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Hinterland Auf den Spuren der Hinterländer
Landkreis Hinterland Auf den Spuren der Hinterländer
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00:16 13.03.2019
Hinterländer Mountainbiker fiebern ihrer neuen Tour an die Wolga entgegen (von links): Jörg Krug, Siegfried Pitzer, Matthias Schmidt, Harald Becker und Ulrich Weigel. Quelle: Gianfranco Fain
Oberhörlen

Der 30. Juni naht, der Takt der Vorbereitungstreffen ist schon erhöht. Am Mittwochabend treffen sich die fünf Hinterländer Mountainbiker, um weitere Einzelheiten ihrer neuen Abenteuerreise auf den Spuren der Wolgadeutschen durchzusprechen, Aufgaben zu verteilen oder zu übernehmen sowie Ideen zu prüfen. Mit dabei sind an diesem Abend Alexander Pfaffenrodt, ein nach Deutschland übersiedelter Nachfahre deutscher Emigranten, und Gerhard Pfeifer. Der Geschäftsführer von Buderus Guss in Breidenbach war von 2011 bis 2016 für die Konzernmutter Bosch in den ehemaligen Staaten der Sowjetunion und der Mongolei tätig.

Die Wolga-Tour

Die Hinterländer Mountainbiker begeben sich auf die Spuren von Anfang des 18. Jahrhunderts nach Russland ausgewanderten Hessen. Dazu geht es am 30. Juni im Flieger der Aeroflot nach Moskau und von der russischen Hauptstadt mit dem Nachtzug weiter bis Kasan, von wo aus die fünf Hinterländer – mit ­einem weiteren Zugtransfer – ab dem 2. Juli fünf Etappen auf ihren ­Rädern entlang der Wolga auf den Spuren der deutschen Emigranten absolvieren:
1. Kasan – Kamskoje Ustje 142 km
2. Kamskoje Ustje – Tetjuschi 62 km
3. Tetjuschi – Uljanowsk 118 km
4. Dimitrovgrad – Novy Buyan 69 km
5. Novy Buyan – Samara 79 km
Im Anschluss dran und dem Transfer nach Kasachstan werden vermutlich drei weitere Etappen von 60 bis 80 Kilometern Länge folgen.

Beide sind als Ratgeber für die Tour im Team. Sowohl Pfaffenrodt als auch Pfeifer geben den Radsportlern aus ihrer Zeit jenseits des Ural-Gebirges Tipps, Pfeifer lässt zudem seine Kontakte in Russland spielen und kann für die fünf Freunde auch die Firmeninfrastruktur eines der Hauptsponsoren nutzen. Die Vorarbeiten für ihre Tour leisteten Harald Becker, Jörg Krug Siegfried Pitzer, Matthias Schmidt und Ulrich Weigel bereits, recherchierten wie vor jeder ihrer Reisen den geschichtlichen Hintergrund und die Anknüpfungspunkte auf den Spuren von Hinterländern in aller Welt. So wälzten sie in dem Jahr seit dem Festlegen der Idee – der Spur der Wolgadeutschen aus dem Hinterland zu folgen – unzählige Bücher, suchten, fanden und sprachen mit „Rückkehrern“. „Kirchenbücher sind immer eine gute Quelle“, erzählt Weigel. Darin seien sie zum Beispiel auf den Namen Johann-Georg Dam gestoßen, der aus einer Siedlung bei Oberhörlen, die es längst nicht mehr gibt, Ende des 18. Jahrhunderts dem Ruf der Zarin Katharina, der Großen, folgte.

Die Wolgadeutschen

Nach einem ersten Anwerbe-versuch durch Zar Peter, den Großen, Anfang des 18. Jahrhunderts, ermöglichte die deutschstämmige Zarin Katharina II., die Große, am 22. Juli 1763 mit ­einem Manifest Tausenden deutschen Bauern die Ansiedlung in den Ebenen beiderseits der Wolga. Sie versprach den Siedlern Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und das Verfügungsrecht über ihr Land. Daher der Name der Wolgadeutschen, die unterstützt von dem Angebot von 150 Rubel dem Aufruf folgten. Es waren etwa 100 Siedlungen geplant, die später bis zu 28 000 Wolgadeutsche bewohnten. Die Not nach dem Siebenjährigen Krieg trieb die Auswanderer über Lübeck, Bornholm und dem Finnischen Meerbusen nach Kronstadt. Von dort ging es über Nowgorod teilweise entlang der Wolga weiter in den Süden. Dort machten sie das Land fruchtbar und pflegten die deutsche Kultur. Vor 100 Jahren gründeten sie die deutsche Autonomie an der Wolga, die vom 19. Oktober 1918 als sowjetische Arbeitskommune und vom 6. Januar 1924 bis 28. August 1941 als Autonome Sozialistische Sowjetrepublik innerhalb der Russischen SFSR Bestand hatte. Diese Epoche endete während des Zweiten Weltkriegs, als der sowjetische Diktator Stalin die Wolgadeutschen in den Jahren 1941/42 zwangsweise nach Kasachstan und Sibirien umsiedeln ließ.
Quelle: Hinterländer Mountainbiker     

Viele begeisterte Unterstützer forschten für die Hinterländer Mountainbiker nach Spuren der Aussiedler. Ein Zeitungsartikel brachte den Kontakt zu einer Nachfahrin jener Menschen. Die Geschichte der Familie Engels aus Wetzlar bildet nun den „roten Faden“ für die Tour der fünf Hinterländer.

Das Thema des 
Abends ist die Logistik

Da Unmengen an Material zu sichten sind, setzen die fünf Geschichtsabenteurer diesmal komplett auf moderne Technik. Nicht nur, dass sie erstmals eine Tour mit E-Bikes bestreiten, die ganze Planung läuft digital. So kann jeder jederzeit auf das Datenarchiv zugreifen und es auch füttern, jeder sieht, wie weit die Recherchen sind, welche Quellen zitiert werden. Praktischer Nebeneffekt: Somit ist schon das Inhaltsverzeichnis für ein Buch vorhanden, das die Mountainbiker ebenso anfertigen werden wie einen Film, den sie mit Actioncams drehen. Heute Abend steht aber die Logistik auf dem Besprechungsplan. „Ein großes Problem“, wie es Weigel bezeichnet, obwohl Aeroflot den Hinterländern sehr entgegenkommt. Doch der Standard von zwei Koffern und ein Stück Handgepäck bereitet schon Kopfzerbrechen, weil die Ausrüstung, gut verteilt werden muss, damit keine Aufschläge zu zahlen sind. Denn allein die jeweils zwei Fahrrad-Akkus wiegen fast schon so viel wie ein Stück Handgepäck es darf.

Die Karte zur Wolga-Tour. Quelle: Gianfranco Fain

Aber es geht auch um weitere Details. Bei der Darstellung der Route per Beamer sieht diese völlig problemlos aus. Sie verläuft vorwiegend in Flussnähe und weist keine großen Steigungen auf. Doch Krug weiß aus Erfahrung, dass es „beim Navigieren immer Ärger gibt“, und Pfeifer gibt zu bedenken, dass Privatgrundstücke in Russland durch meterhohe Zäune geschützt sein können. Harald Becker nimmt die Aufgabe an, die Route per Satellitenbilder auf unüberwindliche Hindernisse­ zu checken. „Ein bisschen Abenteuer gehört doch dazu“, meint er zwar, fragt dann doch etwas besorgt: „Sind die Wegweiser nur in kyrillischer Schrift gehalten?“
Pfeifers schlichtes „ja“ lässt weitere Fragen folgen: Wie können wir uns dort verständigen? Wie werden uns die Russen empfangen? Welche Fehler sollten wir nicht machen?

Familie Engels

Bei ihren Recherchen fanden die Hinterländer Mountainbiker Namen von 75 Menschen, die Ende des 18. Jahrhunderts innerhalb von 6 Jahren aus dem Wetzlarer Raum, aus Marburg, Dahmshausen, Buchenau, Biedenkopf, Treisbach und Roth an die Wolga übersiedelten. Darunter waren die Vorfahren von Larissa Engels. Sie machten sich 1769 aus Staufenberg bei Gießen auf den Weg zur Wolga. Dort lebten sie in Saratow/Marxstadt, bevor sie in den 1930er-Jahren nach einer Warnung nach Romanowka nahe Astana im Kaukasus flohen.
Dort, wo es 1895 die erste deutsche Siedlung gab, wird heute noch Hessisch gesprochen. Es gab von deutschen Aussiedlern errichtete Fabriken und Schulen und ­eine deutschsprachige Zeitung „Der Friedensbote“. Im Jahr 1944 wurde die Familie Engels nach Kasachstan gebracht, kehrte nach rund 250 Jahren nach Hessen zurück.
Larissa Engels lebt seit 1997 in Wetzlar.     

„In Moskau wird das gar kein Problem“, beruhigt Pfaffenrodt. Dort seien die Menschen offen und gastfreundlich, und man könne sich mit der jüngeren Generation auch gut auf Englisch verständigen. Dennoch sei es vorteilhaft, zwei oder mehr Sätze auf Russisch sprechen zu können, bemerkt Pfeifer.

Als Sportler auf 
Völkerverständigungs-Tour

Die Deutschen würden in Russland zwar sehr geschätzt, dennoch sei das Verhältnis derzeit durch die Propaganda belastet. Deshalb rät er den fünf Abenteurern, als Sportler und Weltbürger aufzutreten und die Geschichte ruhen zu lassen. Das passt ins Konzept der Fünf, denn sie wollen laut Weigel auf ihren Touren auch die Völkerverständigung voranbringen. „Das Abenteuer liegt ziemlich nah“, sagt Weigel, obwohl es rund 1 800 Kilometer nach Osten geht. Aber: „Die Tour steht, es gibt kein Zurück mehr.“

von Gianfranco Fain