Volltextsuche über das Angebot:

30 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Im Gerichtssaal darf gelacht werden

Tag des offenen Gerichts Im Gerichtssaal darf gelacht werden

Solche Szenen kennt man aus dem „Königlich bayerischen Amtsgericht“ im Fernsehen: Angeklagter, Verteidiger und sogar Richter und Staatsanwalt verhandeln ihren Fall im breitesten Dialekt.

Voriger Artikel
Großes Fest am Marktbrunnen
Nächster Artikel
Tausende Gäste im Kaufpark Wehrda

Die Beweislast ist erdrückend: Richter Andi Koch spricht das Urteil.Fotos: Sascha Valentin

Biedenkopf. Dass das auch im Hinterland möglich ist, hat jetzt eine Theatergruppe während des Tags des Gerichts in Biedenkopf gezeigt. Deren Darsteller hielten einen Prozess auf Hinterländer Platt ab.

„Wir machen Justiz für die Menschen im Hinterland - da sollten wir auch deren Sprache sprechen“, erläuterte Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte die Idee für die Vorführung. Wie wichtig das ist, habe unlängst der Fall einer älteren Dame gezeigt, die einen Termin bei einem Gerichtsmitarbeiter hatte, ihm gegenüber aber völlig verunsichert war, wie sie auftreten sollte, erzählte Schulte. Erst als ihr Gegenüber das erkannt und angeboten habe: „Mir kinn ruich Platt mirrenäe schwätze“, sei sie aufgetaut und habe gesagt: „Do fällt mir owwer e Stee vom Herze.“

Aber auch die Zahl der Zuschauer, die die muntere Verhandlung verfolgten, sprach Bände.

Mehr als 50 Gäste hatten im Publikum Platz genommen - mehr, als der Gerichtssaal je auf einmal gesehen habe, stellte Schulte zufrieden fest. Und noch etwas war anders als bei Verhandlungen sonst üblich: Es durfte gelacht werden, reichlich und herzlich. Dafür sorgte die bunt zusammengewürfelte Truppe aus acht gut aufgelegten Laiendarstellern aus allen Gemeinden des Hinterlandes.

Egal ob Andi Koch als Richter mit dunklen Geheimnissen, Rüdiger Götze als eifriger Staatsanwalt oder Ernst Metzler als pflichtbewusster Verteidiger - jeder plauderte, wie ihm der Schnabel gewachsen war, duzte den anderen oder hielt auch mit derberen Ausdrücken nicht hinterm Berg, wie richtige Hinterländer eben reden. Ganz zu schweigen von Karl Leinbach, der in die Rolle des Delinquenten geschlüpft war, dem vorgeworfen wurde, dem Schimmel der Arbeitskollegin mit roter Farbe „Ahle Dräckmogg“ auf den Leib gepinselt zu haben, oder Ulrich Künkel, der als Protokollant die Prozess-Beteiligten mit Hausnamen aufrief.

Oder Robert Müller, der als Zeuge mal eben Verteidiger und Staatsanwalt der Untreue überführte und vom Richter sogar Schweigegeld geboten bekam, um nicht noch mehr pikante Details ans Licht zu bringen. Das war besser als TV-Richterin Barbara Salesch und Co. je einen Fall verhandeln könnten. Am Ende musste Leinbach tatsächlich den Weg hinter schwedische Gardinen antreten, wobei ausgerechnet seine gehörnte Ehefrau, gespielt von Annegret Grebe, und seine Arbeitskollegin, Annegret Heuser, gemeinsame Sache machten.

So kurios und unwahrscheinlich sich der Fall auch anhören mag - nach dem Urteilsspruch lüftete Mirko Schulte das Geheimnis, das dem Schauspiel ein echter Prozess aus dem Wittgensteiner Raum zugrunde liege.

Natürlich sei er dramaturgisch abgeändert worden, aber der Fall wurde in dieser Form tatsächlich vor einem Gericht verhandelt.

von Sascha Valentin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Hinterland

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr