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Hinterland Hilfe für Problemfamilien mit Babys
Landkreis Hinterland Hilfe für Problemfamilien mit Babys
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18:36 04.01.2012
Bettina Löffler aus Biedenkopf sieht in diesem Modell der Familienhebammen einen guten Ansatz, der im Hinterland noch bekannter werden muss. Quelle: Sophie Cyriax
Biedenkopf

Bettina Löffler aus Biedenkopf ist speziell geschulte „Familienhebamme“. Sie unterstützt Eltern in schwierigen Situationen bis zum ersten Geburtstag des Kindes. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hat dazu kürzlich den gesetzlichen Rahmen mit einer Gesetzesnovelle geschaffen. Löfflers Erfahrungen mit dem Modell sind allerdings gemischt: „Der Ansatz ist gut, in unserer Region muss es aber noch bekannter werden.“

Seit 1977 arbeitet Bettina Löffler als Hebamme, mit einer Teilzeit-Anstellung im DRK Krankenhaus in Biedenkopf sowie im freiberuflichen Einsatz. Dabei kümmert sie sich beispielsweise um Schwangere, leitet Kurse zur Geburtsvorbereitung, macht die Nachsorge bei Müttern und Babys in der ersten Zeit des Wochenbetts – in dem Umfang, den die Krankenkassen bezahlen.

„Das ist die originäre Hebammentätigkeit“, erklärt Löffler. Darüber hinaus sieht der Gesetzgeber seit einigen Jahren vor, dass das Jugendamt oder andere Behörden bei den Familien, in denen Schwierigkeiten vermutet werden, die Besuche einer Hebamme bis zum ersten Geburtstag des Kindes bezahlen: den Einsatz der so genannten „Familienhebammen“.

Bettina Löffler hat 2009 eine Ausbildung zur Familienhebamme absolviert. „Ich wollte mein Aufgaben- und Angebotsspektrum erweitern“, erklärt sie. Familienhebammen sind speziell sozialpädagogisch geschult. Sie werden darauf vorbereitet, in „Problemfamilien“ langfristig daraufhin zu wirken, dass die Kinder gut versorgt werden. In Biedenkopf und den angrenzenden Kommunen ist Bettina Löffler die einzige speziell ausgebildete Familienhebamme. Sie wird von den zuständigen Behörden des Landkreises Marburg-Biedenkopf immer dann angefragt, wenn bei einer Schwangeren oder nach einer Geburt Konfliktsituationen vermutet werden: beispielsweise bei sehr jungen alleinstehenden Müttern, bei Eltern, die alkohol- oder drogensüchtig sind, bei Familien in großen finanziellen Schwierigkeiten oder in Fällen, in denen häusliche Gewalt bekannt ist.

„So massiv müssen die Schwierigkeiten aber gar nicht sein, auch Alleinerziehende oder Eltern mit großen Unsicherheiten können diese Form der Hilfe beantragen“, erklärt die Hebamme. Wichtigste Aufgabe von Bettina Löffler ist es, den Müttern zu helfen, eine „stabile emotionale Bindung“ zu ihrem Kind aufzubauen. „Beispielsweise sollen sie das Kind nicht stundenlang alleine schreien lassen oder sich nur vor den Fernseher setzen“, erklärt die Biedenkopferin.

Vielen ihrer Schützlinge würde schlichtweg die „Empathie“, das Mitgefühl, fehlen – „weil sie es selber nie erfahren haben.“ Mit solchen Frauen übt sie beispielsweise die sanften Berührungen aus der Babymassage. „Damit sie ihr Kind spüren und wahrnehmen.“

Bei ihren Besuchern erklärt sie den Müttern und Vätern, wie sie die Bedürfnisse eines Babys erkennen und darauf eingehen, die Ernährung ist dabei ein wichtiges Thema. So erklärt die Familienhebamme, dass ein Baby regelmäßig gefüttert werden muss oder dass Milch allein irgendwann nicht mehr ausreicht. „Wir üben dann gemeinsam, das Kind mit einem Löffel zu füttern und sprechen darüber, was es ab wann essen darf.“

Manchmal kocht die Familienhebamme auch gemeinsam mit den Eltern. Ein anderes wichtiges Thema ist die Sauberkeit: die eigene Hygiene, das Baden des Kindes, das Putzen der Wohnung. Löffler weist Familien darauf hin, wo sie zusätzliche Hilfe bekommen können – beispielsweise bei Kleiderkammern – und sie hilft beim Ausfüllen von Anträgen. Die Zusammenarbeit mit den beteiligten Behörden sei dabei selbstverständlich, erklärt Löffler.

„Familienhebammen sind oftmals ein Bestandteil des Hilfeplans, der für Familien aufgestellt wird.“ Dieser „niederschwellige“ Ansatz sei genau richtig, meint die Biedenkopferin. Denn in solchen Fällen werde die Hebamme meistens besser akzeptiert als eine Behörde: „Uns macht man eher die Tür auf als einem Sozialarbeiter.“

Ob sie langfristig etwas bewirken kann, darüber gibt sich die Hebamme mit mehr als drei Jahrzehnten Berufserfahrung keiner Illusion hin.

„Man darf nicht zu viel erwarten“, sagt sie, oft seien „kleine Schritte“ bereits ein Fortschritt. Ein kleiner Erfolg ist zum Beispiel, wenn eine Mutter verinnerliche, dass sie ihrem Baby regelmäßig etwas zu essen geben muss.

von Sophie Cyriax

Mehr darüber lesen Sie am Donnerstag in der gedruckten OP.