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„Im Namen des Volkes: Freispruch!

Tag des offenen Gerichts „Im Namen des Volkes: Freispruch!

Der Vorsitzende Richter Moritz Hildebrandt entlässt alle drei Angeklagten ohne Strafe. Es sei zwar eine Körperverletzung, doch handele es sich um einen „unvermeidbaren Verbotsirrtum“.

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Die Richter: Felix Schellert (links), der Vorsitzende Moritz Hildebrandt und Celine Bäcker.

Quelle: Benedikt Bernshausen

Biedenkopf. Beim Tag der offenen Tür im Amtsgericht in Biedenkopf spielten die Schülerinnen und Schüler der Klasse 8b der Lahntalschule einen reellen Sachverhalt nach. Vor zehn Tagen begann die Klasse mit den Proben und verhandelte am gestrigen Freitag den auf den ersten Blick absurden Prozess vor zahlreichem Publikum. Zum Fall: Nach dem Besuch im Tattoostudio von Inga Stechmüller, dargestellt von Lisa Reitz, klagt die dreijährige Marie kurz über Schmerzen am Ohrläppchen. Dabei hat Maries Mutter Gaby Neumann, in Person von Johanna Müller, ihrer Tochter bloß kleine Löcher stechen lassen. Nun sitzen Gaby, ihr Mann Fred (Erik Vidákovic) und Inga Stechmüller auf der Anklagebank vor Gericht.

Gnadenlos unterstellten die Staatsanwältinnen Dilan Yildirim und Gamze Cürük den dreien: „Sie hielten es für möglich und fanden sich damit ab, dass das Stechen von Ohrlöchern Marie verletzten und ihr Schmerzen bereiten würde!“

Maries Vater Fred ist empört. Er hält die Anklage für irrsinnig. Dürfe er seine Tochter nun auch nicht mehr impfen lassen, fragt er erbost. Marie hatte sich die Ohrringe, solche mit Marienkäfern, gewünscht. Doch dann piekste Stechmüller am rechten Ohr zwei Millimeter zu hoch ein.

Marie habe Angst bekommen. „Im letzten Moment hat sie weggezogen“, verteidigt sich Stechmüller. Die arme Marie ließ sich selbst am nächsten Tag nicht von Dr. Ferit Babat, der bis auf den Doktor-Titel er selbst und als Zeuge vor Gericht war, behandeln.

Oft kämen Eltern mit kleinen Kindern für Ohrlöcher ins Studio, berichtet Stechmüller; und auch Frau Neumann, die große Angst vor dem Urteil hat, findet: „Das ist doch ganz normal!“ Ihre Verteidigerin Ani Saribekyan empfiehlt, das Verfahren einzustellen. Das Ohr schmerze nicht mehr und Marie trage die Ohrringe stolz.

Noch in ihrem Plädoyer stellten die Staatsanwältinnen fest: Das Durchstechen eines Körperteils ist eine Körperverletzung - in diesem Fall sogar eine vorsätzliche. Die Verteidiger halten dagegen: „Es geschieht millionenfach auf der Welt! Warum soll das mit einem Mal strafbar sein?“ So sah es auch der Vorsitzende Moritz Hildebrandt: Körperverletzung - ja. Strafe - nein! Den Angeklagten könne nicht widerlegt werden, dass sie nicht wussten, dass die „Regel“ für Ohrlöcher „je früher, desto besser“ nicht richtig sei.

Der echte Richter Mirko Schulte lieferte Hintergrundinformationen: Hier treffe das Erziehungsrecht der Eltern auf das Kindeswohl. Vor zwei Monaten sei der Fall tatsächlich in Hessen behandelt worden. Der Ausgang war der selbe wie im Schauprozess. Das Durchstechen der Ohren für Ohrstecker oder -ringe ist eine Verletzung des Körpers, die von der Allgemeinheit aber nicht als widerrechtlich verstanden wird. „Es ist sozialadäquat“, stellte schon im Prozess die Schü­lerinnen-Anwältin Ani Saribekyan fest.

Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte war jedenfalls ganz angetan von dem Schauspiel der Klasse. Mit einem Augenzwinkern sagte er: „Ich habe den leisen Verdacht, vielleicht hat dieser Tag der offenen Tür den einen oder anderen Berufswunsch gestiftet!“

von Benedikt Bernshausen

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