Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Hunderte Streikende fordern mehr Personal

UKGM Hunderte Streikende fordern mehr Personal

Rund 400 Beschäftigte beider Standorte des UKGM demonstrierten am Dienstag in Marburg für mehr Personal und bessere Arbeitsbedingungen.

Voriger Artikel
Reitplatz bleibt weiterhin gesperrt
Nächster Artikel
Räuber geben sich als Kripo-Beamte aus

UKGM-Beschäftigte aus Marburg und Gießen zogen am Dienstag durch Marburg und demonstrierten für bessere Personalstandards.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut“ oder „Mehr von uns ist besser für alle“ skandierten die Teilnehmer des Protestzugs, der sich vom Hauptbahnhof über den Pilgrimstein bis hin zur Stadthalle zog – immer wieder lautstark unterstützt von Trillerpfeifen. „Personalmangel ist die tote Oma von morgen“, war auf Protestschildern ebenso zu lesen, wie „Ausbildung braucht Qualität“.

„Heute geht es nicht um Geld oder Eingruppierungen, sondern um mehr Personal“, verdeutlicht Fabian Rehm vom Verdi-Fachbereich Gesundheit. Die Gewerkschaft hatte zu Warnstreik und Demonstration aufgerufen, um erneut für ihr Ziel von verbindlichen Personalmindeststandards, die in einem Tarifvertrag festgeschrieben werden, einzutreten. Für die Gewerkschaft ist – ebenso, wie für die streikenden Beschäftigten – klar: „Wir brauchen mehr Personal, es muss weniger Druck auf die Beschäftigten ausgeübt werden – wir wollen verträgliche Arbeitsplätze.“ Und das nicht nur auf den Stationen, wie Rehm verdeutlicht, „sondern auch in der Reinigung, in der Verwaltung und generell in den verschiedenen Abteilungen“.

Es gebe zwar Anzeichen, dass sich in der Politik langsam etwas bewege, „aber wir wollen nicht länger warten“, so Rehm. Schon seit Jahren befände man sich mit der Geschäftsleitung des UKGM in Gesprächen – doch von dort heiße es immer, man wolle keine Sonderbelastungen für das Uni-Klinikum. „Das Klinikum hat aber erst vor kurzem mehrere Millionen von der Landesregierung bekommen“, spielt Rehm auf die Einigung zwischen Land Hessen und UKGM bei der Trennungsrechnung an, „da kann ja wohl in die Beschäftigten investiert werden – damit könnte das UKGM ein echter Leuchtturm unter den Universitätskliniken werden“.

Mit der Demonstration wolle man ein „zunächst noch ziemlich softes Zeichen“ setzen, das noch „deutlich steigerungsfähig“ sei. Denn bisher habe man weder Betten noch Stationen geschlossen – das könne sich ändern. Nach Verdi-Berechnungen fehlten an beiden UKGM-Standorten rund 800 Stellen. Die Belastungen müssten die restlichen Beschäftigten tragen.

Einige Mitarbeiter äußerten gegenüber der OP, sie seien massiv unter Druck gesetzt worden, nicht am Ausstand teilzunehmen, weil sie sonst ihren Job los wären. „Das ist natürlich eine Schweinerei“, so Rehm, „es gibt eine abgeschlossene Notdienstvereinigung und ein Grundrecht auf Streik“. Der Arbeitgeber habe nicht das Recht, auf solche Mittel zurückzugreifen.

Auf OP-Anfrage teilte UKGM-Pressesprecher Frank Steibli mit, der geschilderte Vorfall sei bis zur Anfrage der OP nicht bekannt gewesen. „Wir hätten uns gewünscht, dass sich die Beschäftigten, sollte sich der Vorgang so zugetragen haben, direkt an die Geschäftsführung gewandt hätten“, so Steibli. Denn die Geschäftsführung habe ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es ein Streikrecht gebe. „Dieses Grundrecht wird in unserem Hause uneingeschränkt respektiert“, so Steibli. Man müsse das Streikrecht allerdings mit dem Versorgungsauftrag die Patienten verbinden, „da uns als Haus der universitären Maximalversorgung schwerst erkrankte und verletzte Menschen anvertraut sind“.

Deutliche Worte fand auch Martina Lindmaier von den Vitos-Kliniken: „Euer Geschäftsführer hat sich in der OP dafür entschuldigt, dass es heute zu Überbelastungen kommen könnte – er scheint vergessen zu haben: Ihr arbeitet täglich unter Überbelastung. Was ist denn das für einer, kennt der Euren Laden nicht?“, fragte sie. Geschäftsführer Weiß gebe das Geld lieber den Aktionären, „lasst Euch das nicht gefallen“, rief sie den Streikenden zu.

Aktionsbündnis: Patienten versorgen, statt Gewinn maximieren

Dr. Ulf Immelt vom DGB sagte, Gesundheit und Personal würden gleichermaßen zur Ware – das dürfe man sich nicht länger gefallen lassen. „Hier geht es ganz konkret um Eure Gesundheit und Euer Leben“, sagte er – daher gelte es, für den Tarifvertrag Gesundheitsschutz zu kämpfen.

Dieter Unselm vom Aktionsbündnis „Gemeinsam für unser Klinikum“ forderte die Geschäftsführung auf, auf Dividenden und Gewinne zu verzichten, denn „Krankenhäuser sind nicht dazu da, Profite von Herrn Münch und Konzernen zu maximieren, sondern dafür, dass Patienten gut versorgt werden – von einem gesunden Personal“. Die Privatisierung sei ein großer Fehler gewesen.

Klaus Hanschur, Betriebsratsvorsitzender am Standort Gießen, bezeichnete die Arbeitsbedingungen an beiden Standorten als „katastrophal, die Schwierigkeiten, die an uns herangetragen werden, nehmen zu – und zwar in einer Form, die nicht akzeptabel ist“. Für ihn sei klar: „Arbeit darf nicht krank machen. Daher kämpfen wir – ohne nachzulassen – für bessere Arbeitsbedingungen. Ein Element ist ein Tarifvertrag. Den wollen wir – den brauchen wir.“

UKGM will Refinanzierung durch die Krankenkassen

Bei der Geschäftsführung des UKGM stießen Streik und Demo auf Unverständnis. „Der heutige Warnstreik des nicht-ärztlichen Personals in Gießen und Marburg ist nicht nachvollziehbar, da es einen konstruktiven ‚Gesundheitsdialog‘ mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft gibt, um die Arbeitsbedingungen Schritt für Schritt zu verändern und zu verbessern. Dafür brauchen wir keinen Tarifvertrag“, sagte Dr. Gunther K. Weiß, Vorsitzender der Geschäftsführung.

Man unterstütze die Initiative der Bundesregierung, allgemeinverbindliche Mindeststandards für die Pflegeausstattung festzulegen, die ab 2019 in allen Krankenhäusern gelten sollen. „Sie müssen aber auch refinanziert werden. Wir fordern eine Verpflichtung der Krankenkassen zur Finanzierung dieser neuen Standards“, so Weiß. Auf dem Weg dahin dürfe es keine „dauerhafte Sonderbelastung des UKGM durch einen Tarifvertrag geben“. Das würde die beiden Universitätsklinika im Wettbewerb mit anderen Kliniken einseitig benachteiligen. Man habe in diesem und im vergangenen Jahr leistungsbezogen Pflegestellen aufgebaut, „darüber hinaus ganz aktuell in Gießen 30 und in Marburg 25 Schülern eine Einstellungszusage gegeben“, sagte Weiß.

Geschäftsführung und Verdi hatten eine Notdienstvereinbarung getroffen, sodass die Notfallversorgung der Patienten gesichert werden konnte. Aufschiebbare Behandlungen mussten allerdings verlegt werden. „Wir bitten unsere Patientinnen und Patienten für diese Verzögerungen und Terminänderungen um Verständnis“, sagte Weiß.

von Andreas Schmidt

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr