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Hinterland „Harte Tatsachen“ im Amtsgericht
Landkreis Hinterland „Harte Tatsachen“ im Amtsgericht
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18:49 09.05.2012
Biedenkopf

Derzeit grassiere im Amtsgericht Biedenkopf ein „Sandsteinvirus“, mit dem alle infiziert seien, berichtete in humorvollen Worten Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Harte Tatsachen“ und „Einsichten“ am Donnerstag. Schulte begrüßte rund 60 Gäste und vor allem Dr. Jens-Peter Gregersen aus Wetter, dessen Sandsteinskulpturen und Bronzeplastiken den Gerichtssaal sowie Flure und Fensterbänke schmücken.

Der aus Nordfriesland stammende Gregersen erforscht als Tierarzt Viren und Bakterien. So habe sich auch der „Sandsteinvirus“ im Amtsgericht ausgebreitet und dies sei allemal ein idealer Ort, so Schulte, da Sandstein in der Bausubstanz verarbeitet wurde.

Schulte gab anhand historischer Zeichnungen einen Einblick in die Baugeschichte des Amtsgerichtsgebäudes, das 1893 fertiggestellt und in dem roter Marburger Sandstein verbaut wurde. Das imposante Bauwerk mache die preußische Bauverwaltung erfahrbar und zeuge von dem Baustil des Klassizismus der preußischen Oberbaubehörde.

„Sparen und Nachhaltigkeit“ sei die Parole dieser Zeit gewesen und die Baubeschreibung weise Elemente, wie Ästhetik, Ökonomie und Zweckmäßigkeit aus. Schulte zeigte in einer Präsentation zahlreiche Amtsgerichte, darunter das Frankenberger (1905), das Königlich-preußische Amtsgericht Marburg (1891/94) und das in Gladenbach als jüngstes aus dem Baujahr 1908.

Gregersen erklärte, dass ihn der Sandstein mit seiner warmen Oberfläche fasziniere und seine Exponate in keine bestimmte Richtung einzuordnen seien. Ihm sei es eine Freude, in seinen Werken aus „harten Tatsachen“ bleibende Werte zu schaffen, dabei verwies er auf eine Frauenskulptur, die die Fensterbank des Gerichtssaales schmückt und aus einer Fensterbank eines Marburger Abrissgebäudes stammt.

Neben zahlreichen imposanten Exponaten besticht auch die Müntefering’sche Finanzheuschrecke, die den Betrachter unwillkürlich anzieht. Zu dieser hat Franz Müntefering (MdB) einen Brief verfasst und dieses Kunstwerk mit der lateinischen Bezeichnung acridoidea oeconomica inimica muenteferingus „abgesegnet“.

Ein Blickfang ist auch ein imposanter Grenzstein mit einem Gewicht von 219 Kilogramm. Karl-Heinz Schneider, Ehrenmitglied des Grenzgangsvereins Biedenkopf, stellte eine Beziehung zwischen dem Grenzgang und dem Sandstein her. So seien Grenzsteine immer aus Sandstein geschlagen worden, heute werde hingegen auch Diabas verwandt. Recht und Grenze stehen in engem Zusammenhang, so Schneider. Abmarkungen seien wichtig, um Grenzstreitigkeiten zu vermeiden.

Hans-Georg Wagner erläuterte den Ausstellungsbesuchern die Bedeutung des ausgestellten Grenzsteins, den Steinmetz Thomas Blöcher bearbeitete und der in der Flur „Schwarzenbach“ seinen Standort erhalten soll. Unter die Biedenkopfer Grenzsteine werde als „Unterbau“ Eisenschlacke, ein Abfallprodukt aus der Ludwigshütte, beigegeben, um eventuellen Grenzsteinfrevel sichtbar werden zu lassen.

Schulte verwies auch auf die ausgestellten Fotografien, die von den Mitarbeitern des Amtsgerichtes angefertigt wurden und die „Einsichten“ in den Ablauf eines modernen Gerichtes geben. Gleichzeitig gab Schulte einen Einblick in die Grundgedanken der Rechtsprechung: Strafe müsse sein, ob jedoch harten Tatsachen harte Strafen folgen müssten, sei von Fall zu Fall genau abzuwägen. Sanktionen müssten fair erlebt werden, sonst nehme der Bestrafte die Strafe nicht an. Es sei das Ziel, Menschen zu motivieren, nicht sie auszugrenzen.

von Helga Peter

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