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Von widersetzlichen Biedenkopfern

Stadtgeschichte Von widersetzlichen Biedenkopfern

Auf spannende und kuriose Geschichten stieß Historiker Gerald Bamberger bei der Betrachtung der Biedenkopfer Hospitalstiftung. Er erfuhr etwas über widerspenstige Bürger, die eine Rangelei mit der Landmiliz nicht scheuten.

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Historiker Gerald Bamberger leitet das Hinterlandmuseum, und er ist Vorsitzender des Hinterländer Geschichtsvereins.

Quelle: Susan Abbe

Biedenkopf. Da stehen sie, die Bürger im Jahr 1714: Mit Knüppeln in der Hand und fest entschlossen, den neuen Verwalter Hosch mit seinen Siebensachen nicht ins Hospital einziehen zu lassen. Denn den Hosch halten sie für unzuverlässig und als Verwalter ganz und gar ungeeignet.

Überhaupt: Eingesetzt hat den Hosch Pfarrer Walther. Und mit dem gibt es sowieso Ärger, weil er ständig seine Kompetenzen überschreitet. Der ist doch gar nicht befugt, den Hospital-Verwalter zu ernennen. Dass der Verwalter Hosch ins Hospital einzieht und so offiziell ins Amt kommt, will die Bürgerschaft deshalb unbedingt verhindern.

Also stehen sie unverrückbar, die Biedenkopfer. Selbst als – vom Pfarrer herbeigerufen – die Landmiliz mit ihren Bajonetten anrückt. Zum Glück schießen die Milizionäre nicht. So weit will dann doch keiner gehen. Aber der eine oder andere Bürger kriegt bei dem Tumult doch eine Schramme ab. Weichen wollen die Biedenkopfer dennoch nicht. Und so zieht die Landmiliz am Ende unverrichteter Dinge ab.

Broschüre

Gerald Bamberger ist Historiker, Leiter des Hinterlandmuseums im Biedenkopfer Schloss und Vorsitzender des Hinterländer Geschichtsvereins. Seine Broschüre „600 Jahre Hospitalstiftung“ ist für fünf Euro bei der evangelischen Kirchengemeinde­ Biedenkopf, Bei der Kirche 11, oder unter der Telefonnummer 06461/2192, erhältlich.

Folgen hat das Ganze trotzdem. Es gibt eine offizielle Untersuchung. Zeugen werden gehört. Und: Ihre Aussagen werden aufgeschrieben, archiviert, geraten in Vergessenheit und landen schließlich im Staatsarchiv in Marburg: In einer Akte mit der Aufschrift „Verwaltung des Hospitals“.

Im Jahr 2017 schlägt Gerald Bamberger diese Akte auf. Der Historiker recherchiert für eine Broschüre, die er zum 600-jährigen Bestehen der Hospitalstiftung zusammenstellen will. Er will die Geschichte der im Jahr 1417 gegründeten Stiftung, die eine Art Altenheim – genannt Hospital – in Biedenkopf eingerichtet und betrieben hat, erforschen.

Also schlägt Bamberger eben jene Akte zur „Verwaltung des Hospitals“ auf. Er erwartet alte Rechnungen, die vielleicht Aufschluss darüber geben, welche Lebensmittel in welchen Mengen für das Hospital gekauft wurden, welche Einnahmen die Stiftung hatte oder welche Investitionen in die Gebäude getätigt wurden.

Doch dann entdeckt er die Zeugenaussagen der Biedenkopfer Bürger, liest vom Hosch und von der Landmiliz und landet damit „einen echten Glückstreffer“, wie Bamberger ­lachend erzählt. Ganz leicht auszuwerten waren die Zeugenaussagen nicht – nicht nur wegen der altertümlichen Sprache. „Es gibt keinen zusammenfassenden Bericht der Ereignisse in den Akten“, erklärt Bamberger. Stattdessen musste er viele Einzelinformationen aus den unterschiedlichen Zeugenaussagen herausziehen und – wie bei einem Puzzle – zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenfügen.

Broschüre zeigt viel Liebe zum Detail

Das ist ihm gelungen. Und so weiß Bamberger nun auch, wie die Auseinandersetzung zwischen der Stadt und dem unbeliebten Pfarrer ausgeht. „Die Stadt wird wegen Widersetzlichkeit zu einer Geldstrafe verurteilt“, erzählt Bamberger. ­Eine Niederlage für die Biedenkopfer Bürgerschaft also? Nicht ganz. „Der Pfarrer verliert am Ende trotzdem seinen Einfluss und wird von seinen Verpflichtungen entbunden“, erklärt der Historiker.

Ausführlicher und mit viel Liebe zum Detail und Quellenauszügen gibt Bamberger die ganze Geschichte in seiner Broschüre „600 Jahre Hospitalstiftung“ wieder. Darüber hinaus enthält das 83-seitige Heft viele weitere Informationen zur Hospitalstiftung – eine Stiftung, die bis heute zur Unterstützung Bedürftiger beiträgt. Das Hospital besteht hingegen schon lange nicht mehr. Vom früheren großen Gebäudekomplex im Bereich der Hospitalstraße steht heute nur noch die Hospitalkirche. Wie der Komplex einst aussah, war lange unbekannt.

Nur Hospitalkirche 
ist erhalten geblieben

Erst ein Plan aus dem Jahr 1814 – den Gerald Bamberger vor einigen Jahren entdeckte – gab Aufschluss. Kirche und Hospital sind darin eingezeichnet, der große Innenhof und die Nebengebäude des Hospitals gut erkennbar. Die Größe des Anwesens zeigt auch: Dem Hospital ging es über Jahrhunderte gut. Güter und Ländereien sicherten das Einkommen. Erst im 19. Jahrhundert funktionierte es nicht mehr.

Hoch verschuldet wurde das Hospital aufgelöst; die Gebäude wurden verkauft und abgerissen. Nur die Hospitalkirche, die direkt nach der 1417 erfolgten Stiftung erbaut wurde, ist geblieben. Der Kirchenchor ist unverändert erhalten und gilt laut Bamberger „zu Recht als ein Kleinod der Architektur“. Auch zur Kirche ist der Historiker auf so manches interessante Detail in den Archiven gestoßen. Er fand beispielsweise eine Rechnung, aus der erstmals das Baujahr der Kanzel hervorgeht: 1641.

Zum Kirchenschiff berichtet Bamberger, dass es – wie der Chor – im 15. Jahrhundert entstanden ist. Die Fenster seien für eine mittelalterliche Kirche allerdings auffällig. „Die Fensteröffnungen sehen nicht nach einer Kirchennutzung aus“, sagt er und berichtet, dass Fachleute diese Unstimmigkeit schon bei Arbeiten im Jahr 1977 bemerkt haben. Sie vermuteten damals, dass das heutige Kirchenschiff ursprünglich nicht als Kirche, sondern als Wohngebäude des Hospitals diente. „Eine These“, so sagt er, „die nicht von der Hand zu weisen ist“.

von Susan Abbe

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