieben Monaten sowie ein Berufsverbot, da er das Vertrauen seiner Opfer durch seinen Beruf als Versicherungsmakler gewinnen konnte.

Das Gericht erließ ein Berufsverbot, rückte bei der Freiheitsstrafe aber vom Antrag der Staatsanwaltschaft ab und verurteilte den 62-Jährigen zu zwei Jahren auf Bewährung. Daraufhin behielt es sich der Staatsanwalt vor, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

von Michael Noll

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